VonHeinrich Krackeschließen
Ist es schon das Ende der steigenden Immobilienpreis? Die Erlöse für Einfamilienhäuser sind im Kreis Verden rückläufig. „Eine gewisse Beruhigung des Marktes“, sagen Experten.
Verden/Achim – Sie sind noch einmal deutlich gestiegen, die Preise fürs Eigenheim im Landkreis Verden. Auch im Jahr 2022 noch. Energiekrise, Ukraine-Krieg und höhere Hypothekenzinsen fordern dennoch ihren Tribut. „Im März verzeichneten wir den Höchststand bei den Verkaufspreisen. Seither stellen wir einen Rückgang fest“, sagt Gerd Ruzyzka-Schwob vom Gutachterausschuss des Kasteramtes. Er spricht auf Nachfrage noch von einer „gewissen Beruhigung“ des Marktes. Ob damit der seit einem Jahrzehnt geltende Trend zu immer höheren Preisen schon gebrochen ist, müsse sich zeigen.
Knappe 400 000 Euro für ein mittleres Einfamilienhaus, für das vor zehn Jahren noch die Hälfte zu zahlen war? Künftig wieder sinkende Erlöse? Ein Ende gar der Immobilienblase? Viele Hausbesitzer, die womöglich alles verlieren? Hatten wir ja auch schon in der Vergangenheit. Ruzyzka-Schwob wehrt ab. „In Großstädten okay, da mag vielleicht von einer Blase die Rede sein. Eventuell möglich, dass es da auch mal zu Preisabstürzen kommt. Im Landkreis Verden kann aber trotz der zuletzt gestiegenen Preise nicht von einer Blase die Rede sein. Der Markt zwischen Ottersberg und Dörverden ist gesichert. Auch deshalb, weil die Rendite noch nicht ins Negative abgedriftet ist.“
Bis zum Knick im März kannten die Preise nur eine Richtung. Sie stiegen. Gegenüber dem ersten Halbjahr des Vorjahres nochmals um atemberaubende 18 Prozent. Wer vergangenes Jahr noch 324 000 Euro für eigene vier Wände hinzublättern hatte, ist jetzt mit 382 000 Euro dabei. Rund 60 000 Euro mehr, und das nicht etwa in der Spitze, sondern im Schnitt. Eine Kurve nach oben, die allerdings nicht völlig überraschend kommt. Der Immobilienpreisindex des Gutachterausschusses weist für den Jahresvergleich bereits ein Plus von 17 Prozent auf.
Quasi über Nacht dann die Wende. Plötzlich zahlen Käufer nicht mehr jeden Preis, der aufgerufen ist, plötzlich erscheinen Hausangebote häufiger auf den Internetplattformen oder den Anzeigenseiten, plötzlich tendieren erste Verkäufer sogar dazu, den Preis bei der zweiten Veröffentlichungsrunde zu senken. Und Hausverkäufe völlig ohne Preisschild, Interessenten sollen Gebote abgeben, das höchste gewinnt, dieses Phänomen gehört offenbar ebenfalls der Vergangenheit an.
Die neue Vorsicht beim Kauf lässt sich auch in Zahlen festmachen. Erstmals innerhalb der vergangenen fünf Jahre rutschte die Anzahl der Kaufverträge im Kreis Verden unter die Marke von 400. Exakt 384 bebaute Grundstücke wechselten den Besitzer im ersten Halbjahr 2022. Vor einem Jahr etwa waren es noch knapp 70 mehr. Ruzyzka-Schwob: „169 Millionen Euro wurden im ersten Halbjahr umgesetzt. Hier ist der Geldumsatz um vier Prozent rückläufig, obwohl die Anzahl der Kaufverträge sogar um 15 Prozent rückläufig war.“ Alles in allem liege das aktuelle Preisniveau wieder auf dem Wert vom vergangenen Dezember.
Seiner Ansicht nach dämmten vor allem zwei Faktoren die Kauflust. Die gestiegenen Zinsen und die Energiekosten. „Wer für ein Durchschnittshaus vergangenes Jahr noch etwa 300 Euro an Zinsen pro Monat aufzubringen hatte, der ist aktuell mit mehr als 700 Euro dabei. Und die Tilgung kommt noch obendrauf.“ Gleichzeitig wachse der Kostendruck. Vor allem ältere Gebäude seien nicht energetisch saniert. Mehr noch, so Ruzyzka-Schwob, sie lassen sich mit vertretbarem Aufwand gar nicht mehr auf aktuellen technischen Stand bringen. Energiepreise, um das Doppelte und mehr gestiegen, verursachten deshalb aus gutem Grund sorgenvolle Mienen. „Da sind viele zurückhaltend geworden.“
Dass sich aus dieser neuen Konstellation schon eine Art Flucht aus den jüngst bezogenen Einfamilienhäusern ergeben könne, um nicht noch tiefer in Schulden zu rutschen, das hält Ruzyzka-Schwob für eher unwahrscheinlich. „Die meisten Käufer haben eine langfristige Finanzierung abgeschlossen. Sie profitieren noch längere Zeit von niedrigeren Zinsen.“ Gleichzeitig handele es sich oft um Neubauten, die energetisch gut in Schuss seien.
Ganz erlahmt ist das Interesse an der Immobilie nicht. Trotzdem die Finger davon lassen? Ruzyzka-Schwob: „Wichtig ist, sich sehr gut zu informieren. Wenn der Preis stimmt und die Finanzierung okay ist, kann man kaufen.“ Informationen gibt beispielsweise der Gutachterausschuss für Grundstückswerte Verden-Sulingen.
