Den Hürden auf der Spur: Arbeitsgruppe in Fintel macht auf Defizite bei Barrierefreiheit aufmerksam

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Oft sind es schon so vermeintlich lapidare Dinge wie ein in den Weg reinwachsender Baum, die für Rollifahrer und ihre Begleiter ein Hindernis darstellen können. Volker Witt und Wiebke Riebesehl demonstrieren dies Bürgermeister Claus Aselmann gleich an einem Praxisbeispiel.
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Viel zu tun hat die noch junge AG „Barrierefreie Mobilität in Fintel“. Denn genau damit, mit der Barrierefreiheit, sieht es im Ort noch nicht überall optimal aus.

Fintel – Was es bedeutet, im Rollstuhl durch Fintel geschoben zu werden, das darf Bürgermeister Claus Aselmann (CDU) heute mal am eigenen Leib erfahren. Dafür hat Volker Witt (CDU), beratendes Mitglied im Gemeinderat, schon gesorgt. Zur Probe nimmt Aselmann, der sich sonst bester Gesundheit erfreut, in dem Rolli Platz, nur um nach wenigen Metern festzustellen, dass es an der nächsten Einmündung nur unter Anstrengung noch ein Weiterkommen gibt. Denn: Es fehlt an einer Absenkung im Bordstein – auf ganzer Linie. Barrierefreiheit sieht sicher anders aus. So manövriert Witt den Rollstuhl nebst Passagier nur mit Mühe und Not über die Fahrbahn. Der Bürgermeister wird kräftig durchgeschüttelt. „Gerade für ältere Menschen wäre dies jetzt die reinste Tortur“, beschreibt Witt den Querungsversuch.

Arbeitsgruppe für Barrierefreiheit

Er muss es wissen, stößt der Finteler doch immer wieder an Grenzen, seitdem er mit seiner gehbehinderten Frau – sie sitzt seit einigen Jahren im Rollstuhl – im Ort unterwegs ist. „Wir haben uns dabei schon immer darüber geärgert, dass einige Wege und Straßenüberquerungen überhaupt nicht für Leute geeignet sind, die mobilitätseingeschränkt sind“, sagt der 55-Jährige. Das betreffe bei weitem nicht nur Rollifahrer nebst deren Begleitung – nein, auch Menschen, die auf einen Rollator oder E-Scooter angewiesen sind, hätten hier und dort das Nachsehen. „Man muss ja gar nicht mobilitätseingeschränkt sein“, lenkt Wiebke Riebesehl ein, „es reicht schließlich schon, wenn man einen Kinderwagen vor sich her schiebt und die Gehwegplatten nicht ebenerdig sind.“

Was sie und Witt eint: Beide engagieren sie sich in einer freien Arbeitsgruppe, die das Problem an der Wurzel anpacken möchte. „Barrierefreie Mobilität in Fintel“ nennt sich der von Witt initiierte und vom gemeindlichen Dorfausschuss abgesegnete Kreis, zu dem auch SPD-Ratsfrau Sabrina Zimmer sowie Marina Schabbel gehören.

Zugewachsener Gehweg am Spielplatz.

Sinn und Zweck der AG: Sie soll dem Rat mit ihren Ideen zuarbeiten, gewisse Bereiche, wo es noch Verbesserungsbedarf gibt, katastieren. Und das tun die vier Mitglieder bereits: Die Liste an Auswertungen, wo die Barrierefreiheit im Dorf noch zu wünschen übrig lässt, ist lang. Dabei, betont Volker Witt, gibt es vielerorts inzwischen schon gar nichts mehr zu beanstanden – das Gemeindebüro etwa, das ganz ohne Hürden passierbar sei, die Sparkasse, die Volksbank, die Kirche oder der Edeka-Markt. „Alles bestens soweit“, befinden er und Riebesehl. Anders als etwa das Heimathaus, wo es im Eingangsbereich immer noch an einer Rampe mangeln würde, die Tür ohnehin relativ schmal sei, oder der Gasthof am Pferdemarkt. „Dort gelangt man nur in den kleinen oder großen Saal, nicht aber vorne über die Treppen in die Gaststube“, beschreibt es Witt.

