VonJens Wietersschließen
Rund 100 aus der Ukraine geflüchtete Menschen leben zurzeit in der Notunterkunft auf dem Lehnsheide Campus in Visselhövede. Landrat Marco Prietz betonte während eines Besuchs, dass die Kommunen dringend Wohnraum für die Heimatlosen bräuchten.
Visselhövede – „Ja, ich muss und möchte hierbleiben. Unser Zuhause im Luhansk-Gebiet gibt es nicht mehr, es ist von den Russen zerstört worden“, sagt Olexander Veretennykov. Der 55-jährige Ukrainer lebt mit seiner Tochter, die durch ein Downsyndrom gehandicapt ist, bereits seit einigen Tagen in der Notunterkunft, die der Landkreis Rotenburg in den ehemaligen Soldatenunterkünften auf dem Visselhöveder Gewerbecampus eingerichtet hat. „Ich möchte so schnell wie möglich eine Wohnung finden und auch arbeiten. Ich glaube, dass meine Tochter in Deutschland medizinisch besser versorgt werden kann als in der Ukraine“, ergänzt Veretennykov. Seine Worte werden von Dmitriy Sredin übersetzt, der ebenfalls aus der Ukraine stammt und bereits seit März mit seiner Familie auf dem Gelände lebt.
Veretennykovs Schicksal ist eines von vielen, über das sich der Rotenburger Landrat Marco Prietz an diesem Morgen ein Bild macht. Denn er ist in der ehemaligen Kaserne zu Besuch, um Danke zu sagen. „Danke, für all das, was zunächst die vielen Ehrenamtlichen und jetzt die Hauptberuflichen des DRK hier tagtäglich leisten“, sagt der Landrat in Richtung Rolf Eckhoff, dem Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Bremervörde, unter dessen Regie die Notunterkunft geführt wird.
Rund 100 geflüchtete Menschen leben aktuell in den Zimmern rechts und links der langen Flure. Eigentlich war geplant, dass sie nur bis zu drei Tage in der Sammelunterkunft bleiben, wenn sie über das Drehkreuz Hannover-Laatzen nach Visselhövede kommen. Dann sollen sie Wohnungen in den einzelnen Kommunen des Landkreises beziehen. So der Plan.
Der war in den ersten Wochen der zweiten Flüchtlingskrise nach 2015/2106 auch relativ gut aufgegangen, aber jetzt wird Wohnraum für die Kriegsgeflüchteten so langsam knapp zwischen Oste und Wieste, Wümme und Beeke. „Darum bitten wir jeden, der irgendwo noch eine kleine Wohnung, ein Apartment oder auch nur ein paar Zimmer frei hat, sich bei den jeweiligen Rathäusern zu melden. Denn dort wird händeringend auf Angebote gewartet“, betont Landkreis-Dezernentin Heike von Ostrowski. Die will natürlich verhindern, dass die Kommunen irgendwann Sporthallen oder andere öffentliche Gebäude zur Unterbringung herrichten müssen.
Ein weiterer Bus trifft ein
„Weil wir damit den Bürgern ein Stück ihrer Gewohnheiten wegnehmen würden, wenn wir zum Beispiel Sporthallen sperren müssten. Das wäre der Akzeptanz unserer Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge sicher nicht zuträglich“, hofft auch Prietz, dass sich noch genügend Wohnungen finden. Er sei aber „richtig froh, dass wir die Räumlichkeiten hier zur Verfügung haben“. Viele andere Landkreise hätten mehr Probleme.
