VonMichael Krügerschließen
Soll man sich bei der CDU nun freuen, oder doch mehr ärgern? Die beiden Direktmandate im Landkreis Rotenburg verteidigen die Christdemokraten, die langjährige Mehrheit im Wahlkreis Rotenburg und die Regierungsbeteiligung in Hannover sind aber futsch.
Rotenburg – Die CDU hat die Mehrheit im Wahlkreis 53 Rotenburg verloren. „Wir konnten uns dem Landestrend nicht entziehen“, sagt am Wahlabend der CDU-Kreisvorsitzende Marco Mohrmann, allzu unglücklich klingt er dabei aber nicht. Denn: Er selbst hat ganz deutlich im Wahlkreis 54 Bremervörde sein Mandat verteidigt, und sein Rotenburger Kollege Eike Holsten hat es auch wieder geschafft – wenn auch sehr knapp. 677 Stimmen waren es vor fünf Jahren, die der Rotenburger Holsten vor dem SPD-Herausforderer Tobias Koch lag, jetzt waren es sogar nur 582, die zwischen beiden lagen. Kurz nach 20 Uhr war der Wahlkrimi in Rotenburg beendet. Holsten: „Zwischendurch habe ich mich mindestens eine Stunde lang hinten gewähnt. Klar, dass ich erleichtert und glücklich bin.“
Mit engen Wahlergebnissen kennt sich Holsten also aus. Das war auch parteiintern nicht ganz anders, sogar noch etwas dramatischer, nachdem Ende des vergangenen Jahres der Wahlkreis erweitert wurde. Holsten, eigentlich in den bislang zum Wahlkreis gehörenden sechs Rotenburger Altkreiskommunen einstimmig zum CDU-Kandidaten nominiert, sah sich durch die Vergrößerung um Oyten und Ottersberg sowie die Erweiterung von knapp 60 000 auf rund 82 000 Wahlberechtigte mit Dirk Gieschen plötzlich parteiinterner Konkurrenz ausgesetzt. Beim großen CDU-Showdown im März in Mulmshorn sind es dann gerade einmal elf Stimmen, die beide trennen. Nun kann Holsten erneut durchatmen, es klappt mit der Titelverteidigung des Mandats, das er vor fünf Jahren von Mechthild Ross-Luttmann „geerbt“ hat.
Dass es mit der Erbfolge und bisherigen Selbstverständnissen für die CDU aber auch in der eigentlich traditionell ländlichen geprägten Region des Wahlkreises vorbei ist, zeigt der Blick auf die Zweitstimmen. Die CDU gewinnt nur noch in Bothel und Scheeßel, in Rotenburg, Visselhövede, Fintel, Sottrum, Ottersberg und Oyten hat die SPD die Nase vorn. Das Endergebnis zeigt einen Vorsprung von gut zwei Punkten. Die Christdemokraten verlieren fast sechs Prozentpunkte gegenüber der Wahl 2017, die SPD knapp zwei. Vor allem die AfD (+5,4) und die Grünen (+4,4) gewinnen. Die FDP bleibt auch im Wahlkreis 54 Rotenburg unter der Fünf-Prozent-Marke.
Mohrmann will mitsprechen
Mit einem der besten CDU-Wahlkreisergebnisse im Rücken möchte der Kreisvorsitzende Marco Mohrmann in der künftigen Oppositionsarbeit der CDU in Hannover „ein gehöriges Wort mitsprechen“. Das hat der 49-Jährige am Sonntagabend bestätigt. Zwar büßte Mohrmann im Vergleich zu 2017 mehr als vier Punkte ein, lag mit 46 Prozent der Stimmen aber weiter deutlich vor seinem erneuten Herausforderer Bernd Wölbern (SPD) mit 29,6 Prozent.
Mohrmann hatte das Mandat 2017 im traditionell sehr CDU-treuen Wahlkreis als Nachfolger des langjährigen Abgeordneten und ehemaligen Landwirtschaftsministers Hans-Heinrich Ehlen übernommen. Nun wechselt er mit seinem Rotenburger CDU-Kollegen Eike Holsten in die Oppositionsarbeit, für höhere Aufgaben dort hege er „durchaus Ambitionen“. Gleich am Montag werde er wieder in Hannover sein, um mit seiner Partei das „enttäuschende Gesamtergebnis“ aufzuarbeiten. Wölberns Landtagsgastspiel ist als Nachrücker wieder beendet. Die SPD-Unterbezirksvorsitzende Ina Helwig bedauert das, auch für den ganzen Landkreis – der nun nur noch mit zwei Abgeordneten vertreten sein wird. Wölbern sagte, Mohrmann habe den Wahlkreis zwar gewonnen, aber zufrieden mit seinem Ergebnis könne auch er nicht sein, denn die eigentlichen Wahlgewinner seien die Grünen und die AfD.
