Falsche Vorbilder

Essstörung, Magersucht und Bulimie: Mehr Mädchen als Jungen betroffen

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Essstörungen wie Magersucht und Bulimie nehmen zu. Hilfe, auch für Familien, bietet der Verein „Change my Way“ aus Bassum an.

Bassum – Die Ausgangslage beginn oft in der Pubertät und lautet: Ich bin mit meinem Körper unzufrieden. Je nach Geschlecht kann diese subjektive Feststellung zu unterschiedlichen Ausprägungen führen. Bei Mädchen sind dies häufig Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. Laut einer Studie der KKH Kaufmännische Krankenkasse in Hannover ist Zahl der Betroffenen bundesweit gestiegen. Vor allem bei 12- bis 17-jährigen Mädchen gab es zwischen 2020 und 2021 einen massiven Anstieg um über 30 Prozent. Einer der Gründe – neben Corona: Fake-Ideale und die Flut von Bildern vermeintlich makelloser Menschen auf Social-Media-Plattformen.

Essstörung, Magersucht und Bulimie: Mehr Mädchen als Jungen betroffen

Dies trifft nicht nur auf Mädchen zu. Es gibt auch Jungen mit Essstörungen. Der geschätzte Anteil dürfte bei unter 20 Prozent liegen. Doch Jungen haben weniger Magersucht oder Bulimie, sie kompensieren ihre Unzufriedenheit mit ihrem Körper eher durch Sport. Der Besuch im Fitness-Studio kann exzessiv werden und wird auch Sportbulimie oder Sportsucht genannt. Egal ob Junge oder Mädchen, nur mit professioneller Hilfe kommen die Betroffenen aus dem Hamsterrad wieder raus, weiß Dörte Heyken vom Verein Change my Way aus Bassum (Landkreis Diepholz). Der Verein unterstützt Betroffene und Angehörige.

Für Eltern hat Change my Way eine extra Gruppe eingerichtet. In ihr tauschen Väter und Mütter Tipps uns Tricks aus. „Denn es ist immer die ganze Familie betroffen“, sagt Dörte Heyken. Eltern nehmen sich viel Zeit für das kranke Kind. Darunter können die Geschwister leiden. Eltern können die ersten sein, die eine Essstörung mitbekommen. Bei einer Bulimie haben die Mädchen meist Normalgewicht. Es fällt nur auf, weil sie häufiger zur Toilette gehen.

Vermeintlich makellose Körper gibt es auf den Social-Media-Kanälen zu sehen. Sie fördern Essstörungen wie Bulimie und Magersucht.

Eine Magersucht bedeutet für die Eltern: Ich sehe mein Kind verhungern. Nach so einer Erfahrung kann die Elterngruppe ein Anker sein. Denn dort treffen sie auch Personen, die vergleichbare Erfahrungen gemacht haben.

Was mache ich, wenn ich glaube, eine Person aus dem Freundeskreis ist magersüchtig oder hat Bulimie? Heyken empfiehlt, das Thema anzusprechen. Und zwar so, dass die Betroffene nicht in die Ecke gedrängt wird. Ansätze könnte sein: Ich mache mir Sorgen, weil … oder mir ist aufgefallen, dass ....

Eine Essstörung ist laut Dörte Heyken immer eine Ansammlung von Vorkommnissen. Magersucht und Bulimie sind gängige Krankheitsbilder. Aber auch die Ernährungsumstellung auf Vegetarier und dann auf Veganer kann auf eine Essstörung hindeuten. Wenn die wichtigen Öle und Fette weggelassen werden („Weil sie dickmachen“) sollte Angehörige genauer hinschauen. Grundsätzlich benötigt eine Essstörung – egal in welcher Form – Hilfe von einem Therapeuten, der sich mit Essstörungen auskennt. Ein Krankenhausaufenthalt für die Jugendlichen ist meist eine gute Lösung.

Studie: Essstörungen haben seit Corona zugenommen

Dass Essstörungen keine Seltenheit sind, zeigt die Studie der KKH. 2021 litten 17,6 von 1000 Menschen im Alter 12 bis 17 Jahren an einer Essstörung, ein Jahr zuvor waren es 13,4 und im Vor-Corona-Jahr 2019 noch 12,9 von 1000 Jugendlichen. 2011 waren es 11 von 1000. Laut Hochrechnung dürften bundesweit etwa 50.000 Jugendliche von einer Essstörung betroffen sein – die meisten davon Mädchen und junge Frauen.

