VonMatthias Röhrsschließen
Am Sonntag ist Fahrplanwechsel bei der Bahn. Die Linie RB76 zwischen Rotenburg und Verden bekommt mit RS6 einen neuen Namen und einen neuen Betreiber. Das heißt, dass auch die fast 30 Jahre alte Diesellok, die in den vergangenen Jahren auf dieser Strecke pendelte, verschwindet.
Rotenburg/Verden – Im Jahr 2022 wirkt der Dieselzug der EVB, der zwischen Rotenburg und Verden pendelt, fast wie ein Fremdkörper. Nahezu 30 Jahre ist er im Dienst und ist äußerlich bereits aus der Zeit gefallen. Fast alles versetzt einen zurück in die 90er-Jahre. Die Richtungsanzeige des Zuges ist noch analog, die Türen muss man mit einem kleinen Hebel öffnen, die Sitzpolster im Innenraum sind dick – kein Vergleich zu modernen Personenzügen, wie etwa der jüngsten Generation des Metronoms, der gerade auf dem gegenüberliegenden Gleis den Rotenburger Bahnhof in Richtung Bremen verlässt.
Der Nostalgiefaktor hier auf Gleis vier ist jedenfalls hoch, doch am heutigen Samstag fährt der alte EVB-Dieselzug mit Seltenheitswert, Bezeichnung VT 628, die Strecke zum letzten Mal. Ab Sonntag, mit dem Fahrplanwechsel, übernimmt die Nordwestbahn mit modernen Zügen die Strecke. Sie ist dann Bestandteil der Regio-S-Bahn Bremen/Niedersachsen.
Die Strecke ist sehr kurz
An diesem Vormittag ist Fabian Mielke der Zugführer. Nur noch wenige Schichten liegen vor dem zweiteiligen Zug, der mit einem Gelenk zusammengehalten wird. Seit September ist der Verdener für einen Personaldienstleister im Auftrag der EVB zwischen Aller und Wümme unterwegs – immer hin und her. Die kurze Strecke ist ungewohnt. Normalerweise kommt er weiter rum, fährt im ganzen Bundesgebiet Güterzüge. Die Schichten im VT 628 sind für ihn aber eine willkommene Abwechslung, erklärt Mielke. Die Fahrten seien „entschleunigend“.
Die neue Linie RS6
Neuer Name, neue Züge – dennoch ändert sich auf der neuen Linie RS6 zwischen Rotenburg und Verden nichts am Fahrtangebot, teilt der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen mit. Es gibt keinen Zwischenhalt, die Fahrzeit beträgt 18 Minuten. Die Züge verkehren täglich im Zwei-Stunden-Takt – ab Rotenburg von 8.06 bis 20.06 Uhr und ab Verden von 7.31 bis 19.31 Uhr. Zusätzliche Zugverbindungen werden montags bis freitags in den Hauptverkehrszeiten angeboten – je drei morgens und je zwei nachmittags beziehungsweise abends, so die Nordwestbahn in einer Pressemitteilung. Freitags, samstags und sonntags gibt es je eine zusätzliche Fahrt am Abend: ab Rotenburg um 22.06 Uhr, ab Verden um 21.31 Uhr. Den Fahrplan gibt es auch online.
Tatsächlich ist auf der Strecke Rotenburg-Verden wenig, was ihn oder jeden anderen Zugführer ins Schwitzen bringen kann: Es sind lediglich knapp 18 Minuten Fahrt, fünf Bahnübergänge, wenige Bahnhöfe ohne Halt, zumeist nur eine Spur. Sechs Mal hin und zurück fährt er während einer Schicht. Dementsprechend routiniert bewegt er das alte Fahrzeug über die Schienen. Er kenne die Linie mittlerweile auswendig, sagt er. Und der VT 628? Er fahre sich schon anders als die modernen Züge, erklärt Mielke, vielleicht sogar besser. Die Technik sei robuster und damit weniger störanfällig, es gebe keine Software zu beachten, dafür müsse man noch mehr selber machen. „Aber das macht dann auch mehr Spaß“, sagt der Zugführer.
Die Hydraulik lässt zischend Druck ab, langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Nach einer kurzen Weile nimmt Mielke ein Mikrofon in die Hand und begrüßt die Fahrgäste via Lautsprecherdurchsage. „Auch das muss man hier noch selbst machen“, sagt er hinterher schmunzelnd. Im Führerhaus ist fast alles analog. Es gibt sogar noch eine Kassenvorrichtung aus den alten Zeiten, in denen man sein Ticket noch beim Fahrer lösen konnte.
Seit 1993 im Dienst
1993 ist der VT 628 laut Datenblatt der EVB auf die Schiene gekommen – und seitdem hat sich allem Anschein nach wenig verändert. Die Farbgebung im Inneren mit lila beziehungsweise grünen Wänden und petrol-grauen Sitzen würde man heute als gewagt bezeichnen. Die Mülleimer haben deutliche Gebrauchsspuren, sind zerkratzt, auch so mancher Hinweisaufkleber erinnert eher an alte als an neue Zeiten. Der Zug quietscht und klappert durch Wiesen und Wälder, vorbei an Höfen und Feldern. Mit etwa 115 Stundenkilometern geht es an Schafen und Kühen entlang. Neben der Strecke stehen immer wieder Bahnmitarbeiter in leuchtend-oranger Warnkleidung und inspizieren die Trasse. Mielke winkt ihnen zu, sie winken zurück.
Mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag endet die Ära EVB auf dieser Strecke. Dann übernimmt die Nordwestbahn den Personenverkehr zwischen Rotenburg und Verden, aus der Linie RB76 wird die Linie RS6. Seit 2014 hat die EVB den Pendelverkehr zwischen Rotenburg und Verden bedient – anfangs noch als Subunternehmer für die Deutsche Bahn. „Wochentags pendelte der VT 628 zwischen Rotenburg und Verden, an den Wochenenden sogar bis nach Minden“, so Andrea Stein, Pressesprecherin der EVB. 2018 gewann das Unternehmen dann den Zuschlag für diese Linie, der Vertrag endet jetzt.
Nordwestbahn rüstet Flotte auf
Mit der Nordwestbahn kommen modernere Züge zum Einsatz. Das Unternehmen rüstet zum Fahrplanwechsel seine Flotte auf. Zu den vorhandenen 35 Triebwagen des Typs Alstom Coradia Continental kommen zusätzlich 16 neue vierteilige Fahrzeuge vom Typ Stadler Flirt 3 XL hinzu. Diese Züge erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 160 Kilometern in der Stunde und verfügen auf einer Gesamtlänge von 86,9 Metern über sieben Fahrgasttüren auf jeder Seite, teilt die Nordwestbahn mit. Es gebe Platz für 527 Fahrgäste, 260 Sitzplätze. Zwischen Rotenburg und Verden ist eine volle Auslastung allerdings kaum zu erwarten.
Nach etwa 15 Minuten neigt sich die Fahrt in Verden ihrem Ende entgegen. In etwa einer Stunde steht die Rückfahrt nach Rotenburg an. Mielke bremst den Zug auf 40 Stundenkilometer runter und fährt langsam in den Bahnhof ein. Zwischendurch verabschiedet er die Gäste wieder via Durchsage, die Anschlusszüge kennt er mittlerweile auswendig.
Er wird in Zukunft wieder Güterzug fahren, weiß er. Der VT 628 wird nach dem Fahrplanwechsel nach Bremervörde verlegt, klärt hingegen EVB-Sprecherin Stein auf. „Dort werden er und die anderen Züge dieser Baureihe als Notfallreserve und für den Moorexpress bereit gehalten.“


