Dorothee Clüver nimmt Abschied vom Campus in Unterstedt

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Jana Exner (l.) folgt im Campus-Team auf Dorothee Clüver, die sich Ende des Jahres in den Ruhestand verabschiedet.
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Der Campus in Unterstedt ist nahezu voll belegt. Gerade erst sind 14 weitere Ukrainer angekommen. „Es ist also sehr gut, dass nun eine weitere Unterkunft für Flüchtlinge am Glummweg entsteht“, betont Dorothee Clüver. Seit sieben Jahren ist sie im Auftrag des Rotenburger Diakonissen-Mutterhauses auf dem Campus hauptamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig. Ende des Jahres aber steigt sie aus und geht in den Ruhestand. Sie wird 65.

Rotenburg – „Der Abschied fällt mir wirklich schwer“, sagt Dorothee Clüver, „vor allem, weil gerade jetzt in gesteigertem Maße was zu tun ist.“ Ende des Jahres verlässt sie den Campus Unterstedt und geht in den Ruhestand. Der Zuzug zahlreicher Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine vor allem hält das Campus-Team zurzeit ordentlich auf Trab. Neben Dorothee Clüver ist auch die 25-jährige Jana Exner an Bord. Eine junge Sozialwissenschaftlerin, die die Nachfolge von Clüver antreten wird, aber schon seit September froh ist, dass ihre Vorgängerin sie gut einarbeitet. Ihr zur Seite steht in der Flüchtlingsunterkunft Cornelia Höck, sie ist schon seit längerer Zeit als Hauptkraft auf dem Campus tätig.

Das war für mich eine sehr wertvolle Zeit, eine Bereicherung für mein Leben.

Dorothee Clüver

Mit der Ankunft vieler Flüchtlinge von 2015 an hat Dorothee Clüver auf dem Campus für sich eine neue Aufgabe gefunden. Sieben Jahre später ist sie immer noch ganz angetan von dieser wichtigen Aufgabe: „Das war für mich eine sehr wertvolle Zeit, eine Bereicherung für mein Leben.“

Es gehe dort in der Unterkunft um Menschlichkeit, um Dankbarkeit und um die Geschichten der Menschen, die nach Rotenburg kommen. „Ihnen zu helfen, ist eine wichtige und schöne Aufgabe.“ Viel gebe es zu tun. Von Routine allerdings könne nie die Rede sein. Das stellt auch Jana Exner nach nur wenigen Wochen fest: „Jeder Tag ist anders, es kommen immer wieder neue Aufgaben und Herausforderungen auf uns zu.“

Clüver vergleicht die Arbeit in der Flüchtlingshilfe mit der eines Arztes: „Man muss sich auf jeden Menschen neu einstellen, jeder Fall ist anders.“ Nur eines hätten alle Flüchtlinge gemeinsam: Sie brauchen erst einmal Zeit, hier anzukommen. Die 64-Jährige: „Wir versuchen daher, mit dem Herzen zu sehen.“ Mal dauert das Ankommen lange, mal geht es ganz schnell. Da spielten mitunter auch traumatische Erlebnisse eine Rolle, die die Flüchtlinge mitbringen. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, wenn die junge Mitarbeiterin Jana Exner von einer sinnstiftenden Arbeit spricht. „Die Menschen sind sehr dankbar – und sie bringen das auch zum Ausdruck.“

Das kleine Büro gleich neben dem Haupteingang des zentralen Hauses auf dem Campus ist für die Menschen, die hier nach ihrer Flucht ein Dach über dem Kopf bekommen haben, die zentrale Anlaufstelle. „Da ist es eigentlich nie ruhig, laufend kommt jemand zu uns“, berichtet Dorothee Clüver. Da könne es auch mal stressig werden. Das gehöre dazu. Schließlich liegt die wesentliche Aufgabe darin, viel zu organisieren.

Es geht vor allem darum, viel zu organisieren

Wer gerade erst angekommen ist, muss sich einrichten, wer schon länger auf dem Campus lebt, muss sich mit den zuständigen behörden auseinandersetzen, einen Platz im Deutschunterricht bekommen, ist vielleicht aber auch schon auf der Suche nach Arbeit oder braucht Plätze für die Kinder im Kindergarten oder in der Schule. Wiederum andere benötigen ärztliche Hilfe, sind aber nicht mobil – wer also kann fahren? Und wann? Es sind so viele Fragen, die bei dem Campus-Team auf dem Tisch landen und förmlich nach Antworten schreien.

