VonMichael Krügerschließen
Die Pandemie hat die Krankenhäuser und deren Personal in den vergangenen Jahren schon stark belastet, nun sorgen die massiv gestiegenen Energiepreise für große Sorgenfalten: Auch das Rotenburger Diakonieklinikum fordert einen Inflationsausgleich, um nicht in eine strukturelle Schieflage zu geraten. Die Probleme bei der Versorgungstechnik dürfen nicht zum Problem der medizinischen Versorgung werden.
Rotenburg – Die Rechnung geht nicht mehr auf für das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Die Energiepreise für das 800-Betten-Haus steigen wie für alle Verbraucher deutlich an, dazu kommen die Belastungen durch die Jahre der Corona-Pandemie sowie höhere Gehälter für die Mitarbeiter und Kostensteigerungen bei Zulieferern und Partnern. „Die schwarze Null ist momentan nicht zu halten“, betont Geschäftsführer Detlef Brünger. Das Diako ist Teil der Teil der „Niedersächsischen Allianz für die Krankenhäuser“, einem Bündnis von 19 Verbänden und Organisationen. Die haben zuletzt mit großer Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen in verschiedenen Orten auf die Finanzprobleme der Kliniken aufmerksam gemacht. Anders als Unternehmen der freien Wirtschaft könne man die Mehrkosten nicht einmal teilweise an die „Kunden“ weitergeben. Deswegen braucht es politische Hilfe.
Doch die ist aktuell nicht wirklich in Sicht. Zwar hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Anfang September ein Hilfspaket angekündigt. „In dieser Energie- und Inflationskrise lassen wir unsere Krankenhäuser nicht im Stich und werden sie über den Herbst und über den Winter bringen“, hieß es von ihm in der Haushaltsdebatte im Bundestag. Konkrete Zusagen, wie die Situation gemeistert werden kann, blieben allerdings bislang aus. Gerade die freigemeinnützigen Krankenhäuser wie das Rotenburger Diako stelle das vor massive Probleme. Zum einen seien nahezu alle Krankenhausleistungen durch Festpreise für das Jahr fixiert, zum anderen gebe es weder Ausgleiche durch die öffentliche Hand noch größere Liquiditätsreserven wie bei privaten Krankenhausträgern. „Wenn wir ins Defizit rauschen, kann ich nicht beim Landkreis anrufen wie die Aller-Weser-Klinik“, so Brünger mit Blick nach Verden und Achim, wo es jährlich Millionen-Zuschüsse gibt.
„Bei uns zehrt eine Situation wie jetzt deutlich schneller an den Grundfesten der Finanzierung“, betont Brünger. Schon im vergangenen Jahr habe das Diako ein Minus von rund 1,9 Millionen Euro eingefahren. Das werde 2022 nicht anders sein, allein die Mehrkosten durch die gestiegenen Gaspreise beziffert Brünger auf zwei Millionen Euro. Das Diako hänge wie die benachbarten Rotenburger Werke und das Mutterhaus an einem Blockheizkraftwerk der Stadtwerke und musste zuletzt alle Erhöhungen mitgehen. Erst für 2023 und 2024 habe man wieder einen Festpreis vereinbaren können.
Patientenzahlen sinken
Brünger hat die Situation des Diako im Vergleich zu anderen Häusern zuletzt auch politisch klar gemacht. Ob es was nützt, ist noch unklar. Für den Geschäftsführer müssen nun Gelder her, die nicht nach dem „Gießkannen-Prinzip“ ausgeschüttet werden, also „ein System, das denen hilft, die es brauchen“. Zudem müsse die „Finanzlogik“ der gesamten Krankenhausfinanzierung überdacht werden, die nur „über Menge bezahlt“. Brünger: „Wir bekommen nur für jeden behandelten Patienten Geld.“ Halte ein Krankenhaus zur Daseinsvorsorge bestimmte Bereiche ungenutzt vor, zahle es dafür drauf. Gerade in der Pandemie habe sich aber gezeigt, wie wichtig das sei. Um fünf Prozent seien in den vergangenen Jahren die Patientenzahlen gesunken, weil zum Beispiel weniger Vorsorgetermine genutzt werden – und damit die „Fallschwere“ im Krankenhaus steige. Im Sinne der „Allianz“ brauche auch das Diako einen Inflationsausgleich aus Steuermitteln für Sachkosten, zudem einen Energiepreisdeckel. Ohne die notwendigen Hilfsmaßnahmen befürchtet der Deutsche Evangelische Krankenhausverband „ungesteuerte Insolvenzen und damit massive Versorgungslücken“ gerade im ländlichen Raum.
