Endometriose: „Die Anzahl der Betroffenen ist enorm“

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Dr. Wladimir Pauker vom Rotenburger Diakonieklinikum operiert Endometriose seit Jahrzehnten.
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Dr. Wladimir Pauker leitet die Rotenburger Frauenklinik des Diakonieklinikums und hat schon viele Endometriosepatientinnen behandelt. Im Interview erklärt er Hintergründe und Perspektiven.

Rotenburg – Endometriose ist eine chronische Erkrankung der Gebärmutter. Dabei siedelt sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter an. Die Wucherungen können mit anderen Organen verwachsen und zu Zysten und Entzündungen führen, die vor allem während der Menstruation sehr starke Schmerzen verursachen und häufig zu Unfruchtbarkeit führen. Wir haben den Leiter der Rotenburger Frauenklinik, Dr. Wladimir Pauker, nach medizinischen Hintergründen, seinen Erfahrungen mit der Krankheit und der Versorgungssituation in Rotenburg gefragt.

Wie viele Frauen sind schätzungsweise von Endometriose betroffen?
In Deutschland werden jährlich 30 000 Neuerkrankungen diagnostiziert. Weltweit ist nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, jede zehnte Frau im reproduktiven Alter, also zwischen 15 und 49 Jahren, betroffen. Das macht über 170 Millionen Frauen weltweit, die an Endometriose erkrankt sind.
Was ist über die Ursachen von Endometriose bekannt?
Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle. Die älteste Theorie ist rund 100 Jahre alt und geht davon aus, dass Endometriose aus Stammzellen im Bauchfell entsteht. Danach gab es viele weitere Theorien, aber es ist bis heute noch nicht abschließend geklärt, warum eine Endometriose entsteht. Es wird gegenwärtig viel diskutiert, dass immunologische, genetische und hormonelle Faktoren für die Entstehung verantwortlich sein könnten. Genetisch würde deshalb passen, weil es oft so ist, dass weibliche Angehörige von Betroffenen ebenfalls Endometriose haben. Es kann also gut sein, dass genetische Aspekte eine gewisse Rolle spielen. Es gibt aber keine diagnostische Methode, die die Ursache zweifelsfrei feststellen kann. Aktuell ist also noch nicht klar, wo die Ursachen liegen.
Welche Theorie finden Sie persönlich am überzeugendsten?
Meine favorisierte Theorie ist die letzte. Also das vielschichtige Entstehungsmodell, wo sowohl genetische Komponenten, als auch immunologische und hormonelle Faktoren eine Rolle spielen.
Stimmt es, dass die Krankheit heute häufiger vorkommt als früher, weil Frauen heutzutage viel häufiger ihre Regel haben, da sie später oder nie Kinder bekommen?
Nein, nicht ganz. Es sind häufig Frauen betroffen, bei denen die erste Periode sehr früh einsetzt. Das heißt, dass die hormonelle Funktion früher in Gang kommt. Das Risiko an Endometriose zu erkranken steigt auch, wenn die Zyklusblutung häufiger auftritt, also nicht nur alle vier Wochen, sondern zum Beispiel alle drei Wochen. Diese Frauen mit früher erster Periode und gehäuften Zyklusblutungen haben ein erhöhtes Risiko an Endometriose zu erkranken. Außerdem sind tendenziell eher schlanke Frauen mit einem niedrigem Body-Mass-Index betroffen.
Aktuell werden mit der operativen Entfernung von Entzündungsherden lediglich die Symptome behandelt. Gibt eine medizinische Perspektive zur ursächlichen Bekämpfung?
Das ist vergleichbar mit den Versuchen der Krebsbekämpfung. Solange wir den Auslöser nicht kennen, ist es schwierig, mit der Behandlung anzufangen. Was soll man behandeln, wenn man die Ursachen nicht kennt? Das ist das Problem. Wir bekämpfen Symptome, wir bekämpfen Schmerzen und versuchen diese zu lindern. Wir versuchen, den Frauen die Möglichkeit zu geben, schwanger zu werden und Kinder zu bekommen. Ich würde mich freuen, wenn man in 20 Jahren eine Maßnahme zur Vorbeugung oder dauerhaften Behandlung gefunden hat, aber bis jetzt ist das noch nicht absehbar.