Welcher Frage das Quartett ebenfalls schon nachgegangen ist – und zwar im Rahmen einer Begehung: Wo gibt es Probleme mit den Fußwegen beziehungsweise den Überwegen? Was bei der Analyse positiv ins Gewicht fiel: Die beiden Kreisverkehre in Fintel weisen ganz ordentliche Absenkungen auf, andere Bereiche, beispielsweise an der Jakobstraße, am Osterberg an der Straße Spitzen, rund um den Fleetsee und einem Teilstück vor der Grundschule, sind der Gruppe eher negativ ins Auge gefallen. Entweder, weil die Wege zugewuchert oder Pflastersteine stellenweise uneben sind oder Gullydeckel drei bis vier Zentimer hoch stehen.

„Ein großes Thema, das wir uns vorgenommen haben, ist mal zu gucken, wo wir in Fintel überhaupt Bänke stehen haben, auf denen Leute, die den Rollstuhl schieben oder die am Rollator gehen, sich zwischendurch auch mal hinsetzen können“, berichtet Wiebke Riebesehl, die in Schneverdingen bei der Lebenshilfe arbeitet, die mit der „Aktion Mensch“ und der Stadt für das Projekt „Kommune Inklusiv“ kooperiert. Auch daher, sagt sie, rührt ihr Interesse, das Thema Barrierefreiheit auch in ihrem Heimatort aktiv aufzugreifen, wenngleich das Schneverdinger Projekt noch weit mehr Bereiche umfasse.

Viel geht auch günstig

Solche Dinge sind es, über die die Finteler Arbeitsgruppe dem Gemeinderat nun einmal gerne unterrichten möchte. „Vieles lässt sich ja schon mit kleinem Geld beheben, ohne den Haushalt zu belasten“, weiß Volker Witt. Für die Ausbesserung von drei Pflastersteinen müsse man ja auch nicht gleich ein großes Unternehmen beauftragen, das könne der Bauhof ebenso gut.

Nur wann und in welcher Reihenfolge, das steht derweil noch in den Sternen. Sämtliche Defizite abgearbeitet zu haben, so wie es sich Witt vorstellen könnte, hält Claus Aselmann jedenfalls für utopisch: „Wir haben dieses Jahr versucht, unser Freibad hinzukriegen – das war mir wie auch vielen anderen Leuten im Ort immens wichtig“, sagt der Bürgermeister. Viel Zeit sei in die Sanierung investiert worden, viel Zeit sei auch flöten gegangen, zudem sei mittendrin auch noch ein Mitarbeiter vom Bauhof erkrankt gewesen – „dadurch haben wir nichts anderes mehr geschafft.“

Stolperfalle: Dieser Gully steht ganze drei Zentimer über dem Weg.

Riebesehl wirbt schon heute dafür, solche Wege zu priorisieren, die viel frequentiert würden. Sie weiß: „Es wird lange dauern, bis alle Ziele erreicht sind.“ Schließlich rede man aktuell nur über Mobilitätseingeschränkte, nicht aber etwa über Blinde oder Taube. „Das wäre dann wahrscheinlich Schritt drei und vier“, sagt ihr Arbeitskreis-Kollege.

Vorbild Schneverdingen

Wofür die Verantwortlichen sich die Schnevedinger Inklusionskampagne zum Vorbild nehmen möchten: Über die „Aktion Mensch“ lassen sich Fördergelder akquirieren – allerdings ausschließlich für Maßnahmen, die von Initiativgruppen durchgeführt werden, wie Witt erklärt. Er gibt ein Beispiel: „Wenn die Landjugend jetzt sagt, sie möchte einen behindertengerechten Kinderspielplatz bauen, würde die Soziallotterie Geld dazugeben.“ Darüber hinaus gibt es für bauliche Maßnahmen aber auch Fördertöpfe vom Landkreis – „hier müssen wir uns aber noch näher über die Möglichkeiten schlaumachen.“

Eine Idee, wie sich Barrierefreiheit stellenweise herstellen lässt, ohne dass die Gemeinde auch nur einen einzigen Cent ausgeben müsste, hat der Finteler Kommunalpolitiker auch schon: „Mancher Anwohner sollte einfach mal vor seinem Grundstück den Weg freihalten – damit wäre doch allen schon sehr viel geholfen.“

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