Der 39-jährige Holsten darf also weiter im Landtag Politik machen, gemeinsam mit seinem Kreisvorsitzenden Mohrmann aus Rhadereistedt allerdings künftig in der Opposition, wie erwartet wird. „Das landesweite Ergebnis für die CDU ist katastrophal. Umso glücklicher bin ich, wieder den direkten Einzug in den Landtag geschafft zu haben – jetzt aber bin ich dort in neuer Rolle“, so Holsten. Mohrmann spricht auch von einer „Enttäuschung“, kreidet das hiesige Ergebnis aber weniger der eigenen Arbeit als der allgemeinen Stimmung an. Bernd Althusmann sei der richtige Spitzenkandidat der CDU gewesen, mit ihm hätte es „eine Frischzellenkur“ gegeben. Nur: „Die Mehrzahl der Wähler wollte in diesen Zeiten lieber in den sicheren Hafen des Ministerpräsidenten Weil.“ Konstruktive Oppositionsarbeit versprechen Mohrmann und Holsten nun. Auf die ist Ina Helwig schon gespannt. Für die Co-Chefin im SPD-Unterbezirk ist das Ergebnis ihres Kandidaten Tobias Koch keine Niederlage, zudem habe man die CDU-Dominanz im Wahlkreis beendet. Und Eike Holstens „Heimspiel“ in Rotenburg habe man wie 2017 für sich entschieden.
Insgesamt gesehen sind die Stimmen auch im Wahlkreis Rotenburg breiter gestreut worden als früher. Zwar erreichen Holsten (34,2 Prozent) und Koch (33,0 Prozent) noch Ergebnisse wie zu Zeiten großer Volksparteien, aber mit der Grünen-Kandidatin Bettina Schwing (13,6 Prozent) und AfD-Politikerin Marie-Thérèse Kaiser (10,4 Prozent) überspringen zwei weitere Kandidatinnen die Marke von zehn Prozent Wählerstimmen. Henning Cordes (FDP), Jürgen Baumgartner aus Ottersberg (Die Linke) und Michael Urban (Freie Wähler) spielen aber keine Rolle – genau wie ihre jeweiligen Parteien bei den Zweitstimmen.
Ein Kommentar von Michael Krüger
Klare Aufgabe für Holsten
So knapp das Ergebnis auch beim zweiten Duell mit SPD-Herausforderer Tobias Koch ist, so heftig die Klatsche für die CDU in Niedersachsen und vor allem deren Spitzenkandidaten Bernd Althusmann ausfällt: Eike Holsten nimmt für seine zweite Amtszeit in Hannover einen klaren Auftrag aus seiner Heimat mit. Und der kann nur lauten: mehr Profil, näher an die Menschen, klarere Positionen. Der Landtagswahlkampf in Niedersachsen hat inhaltlich im Prinzip nicht stattgefunden, auch nicht hier vor Ort. Die Menschen haben als potenzielle Wähler derzeit einfach andere Sorgen, als sich mit dem zu beschäftigen, was in Hannover entschieden werden könnte. Das zeigt leider auch die schlechte Wahlbeteiligung von nur 61 Prozent. Die großen Themen, die Angst vor der nächsten Gasrechnung, Krieg, Pandemie und Unsicherheiten prägen das aktuelle Denken. Natürlich standen Holsten, Koch und Co. unermüdlich in der Öffentlichkeit, haben Haustürwahlkampf betrieben, Marktplätze besucht und viel Politik-Prominenz in den Wahlkreis gelockt. Es gab viele schöne Bilder in sozialen Medien, Gespräche mit Unternehmen und anderen wichtigen Menschen. Große Schlagzeilen gab es trotzdem nicht von denen, die gewählt werden wollten. Unser Landtagsabgeordneter Eike Holsten sollte die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Zum einen, dass er liefern muss, unabhängig vom Schwächeln seiner Partei. Der nun größere Wahlkreis schenkt ihm das Vertrauen, es in den kommenden fünf Jahren noch etwas besser machen zu können, auch wenn das jetzt aus der Opposition heraus geschieht. Zum anderen, dass es keine Selbstverständlichkeiten mehr gibt. Das Mandat ist ein Auftrag.