Die Dunkelziffer sei hoch, die Daten bildeten nur ärztlich diagnostizierte Fälle ab. 2017 starben nach Angaben des Statistischen Bundesamts 78 Menschen in Deutschland an Essstörungen, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Dazu zählen Magersucht, bei der Menschen bis zu einem lebensbedrohlichen Untergewicht hungern, Bulimie oder Ess-Brech-Sucht, bei der Betroffene nach Essattacken erbrechen oder Abführmittel missbrauchen, um nicht zuzunehmen, und die Binge-Eating-Störung mit unkontrollierbaren Essattacken, die Übergewicht oder Adipositas, also Fettleibigkeit, auslösen können.

Leistungsdruck und Mobbing können Essstörung begünstigen

„Die Gründe für eine Essstörung sind vielfältig und reichen von traumatischen Erlebnissen wie Missbrauch über familiäre Konflikte bis hin zu Leistungsdruck und Mobbing“, erklärte KKH-Psychologin Franziska Klemm. Eine Rolle spielten auch Social-Media-Plattformen, die ein „unrealistisches und gefährliches Körperideal“ zeichneten: „Solche Vorbilder können die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und auch dem eigenen Körper forcieren“, sagte sie. „Das kann die Entwicklung eines gestörten Essverhaltens begünstigen, vor allem, wenn Jugendliche bereits unter psychischen Problemen leiden oder einen geringen Selbstwert haben.“

In der Corona-Pandemie hätten Kinder und Jugendliche sich stärker mit sozialen Medien beschäftigt. „In den Lockdownphasen fehlte ihnen vor allem der Realitätsbezug und somit auch der Vergleich, wie Freunde und Mitschüler im echten Leben ohne Filter aussehen“, erklärte Klemm. Der Austausch untereinander und ein geregelter Alltag seien den Beschränkungen der Pandemie zum Opfer gefallen. „Das sind alles haltgebende Strukturen, die vor allem in der Pubertät wichtig sind“, sagte Klemm. Kinder und Jugendlichen hätten teils versucht, den „Kontrollverlust zu kompensieren, indem sie sich kontrollieren, zum Beispiel mit Diäten und Sport“.

Wie es sich anfühlt, aus Angst vorm Dickwerden zu viel zu essen, können andere Betroffene am besten nachvollziehen. Für Menschen, die unter Essstörungen leiden, gibt es zahlreiche Ansprechpartner in Selbsthilfegruppen. SYMBOLFOTO: IMAGO

Christine Joisten, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter, geht nach früheren Angaben besonders im Falle der Fettleibigkeit von einem dauerhaften Effekt aus: „Die Welt ändert sich ja nicht“, sagte sie. Zwar habe die Pandemie die Rolle der digitalen Beschäftigung „hochgespült“, aber schon vorher hätten sich Kinder wenig bewegt – und auch Lebensmittel mit vielen Kalorien habe es bereits gegeben.

Essstörungen sind nach Angaben der Krankenversicherung nach wie vor ein vor allem weibliches Phänomen. Zwischen 2020 und 2021 sei der Anteil der jungen Frauen unter den betroffenen 12- bis 17-Jährigen von 75,7 Prozent auf 78,9 Prozent gestiegen, in den meisten anderen Altersgruppen liege der Anteil über 80 Prozent. Größtenteils beginne die Krankheit in der Pubertät – Mädchen kämen immer früher in diese Phase, daher komme es eher zu Essstörungen. Für Mädchen sei zudem die eigene Wirkung im Netz wichtiger als für Jungen.

Bulimie und Magersucht sind schwere psychische Erkrankungen.

Psychologin Franziska Klemm

Dennoch sei der Anstieg bei den Essstörungen in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen unter Männern höher gewesen – 2021 registrierte die Krankenversicherung bei den Männern dieses Alters ein Plus von 18,7 Prozent, bei den Frauen waren es 12,4 Prozent. Bulimie und Magersucht sind schwere psychische Erkrankungen, die mit Angststörungen, Depressionen oder Sucht einhergingen. Wer daran leide, dem falle es oft schwer, sich einzugestehen, Hilfe zu brauchen, sagte Klemm. „Dies ist aber ein ganz wichtiger Schritt für die Genesung.“ Mit Material der dpa.

Rubriklistenbild: © Monika Skolimowska/ dpa

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