Fiebersaft? Nicht verfügbar

+
Auch wenn es Tabletten in Hülle und Fülle zu geben scheint: 297 Mittel sind zurzeit nicht oder nur schwer verfügbar, sagt die Datenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.
  • schließen

Medikamenten-Mangel zwingt Ärzte und Apotheker zu Alternativen: Aktuell gibt es  Engpässe bei 297 Mitteln in der Human-Medizin.

Landkreis Diepholz. Das Kind hat Fieber – aber der gewohnte Saft ist in der Apotheke nicht verfügbar: Immer wieder mangelt es an Medikamenten. Das kann Christian Niehaus, Inhaber der Schloss-Apotheke in Diepholz, nur bestätigen: „Da muss man dann über alternative Darreichungsformen sprechen.“ In dem Fall über Fieberzäpfchen. Die Lage ist für ihn und seine Kollegen eine Herausforderung – bundesweit.

Das bestätigt Panagiota Fyssa als Pressesprecherin der Apothekenkammer Niedersachsen. „Das betrifft verschiedene Arzneimittel und Wirkstoffe“, sagt die Pressesprecherin der Apothekenkammer – und verweist auf den Forderungskatalog, den die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) längst verfasst habe und den auch die Politik erhalten habe.

Laut Datenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bestehen aktuell für 297 Medikamente Lieferengpässe in den verschiedensten Breichen. Demnach gibt es auch zu wenig Tamoxifen, ein wichtiges Medikament in der Brustkrebsbehandlung, oder Amoxicillin-ratiopharm, ein Breitbandantibiotikum.

Ärzte und Apotheker haben Alternativen. Deshalb sagt Christian Niehaus: „Wir sind noch weit von katastrophalen Zuständen entfernt.“ Aber die Suche nach Alternativen und nach erfolgversprechenden Bestellmöglichkeiten kostet viel Zeit. Wichtig sei in jedem Fall, so der Diepholzer Apotheker, sich im Großhandel auf die Nachlieferungsliste setzen zu lassen.

Christian Niehaus setzt genauso auf Selbsthilfe: „Wir haben nach der Rezeptur eines bestimmten Safts schon ein eigenes Produkt hergestellt.“ Mit dieser Möglichkeit seien die Apotheker vor Ort dem Versandhandel überlegen. Die Selbstherstellung hat Grenzen: „Das geht natürlich nicht immer.“

Forderung: Bürokratie abbauen

Der Diepholzer Apotheker wünscht sich dringend Unterstützung der Politik: „Die aufwändigen Beschaffungsprozesse sind in keinster Weise durch das Honorar abgedeckt. Auch bei der Medikamentenherstellung nicht.“ Genauso müsse die überbordende Bürokratie abgebaut werden, „auch wenn wir im Moment pandemiebedingt erleichterte Abgabebedingungen haben“.

Die Medikamentenengpässe treffen auch Ärzte, wenn ihre Patienten nicht mehr die gewohnten Präparate erhalten. Dr. Christoph Lanzendörfer, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) für den Nordkreis Diepholz: „Wir verschreiben ein Medikament, aber dem Patienten wird ein anderes herausgegeben.“ Die Rezeptur oder die Zusammensetzung sei aber nicht immer gleich, sagt er und nennt ein Beispiel: „Laktose ist ein günstiger Füllstoff. Viele Firmen stellen damit Tabletten her. Darauf zu verzichten, würde das Produkt etwas teurer machen.“ Doch da es auf dem Markt mittlerweile auf Bruchteile eines Cents ankomme, sei das Produkt dann nicht mehr zu vermarkten.

Die Konsequenz: „Wenn es weltweit darum geht, Medikamente möglichst billig zu produzieren, haben Unternehmer in Billiglohnländern einen Vorteil. Das ist dann eine Folge des sogenannten Wettbewerbs.“

„Das macht keinen Spaß“

Anders gesagt: Monopolstrukturen seien Ursache des Medikamentenmangels. „Das macht keinen Spaß!“, betont Dr. Christoph Lanzendörfer. Und nennt noch ein Beispiel: Weil ein Patient das verordnete Antibiotikum nicht bekam, verordnete er ein zweites – was ebenso wenig verfügbar war. Erst im dritten Anlauf erhielt besagter Patient ein passendes Antibiotikum.

Der KV-Sprecher wünscht sich vor allem eines: „Dass die Bindung an Rabattmedikamente aufgegeben wird. Dass wir chronisch Kranken Medikamente in der für sie gewohnten Qualität verordnen können.“ Das bedeute nicht, dass die alternativen Medikamente schlechter seien. Allein das gewohnte, bisher konstant verabreichte Medikament ist ihm wichtig.

„Manche Medikamente sind völlig überteuert“, kritisiert Dr. Christoph Lanzendörfer – und nennt als Beispiel die Behandlung von Hepatitis C. Obwohl keine Forschungskosten entstanden seien („das war ein Abfallprodukt aus der Aids-Forschung“) habe eine Tablette 1 400 Euro gekostet. Mittlerweile seien die gesamten Behandlungskosten zwar auf rund 40 000 Euro gesunken. „Aber das kann es nicht sein!“

Den Mangel spürt auch Dr. Bernd Roshop, KV-Sprecher für den Südkreis, in seiner Praxis in Barnstorf. Zum Glück gebe es keinen Engpass bei Notfallmedikamenten. Aber in einem Zeitraum von einer oder zwei Wochen habe man durchaus den einen oder anderen Fall, in dem ein Alternativ-Medikament verordnet werden müsse. Ein gravierendes Problem sei das aber nicht: Ein Fall in der Woche stehe in keinem Verhältnis zu der Vielzahl der Rezepte, die in diesem Zeitraum ausgestellt würden.

„Mal ist es dies - mal ist es das“

„Mal ist es dies – mal ist es das“, blickt Dr. Roshop auf die fehlenden Produkte – und steht vor einem Rätsel: „Uns erschließen sich die Gründe nicht, warum manches nicht da ist.“ Mal liege es angeblich an einem fehlenden Container, mal solle ein Großhändler nicht geliefert haben. Mal stelle er bei einem fehlenden Medikament ein neues Rezept aus, mal rufe die Apotheke an. Viel Aufwand, manchmal auch Ärger: „Einige Patienten sind schon genervt.“

Aber es scheint Hoffnung zu geben: „Wir produzieren wieder in Deutschland“, würden manche Pharma-Referenten bereits ankündigen, berichtet Dr. Roshop.

Kommentare