Endometriose verursacht zahlreiche Entzündungsherde im Frauenkörper.
Wie groß ist die finanzielle Ausstattung der Ursachenforschung?
Wir sehen, dass die Anzahl der Betroffenen enorm ist. Die jährlichen Behandlungskosten, und wahrscheinlich sind Forschungsmittel darin enthalten, belaufen sich weltweit auf 119 Milliarden Dollar. Für Deutschland kenne ich leider keine genauen Zahlen, weil wir in Deutschland kein Register für Endometrioseerkrankungen haben.
Die Krankheit wird oft erst viele Jahre nach dem Auftreten erster Symptome erkannt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Es ist oft so, dass die Symptome vielfältig sind: von Bauchschmerzen über Kopfschmerzen bis zu Gelenkschmerzen. Weil die Symptome oft untypisch sind, gehen die Patientinnen zu verschiedenen ärztlichen Kollegen. Im Schnitt dauert es oft sechs, sieben oder acht Jahre, bis eine Diagnose festgestellt wird. Es gibt von der WHO die Angabe, dass das Durchschnittsalter bei der Diagnose 27 Jahre beträgt. Aber man kann die Erkrankung schon mit 15 haben. Da ist also viel Luft nach oben, um die Krankheit früher in den Griff zu bekommen und zu behandeln. Obwohl die Erkrankung sehr weit verbreitet ist, fehlen oft fachliche Informationen. Wir bekommen häufig Patientinnen, bei denen bei der ersten Operation nicht genug gemacht wurde. Der erste Schritt wäre die komplette operative Sanierung, danach kann man dann weiter behandeln.
Betroffene berichten häufig, dass niedergelassene Frauenärzte von der Krankheit nicht wissen oder sie nicht entdecken. Woran liegt das?
Das liegt meist nicht an der mangelnden Kompetenz der niedergelassenen Ärzte, sondern an der Vielfalt der Beschwerden. Manchmal haben Patientinnen nur eine erhöhte Temperatur, Magenbeschwerden oder Schwindel. Es ist nicht immer so, dass man Schmerzen im Unterbauch oder Periodenschmerzen hat. Deshalb wandern sie von Arzt zu Arzt: Internist, Hausarzt, Neurologe. Das dauert dann natürlich ziemlich lange. Aber die Frauenärzte sind eigentlich schon gut informiert und verweisen bei Verdachtsfällen an die Kliniken und Zentren. Da mangelt es nicht an Aufklärung. Die Erkrankung ist einfach schwierig festzustellen.
Ist also die fachliche Trennung und Spezialisierung ein Grund dafür, dass Patientinnen von Facharzt zu Facharzt wandern, und wären dann ganzheitliche Versorgungskonzepte wie Polikliniken für eine schnellere Diagnose hilfreich?
Es gibt mittlerweile schon gewisse Medizinische Versorgungszentren in Ballungsgebieten, wo sich verschiedene Fachärzte zusammen tun und sich gut austauschen. Das sind dann schon so ähnliche Strukturen wie in Polikliniken. Die Bewegung geht schon in die Richtung, dass mehr fachliche Kompetenzen auf einen Raum gelegt werden. Ich finde, dass die Spezialisierung trotzdem notwendig bleibt. Gerade die Spezialisten können diese Erkrankung feststellen und wissen, wie die Krankheit gezielt behandelt werden kann.
Wie sieht die fachübergreifende Arbeit im Rotenburger Krankenhaus aus?
Wir haben auch verschiedene fachliche Expertisen, die wie eine Poliklinik zusammenarbeiten. Wir haben unsere gemeinsame Sprechstunde, in der wir uns mit den Kollegen austauschen können. Es gibt auch gemeinsame Konferenzen. Dort sprechen wir mit Vertretern anderen Disziplinen über einzelne Patienten.
Findet die Diagnose von Endometriose auch bei Ihnen im Krankenhaus statt?
Die Diagnose findet bei uns statt und die Behandlung auch. Weil wir in Rotenburg eine Klinik der Maximalversorgung sind, arbeiten die Abteilungen Hand in Hand. Das ist die höchste Qualitätsstufe, wir haben die ganze medizinische Logistik im Haus. Diese Exzellenz haben nur zehn Prozent der Kliniken in Deutschland. Bessere Behandlungsstrukturen als bei uns gibt es nicht.