„In den ersten Monaten, nachdem ich hier angefangen habe, haben mich diese offenen Fragen oft bis in die Nacht verfolgt“, schildert Clüver ihre ersten Erfahrungen in diesem Job. Nach und nach habe sie jedoch gelernt, Mechanismen zum eigenen Schutz zu entwickeln und diese auch anzuwenden. „Es war wichtig, die Belastung so weit wie möglich zu minimieren.“

Die Menschen, um die sich die Damen auf dem Campus zu kümmern haben, kommen aus vielen verschiedenen Ländern, „und so sind sie auch in ihrer Mentalität sehr unterschiedlich“. Etwa, wenn es darum geht, wie sich kleine Konflikte lösen lassen, und wie wichtig es ist, pünktlich zu einem vereinbarten termin zu erscheinen. „In meinem Büro hängt noch der Gong meiner Großmutter – den haben wir manchmal tatsächlich benutzt, um die Leute zu wecken.“

Die hauptamtlichen Kräfte im Auftrag des Mutterhauses stehen nicht allein auf weiter Flur; sie können auf ein großes Netzwerk in der Stadt und im Landkreis zurückgreifen. „Das funktioniert wirklich gut“, lob Dorothee Clüver das Engagement vieler Haupt- und auch Ehrenamtlicher. Die Stadtverwaltung, Mitarbeiter verschiedener behörden beim Landkreis, die Volkshochschule und nicht zuletzt Martina Hoffstedt als Ehrenamtskoordinatorin im Mutterhaus sind wichtige Ansprechpartner. „Wir alle müssen uns untereinander sehr viel absprechen, und so hat bei uns im Team jeder seine Aufgabe gefunden“, erklärt die 64-Jährige, die das Organisieren als Geschäftsfrau im Familienbetrieb bestens gelernt hat. Die Spedition ist schon längst verkauft.

Die Erfahrungen aus der Zeit seien aber hilfreich – bei der Suche der Flüchtlinge nach Wohnungen, bei Fragen zu Asylverfahren und den erforderlichen Unterlagebn, bei der Suche nach Arbeit. „Der Schlüssel ist definitiv die Sprache.“ Und in diesem Punkt seien die Ehrenamtlichen ganz dicht dran am Thema, denn nicht selten scheitert der Start in die Ausbildung oder in den Job an fehlenden Deutschkenntnissen.

„Manche Tage sind wirklich schwer, aber wir machen das gerne“, betonen die beiden Damen. Sie sprechen von einer „unverzichtbaren Hilfe“, die allein die Ehrenamtlichen dabei leisten – und damit an vielen Stellen für Entlastung sorgen, den Menschen zugleich aber auch eine Tagesstruktur verschaffen. Der Austausch zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen finde daher regelmäßig statt. Allein schon, um zu vermeiden, dass sie gegeneinander ausgespielt werden. Clüver: „Letztendlich geht es um Vertrauen – das wissen die Menschen. Viele, die bereits in eine eigene Wohnung ausgezogen sind, kommen deshalb immer noch zu uns.“ Und das sei auch okay, wenngleich das Ziel der Arbeit darin liege, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. „Sie müssen irgendwann auf ihren eigenen Beinen stehen.“ Das funktioniere in den meisten Fällen.

Jana Exner stellt schon jetzt fest: Gerade die Menschen, die derzeit aus der Ukraine kommen, bringen zum Teil schlimme Geschichten mit. Bilder, die uns alle von dort erreichen, unterstreichen das. Dennoch sagt die junge Frau: „Die Herkunft der Flüchtlinge spielt keine Rolle bei der Hilfe.“ Sie verdränge selbst daher die Bilder – und bemühe sich um Hilfe. Das sei es, worum es geht.

Für Dorothee Clüver war es stets von Bedeutung, den Frauen dabei zu helfen, sich zu emanzipieren – damit auch sie nach der Flucht die Möglichkeit bekommen, sich frei zu entwickeln und ihre guten Möglichkeiten zu nutzen. „Ich kämpfe für die Rolle der Frauen“, sagt sie.

Ende des Jahres geht sie in den Ruhestand. Mehr Zeit hat sie dann für die Kulturinitiative Rotenburg, für die Stiftung Kirche sowie für ihr Engagement als Gästeführerin. Sie hilft also weiter – wenn auch an anderen Stellen.

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