Unten im Flur wird es derweil ein wenig unruhiger. Auch Hundegebell ist zu hören. „Ja, es bringen ab und zu Geflüchtete auch ihre vierbeinigen Lieblinge mit. Wir haben aktuell zwei kleine Hunde und zwei Meerschweinchen hier“, sagt Martin Späth. Er ist seit dem 1. April hauptberuflicher Einrichtungsleiter, nachdem er zunächst ehrenamtlich geholfen hat, und Chef der zwölf bis 15 Personen umfassenden DRK-Truppe. „Gerade ist ein Bus mit 25 Personen angekommen“, informiert der Diplom-Chemiker, der jetzt in Visselhövede wohnt, und führt die Besuchergruppe in das Empfangszelt, das auf einem Parkplatz aufgebaut wurde. Dort stehen junge Männer und Frauen des Sicherheitsdienstes und weisen die Neuankömmlinge ein. „Das klappt auch ganz gut, Reibereien haben wir hier eigentlich nicht, bis auf Kleinigkeiten, die schon mal vorkommen, wenn viele Menschen so eng zusammenleben müssen“, umschreibt Eckhoff das Thema Sicherheit. „Und wenn es doch mal zu arg wird, dann habe ich unsere russische Bärin“, ergänzt Späth schmunzelnd und meint damit eine sehr gut russisch sprechende Mitarbeiterin, „die auch mal die Stimme erheben kann, sodass jeder auf dem Gelände versteht, was angesagt ist“.
Ja, ich muss und möchte hierbleiben. Unser Zuhause im Luhansk-Gebiet gibt es nicht mehr, es ist von den Russen zerstört worden.
Im Zelt legen die Flüchtlinge, zumeist Frauen mit Kindern, ihre Pässe vor, müssen allerlei Formulare ausfüllen und schnappen sich dann wieder ihre Koffer und Taschen, um im nächsten Gebäude auf die Auszahlung der ersten Euros zu warten. Haben sie die in der Tasche, beziehen sie ihre Räume.
„Zurzeit sind die Gebäude hier auf rund 120 Menschen vorbereitet, mehr werden es hoffentlich auch nicht werden“, betont Landrat Prietz, der aber auch weiß, dass insgesamt Platz für 350 Menschen wäre. Dafür müsste aber noch einiges angeschafft oder gespendet werden. „Zum Glück ist die Spendenbereitschaft nach wie vor sehr hoch, in allen Städten und Gemeinden“, lobt von Ostrowski und hofft, dass auch diese Hilfe nicht abreißt.
Martin Späth führt weiter in die Essensausgabe, das ehemalige Offiziersheim der Kaserne. Auf dem Weg dorthin kommt ein junger Mann, der nur ukrainisch spricht, auf den Dolmetscher Sredin zu und will etwas wissen. Der Maschinenbauingenieur antwortet kurz und knapp, der junge Mann geht glücklich davon. „Der Dmitriy ist schon Gold wert. Er ist fast 24 Stunden für seine Landsleute da, unglaublich, was der leistet“, unterstreicht Martin Späth das, was viele denken.
Der Müdigkeit entgegen
Im Essenssaal wird gerade der Boden gefeudelt, alles blitzt und blinkt. „Auch die Versorgung klappt, dank der Rotenburger Werke, die das Essen liefern, ganz prima“, informiert Späth. Dort sei man auch ganz flexibel, wenn mal kurzfristig 20 Portionen zusätzlich geordert würden. „Das Gleiche gilt für die Wäscherei der Werke.“
Draußen kicken ein paar Jungs. „Ball geht immer“, stellt Landrat Marco Prietz fest. Andere Kinder machen sich auf den Weg zum Waldspielplatz in der Lehnsheide. „Das ist zum Glück alles sehr nah und auch der VfL Visselhövede hat den Kindern die Nutzung des Sportgeländes gestattet“, hebt Martin Späth hervor.
Die Stunde ist rum, die meisten Besucher haben weitere Termine. Der Landrat dankt allen, dass sie die Situation der Flüchtlinge weiter ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken, denn „das Thema ist für viele nicht mehr präsent. Es herrscht eine gewisse Müdigkeit in der Bevölkerung, sich weiter damit auseinanderzusetzen.“ Dennoch sei es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass in der Ukraine Krieg herrsche und jeden Tag Menschen ihr Land verlassen müssten. „Ein Ende ist nicht in Sicht und deshalb müssen Landkreis und alle Kommunen sich darauf einstellen, langfristig Menschen aufzunehmen und sie in unsere Gesellschaft zu integrieren.“
