Erst zwei Kreuze, dann zur Kunst

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Birgit Ricke und Ulrike Jungemann in der Müller-Scheeßel-Ausstellung am Bundestagswahlsonntag. „Eine gute Idee, das mit Kunst zu verbinden“, sagt die Bürgermeisterin.
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Auf dem Meyerhof gibt es nach der Wahl Kunst von Ernst Müller-Scheeßel

Eine Gruppe Kinder stürmt ins Kunstgewerbehaus auf dem Meyerhof. Birgit Ricke, die ehrenamtliche Leiterin der Ausstellungen des Heimatvereins, erklärt kindgerecht einige Bilder von Ernst Müller-Scheeßel. „Alle Bilder sind ungefähr hundert Jahre alt“, erklärt sie den jungen Besuchern. Ein Vater betritt das Gebäude, bleibt vor einer Bremer Ansicht mit Weser stehen. „Wisst ihr, was die Weser ist?“, fragt er die Kids. „Ein Fluss“, ruft eins der Kinder. Auch das war der Wahlsonntag in Scheeßel. Im Meyerhof wurden die Erst- und Zweitstimmen abgegeben, nebenan, im Kunstgewerbehaus, blieb die Politik draußen – wobei: „In diesen unruhigen Zeiten sind Kunst und Kultur einfach wichtig“, meint eine Wählerin und Kunstfreundin, mit der Birgit Ricke ins Gespräch kommt.

„Ich kenne Sie“, sagt Gabriela Villwock zu einer Frau, die im Wahllokal im Meyerhof ihre Stimme abgeben will. Eigentlich kennt Villwock, die Wahlvorständin ist, fast jeden. „Seit 1987 lebe ich in Scheeßel, das fühlt sich fast schon an wie gebürtig.“ Der Meyerhof ist mit seinem historischen Charme ein ganz besonderes Wahllokal. Allerdings eins mit Tücken. „Die Heizung haben wir an bekommen“, ist Villwock erfreut. 800 Wahlberechtigte könnten den Meyerhof ansteuern, so viele wahlberechtigte Scheeßeler gehören zu diesem Wahlbezirk. „Ich finde, dass die Beteiligung bisher sehr gut war“, bilanziert Villwock am Mittag und zeigt auf den Stapel mit den abgegebenen Wahlbenachrichtigungen.

Nebenan im Kunstgewerbehaus spricht Birgit Ricke nicht von guter Wahlbeteiligung, sondern von regem Zuspruch – „das freut mich wirklich“. Bis zur Mittagszeit waren gut 25 Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung, die die Neuerwerbungen an Müller-Scheeßel-Werken des Heimatvereins zeigt. „Bis zum Nachmittag werden wir die Zahl von 50 Besuchern locker knacken“, ist sie überzeugt. Damit bringt dieser Kunst-Wahlsonntag mehr Besucher in eine Ausstellung als es an einem gewöhnlichen Sonntag mit geöffnetem Kunstgewerbehaus der Fall wäre.

„Erst mal zu mir“, sagt Gabriela Villwock im Wahllokal. Sie kennt halt doch nicht jeden. Neben ihr sitzt Ralf Vorrath, der zum ersten Mal Wahlhelfer ist. „Als ich gehört hatte, dass Wahlhelfer gesucht werden, habe ich mich gemeldet. Es dürfen ja nicht zu wenige sein“, sagt er über die Motivation für diesen Ehrenamtsjob. Und die Wahlvorständin freut sich, dass jemand vergessen hat, die schwere Tür zum Meyerhof zu schließen. „So kommt ein bisschen mehr frische Luft rein.“ Die Schicht des Teams geht noch bis 13 Uhr. Um 18 Uhr sind alle wieder vor Ort, um auszuzählen.

„Man muss die Leute ansprechen“, sagt Birgit Ricke im Kunstgewerbehaus. Das tut sie. Das Paar, das gerade an den Werken des bekanntesten Scheeßeler Künstlers vorbeischlendert, begleitet Freunde zur Wahl. Die Leiterin des Kunstgewerbehauses erklärt kurz und knapp die biografischen Fakten und verweist auf die Blaudruckausstellung gegenüber.

Zwischendurch schaut Scheeßels Bürgermeisterin Ulrike Jungemann vorbei. Sie besucht jedes Wahllokal und berichtet, dass an der Beekeschule die ersten Wählerinnen und Wähler schon vor acht Uhr vor der Tür standen. „Bisher eine gute Wahlbeteiligung“, bilanziert auch sie. Und in Ostervesede, berichtet die Verwaltungschefin, haben die Ehrenamtlichen das Dorfgemeinschaftshaus nach der Karnevals-Prunksitzung am Samstagabend zuvor wieder flott gemacht. Birgit Ricke ist derweil im kleinen Museumsshop gefragt. Eine Besucherin möchte noch ein Souvenir als Geschenk mitnehmen.

Beim „Team-Villwock“ nebenan ist alles im Lot. “Löpt“, ist der knappe Kommentar der Wahlvorständin. Schließlich sei so eine Bundestagswahl „wie immer perfekt vorbereitet“. Und für alle, die die rechtzeitige Abgabe ihrer Briefwahlunterlagen verpennt haben, hängt ein Zettel über dem Rathausbriefkasten, dass dort nichts mehr eingeworfen werden soll. Die Kinder, die spontan die Ausstellung im Kunstgewerbehaus besucht haben, sind noch in den Genuss einer kleinen Erdkundestunde durch einen der Väter gekommen. Dass der Fluss Weser heißt, wissen einige. Die Weser fließt aber nicht in den Nil – das wissen die Kids jetzt auch.

Das Team im Wahllokal Meyerhof (v.r.): Gabriela Villwock, Ralf Vorrath und Ulrike Zielke.

Bis zum Nachmittag werden wir die Zahl von 50 Besuchern locker knacken.

Birgit Ricke über die Besucher am Wahlsonntag im Kunstgewerbehaus

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