Viele junge Menschen wählen die AfD: Medienbildung an Schulen rückt in Fokus

Fake News als Gefahr für Demokratie?

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Zweifelhaft und womöglich systemzersetzend: politische Bildung mit Tiktok. bartz
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Junge Menschen konsumieren soziale Medien, inklusive Fake News - und wählen oft die AfD. Muss deshalb die Medienbildung an Schulen verbessert werden?

Achim – Besonders junge Menschen haben bei den jüngsten Landtagswahlen in Ostdeutschland die AfD gewählt. Also Leute, die gerade aus der Schule gekommen sind oder diese noch besuchen. Wenn 16- bis 24-Jährige zu rund einem Drittel, noch mehr als andere Altersgruppen, ihr Kreuz bei einer vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch eingestuften Partei machen, scheint in Deutschland, das im vorigen Jahrhundert von Hitlers Nationalsozialisten in Krieg und Terror geführt wurde, was gewaltig in die falsche Richtung zu laufen.

Deshalb haben nach dem Erfolg der AfD unter den Jungwählern bei der Wahl in Brandenburg Lehrerverbände eine bessere Medienbildung für Schüler und Lehrkräfte gefordert. Die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, soziale Medien begünstigten häufig Extreme. Es sei daher unerlässlich, Schülern beizubringen, Informationen kritisch zu hinterfragen. Lin-Klitzing sprach sich auch für zusätzliche Schulungen von Lehrkräften aus. Laut dem Verband Bildung und Erziehung wirken die neuen Medien wie ein Katalysator bei der Radikalisierung. Verbandschef Gerhard Brand erklärte, junge Menschen gerieten schnell in einen Sumpf aus gefährlicher Weltanschauung und Selbstbestätigung. Die Medienbildung sei hier gefragt, um davor zu warnen, sich einseitig zu informieren.

Wie beurteilen die Verantwortlichen der drei weiterführenden Schulen in Achim die Forderungen der Lehrerverbände? Sehen die Chefs des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums, kurz: Cato, des Gymnasiums am Markt (Gamma) und der Integrierten Gesamtschule (IGS) das genauso? Oder sagen sie, nein, wir praktizieren bereits eine ausreichende Medienbildung hinsichtlich politisch-gesellschaftlicher Fragen?

„Ich teile die Meinung von Herrn Brand“, antwortet IGS-Leiterin Kerstin Albes-Bielenberg auf Nachfrage. Medienbildung sei unter dem Aspekt des Einflusses der sozialen Medien, ihrer Geschwindigkeit und Reichweite „gerade in Bezug auf Fake News, Populismus und Verbreitung von Ängsten und die dadurch entstehenden Verunsicherungen ein wichtiges Thema“. Dieses betreffe aber nicht nur die Schule, sondern auch in der Freizeit, in der Familie, im Freundeskreis würden die Schülerinnen und Schüler damit konfrontiert.

Die IGS arbeite mit einem Medienkonzept, das die einzelnen Fächer mit dazu passenden Medienkompetenzen verknüpfe. Deren Erwerb dienten aber auch Projekte – Albes-Bielenberg nennt die Stichworte „Prävention“, „Workshops“ und das Programm „Lions Quest“.

Darüber hinaus streicht die Direktorin noch eine Besonderheit heraus: „Schüler wurden an unserer Schule als Medienscouts ausgebildet und bieten Beratung und Information von Schüler zu Schüler auf Augenhöhe an.“ Zudem werde im Fach Gesellschaftswissenschaft in den Lerngruppen „gezielt im Fach Politik sensibilisiert, diskutiert und aufgeklärt“.

Auch am Cato passiere in der Richtung schon eine Menge, sagt dessen kommissarischer Leiter Daniel Meyer. Er verweist etwa auf eine gemeinsam mit der Polizei auf die Beine gestellte regelmäßige Präventionsveranstaltung für die fünften Klassen. „Damit Kinder und Jugendliche bei der Handynutzung nicht blind in eine Falle laufen.“ Ein „vertiefendes Angebot“ gebe es dann noch mal für den achten Jahrgang.

Auch Vertreter von Smiley, Verein zur Förderung der Medienkompetenz, hätten in der Aula, im Beisein von Jugendlichen aus beiden Achimer Gymnasien, schon Aufklärungsarbeit geleistet. Im Übrigen sei das „kritische Hinterfragen von Quellen“ am Cato Bestandteil des Politik- und Geschichtsunterrichts.

Um in Sachen Digitalisierung und soziale Medien auf dem Laufenden zu bleiben, hält Meyer aber auch „ständige Schulungen für Lehrkräfte“ für notwendig. Diesbezügliche Angebote würden vom Cato-Personal durchaus genutzt. „Im April hat ein Teil des Kollegiums eine Fortbildung zu KI absolviert.“

Auch Lehrkräfte des Gamma hätten die besucht, berichtet Direktor Dirk Stelling. „Wie erkenne ich Fake News?“ sei dabei eine der Fragestellungen gewesen. In den Online-Elternbriefen spiele das Thema Medienbildung ebenfalls eine Rolle.

„Wir sprechen natürlich auch mit den Schülerinnen und Schülern darüber, was falsche, irreführende Informationen sind. Wie man die erkennt“, ergänzt Stelling. In Zusammenarbeit mit der Universität Hannover sei dazu auch ein Workshop veranstaltet worden.

Die Nutzung von Tiktok sei an der Schule nicht erlaubt. Das Gamma habe aber einen Instagramm-Zugang. In einer AG dazu mit Neunt- und Zehntklässlern, die Beiträge aus dem Schulleben erstellten, gehe es nicht zuletzt darum, „was geschrieben und gezeigt werden darf und was nicht“.

Darüber hinaus sieht Stelling die Politik in der Pflicht. „Die etablierten Parteien müssen den Jugendlichen besser zuhören“, fordert er. Etwa, wenn diese über Gewalt von Migranten klagten.

Institutionen wie Sportvereine oder Jugendzentren sollten ebenfalls Medienbildung betreiben, findet Kerstin Albes-Bielenberg und mahnt: „Ein Thema und eine Entwicklung, die wir alle als Verantwortliche sehr genau im Auge haben müssen!“

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