Zur Person

Dr. Wladimir Pauker leitet seit 2019 die Frauenklinik des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg. Zuvor war der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Frauenklinik im Klinikum Bremen Nord als Chefarzt tätig. Dr. Pauker stammt ursprünglich aus Baku im heutigen Aserbaidschan und studierte bis 1989 Humanmedizin an der Russischen Staatlichen Medizinischen Universität in Moskau. In Russland arbeitete er in der Gynäkologie und Geburtshilfe in verschiedenen Krankenhäusern. Die Suche nach einer umfassenden Spezialisierung führte ihn 1997 nach Deutschland. Zu den Schwerpunkten des 55-Jährigen gehören die gynäkologische Onkologie, die Urogynäkologie und die Minimalinvasive Chirurgie.

Haben Sie persönlich viele Erfahrungen mit der Behandlung von Endometriose gemacht?
Ich persönlich operiere seit Jahrzehnten Endometriose-Patientinnen. Als Arzt im Krankenhaus habe ich oft sehr fortgeschrittene Situationen, die viel technischen und fachlichen Aufwand in der operativen Behandlung erfordern. Da muss dann nicht nur ein Teil entfernt werden, sondern die Endometriose hat sich weit im Becken der Frau ausgebreitet und ist mit Nachbarorganen verwachsen. Aus meiner Sicht kann ich Ihnen sagen, dass der operative Aufwand in so einem Fall genauso groß ist, wie bei einer Krebsoperation. Wir operieren hier in Rotenburg und haben vor, uns zukünftig hier in der Region als Endometriose-Zentrum zu positionieren.
Wie weit sind diese Pläne fortgeschritten?
Wir sammeln immer mehr Erfahrungen und das ist der wichtigste Schritt, um ein Kompetenzzentrum zu bilden. Nur fällt es uns personell aufgrund der bestehenden Coronasituation schwer, im klinischen Alltag diesen zusätzlichen Aufwand zu leisten. Deshalb ist eine Zertifizierung als spezialisiertes Zentrum hier aktuell schwer möglich. Aber sobald wir mit den Strukturen auf dem Stand vor Corona zurück sind, wird es uns möglich sein.
Also ist es eher eine personelle als eine finanzielle Frage?
Es ist eine Personalfrage und es ist die Frage nach Kapazitäten im klinischen Alltag.
Aber Sie verweisen trotzdem keine Patientinnen an die spezialisierten Zentren in Hamburg oder Hannover?
Wir schicken keine Patientinnen weg. Diejenigen, die zu uns kommen, werden genauso wie in allen anderen hochgestuften Zentren behandelt.
Viele Betroffene berichten davon, dass ihnen immer wieder gesagt wurde, dass starke Schmerzen während der Menstruation normal seien. Ist diese Haltung auch ein Grund, warum bei vielen Frauen die Endometriose erst spät entdeckt wird?
Ja, das ist häufig so. Es ist so, dass oft nur über bestimmte schwierige Erkrankungen berichtet wird und wenn man etwas anderes hat, wird darüber nicht diskutiert. Es wird nicht wahrgenommen und dann wird es bagatellisiert, obwohl wir eigentlich alle nach einer besseren Lebensqualität streben.
Haben Sie das Gefühl, dass heute mehr über die Krankheit gesprochen wird?
Ich sehe schon, dass wir mehr Patientinnen haben und daher gehe ich davon aus, dass ein gewisser Wandel im Bewusstsein stattgefunden hat.
Was würden Sie Frauen raten, die starke Menstruationsschmerzen haben, wenn die niedergelassenen Ärzte keine Ursache feststellen können? Sollten sie sich direkt an ein Krankenhaus oder ein Endometriose Zentrum wenden?
Ja, das ist möglich. Und das ist auch ein häufiger Vorstellungsgrund bei uns im Diakonieklinkum.
Haben Sie Wünsche an Ihre Fachkollegen und niedergelassene Gynäkologen?
Mit den niedergelassenen Ärzten arbeiten wir schon gut zusammen und es ist so, dass es auch verschiedene Kliniken gibt, mit denen unsere Kollegen zusammenarbeiten. Ich würde es begrüßen, wenn diese Verbindungen weiter bestehen, und möchte mich für die gute Zusammenarbeit bedanken.
Was wünschen Sie sich für die Betroffenen von Endometriose?
Schmerzen und unerfüllter Kinderwunsch sind die häufigsten Symptome der Krankheit. Das steht aus meiner Sicht im Mittelpunkt. Ich würde mich freuen, wenn diese Probleme in der Zukunft wissenschaftlich gelöst werden könnten, und wünsche den betroffenen Frauen alles Gute.

Endometriose: Chronische Erkrankung der Gebärmutter

Laut der Selbsthilfeorganisation „Endometriose Vereinigung Deutschland“ sind 8 bis 15 Prozent der Frauen zwischen der Pubertät und den Wechseljahren von Endometriose betroffen. Trotz der hohen Verbreitung werde Endometriose gesellschaftlich sehr wenig wahrgenommen. Bei der Erkrankung siedelt sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe (Endometrium) im Bauch- und Beckenraum – teilweise sogar in der Lunge – an. Das Endometrium baut sich periodisch mit dem Menstruationszyklus auf und blutet während der Menstruation. Das abgestoßene Gewebe außerhalb der Gebärmutter kann den Körper nicht verlassen und staut sich. Dadurch werden Zysten und Entzündungen an den betroffenen Organen verursacht.

Die Vereinigung nennt vielfältige Beschwerden von Patientinnen wie Bauch- und Rückenschmerzen, allgemeine Erschöpfung, Schmerzen beim Sex, Blutungen aus Darm und Blase, starke Regelblutungen, vermehrtes Auftreten von Allergien oder ungewollte Kinderlosigkeit. Bei rund der Hälfte der Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben, ist Endometriose die Ursache. Die zweifelsfreie Diagnose kann nur durch eine Bauchspiegelung und anschließender Untersuchung einer Gewebeprobe erfolgen. Die so identifizierten Entzündungsherde können chirurgisch entfernt werden. Da keine ursächliche Behandlung bekannt ist, treten die Entzündungen nach einer Operation oft erneut auf.

Die Selbsthilfeorganisation bietet Beratung für Endometriose-Betroffene, Personen mit Verdacht auf Endometriose und weitere am Austausch Interessierte (z.B. Angehörige oder Partner) an. Betroffene finden hier Unterstützung bei Reha- und Rentenanträgen und weiteren sozialrechtlichen Fragestellungen. Die Vereinigung stellt auch Kontaktdaten zu spezialisierten medizinischen Fachkräften zur Verfügung und veranstaltet jedes Jahr eine große Tagung mit vielfältigen Inhalten an wechselnden Orten. Weitere Informationen: www.endometriose-vereinigung.de

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