In eine größere finanzielle Schieflage sei das Diako allerdings bislang nicht geraten. „Ohne eine politische Lösung wird die Perspektive aber auch fürs Diakonieklinikum schwieriger“, so Brünger. Wichtig für Patienten: Leistungseinschränkungen gebe es nicht. Und auch in den Zimmern müsse derzeit niemand frieren, weil die Heizung kalt bleibt. Natürlich schaue man genau, wo es noch Einsparpotential gebe – so wird aktuell die Klimatechnik saniert –, aber gerade in den gesundheitlich und medizinisch sensiblen Bereichen wie in den Operationssälen oder bei der Sterilisation der Gerätschaften gebe es keinen Spielraum. Zudem baue man ein eigenes „Sicherheitsnetz“ auf, es gebe natürlich Notstromaggregate, auch in einen neuen Flüssiggastank habe man zuletzt investiert. Insgesamt führe die Ungewissheit zu „noch deutlich präziseren Finanzplanungen“, der Blick fokussiere sich auch auf Fördermittel. Großprojekte seien derzeit nicht in Planung.
Plan: Neue Mitarbeiter in der Pflege
Nicht nur durch den pandemischen Mehraufwand zum Beispiel für Patienten, die isoliert werden müssen, sondern auch, weil der Krankenstand beim Personal weiter höher sei als früher gewohnt, könne das Diako in dieser Zeit nicht seine ganzen Kapazitäten ausspielen. Hinzu komme der gravierende Fachkräftemangel gerade im Pflegebereich. So könnten zum Beispiel gar nicht alle Operationssäle genutzt werden, auch die Kantine ist für die Mitarbeiter wegen Personalmangels seit einigen Wochen geschlossen. „Der Applaus allein hat nicht gereicht“, so Brüngers Seitenhieb auf das, was in der Pandemie Anerkennung für die Branche symbolisieren sollte.
Es müsse mehr passieren, dafür brauche es finanziellen Spielraum. Das Diako hat es sich zum Ziel gesetzt, im kommenden Jahr 40 neue Stellen im Pflegebereich aufzubauen. Dort sind bislang rund 750 der insgesamt 2 350 Diako-Mitarbeiter tätig. Nur müsse man diese Mitarbeiter wie alle in der Branche erst einmal finden. Brünger: „Die Situation ist aktuell nicht angenehm.“
Corona sorgt auch im Diakonieklinikum weiter für Mehrarbeit
Die Coronalage im Landkreis nimmt nach der Entspannung im Sommer wieder an Fahrt auf. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Sieben-Tage-Inzidenz am Mittwoch mit 375 angegeben, am Dienstag lag sie noch bei 356 – binnen eines Tages gingen 184 neue laborbestätigte Infektionen von Menschen aus dem Kreis in die Statistik ein. Die Daten bilden die Infektionslage derzeit allerdings nicht vollständig ab. Experten gehen von einer hohen Zahl von Fällen aus, die nicht vom RKI erfasst werden – vor allem, weil bei Weitem nicht alle Infizierten einen PCR-Test machen lassen. Nur positive PCR-Tests zählen in der Statistik. Der Landkreis Verden hat aktuell mit 590 die höchste Inzidenz in Niedersachsen. Im Rotenburger Diakonieklinikum blickt man ganz genau auf diese Statistiken – weil sie zu konkreter Mehrarbeit führen. Vier Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung werden dort aktuell intensivmedizinisch behandelt, müssen allerdings nicht beatmet werden. 32 Patienten mit Covid-19 gibt es aktuell dort insgesamt. Sie werden auf den jeweiligen Stationen isoliert – mit den entsprechenden Schutzvorgaben für die Mitarbeiter und der so geringeren Bettenkapazität. Auf wieder deutlich steigende Zahlen sei man aber „gut vorbereitet“, heißt es.


