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Auch im Nordkreis hat es nach den heftigen Regenfällen der vergangenen Wochen ein großes Fischsterben gegeben. Die Ursache liegt wohl in natürlichen Gärungsprozessen auf überschwemmtem Grünland. Trotzdem muss man gegensteuern.
Rotenburg – Das große Fischsterben im Nordkreis und in angrenzenden Regionen beschäftigt nun auch die Kreispolitik. Im Umweltausschuss ging es am Dienstag auf Ursachensuche, vor allem aber darum, wie man künftig gegensteuern kann. Vorsitzender Harald Hauschild (CDU) hatte um „sachliche Diskussionen ohne Schuldzuweisungen“ gebeten. Dabei blieb es auch weitgehend. Klar scheint: Nicht der direkte Eintrag von Gülle oder anderer Dünger aus der Landwirtschaft hat das Problem verursacht, sondern eine in diesem Sommer extreme Kombination aus Wärme und Regen. Fische und andere Lebewesen sind in den kleinen Nebenflüssen vor allem der Oste schlichtweg erstickt.
Landwirtschaft trifft keine Schuld
„Die halbe Landschaft ist vergammelt“, fasst Christoph Schlamminger als Leiter des Amts für Wasserwirtschaft die Situation, die sich seit Ende Juli ergeben hatte, prägnant zusammen. Ungewöhnlich hohe Regenmengen habe es gegeben. Die konnten nicht abfließen, weil viele Gewässer zugewachsen waren. Es kam zu Überschwemmungen. Die großen Wassermengen seien schließlich von landwirtschaftlichen Flächen – vor allem extensiv genutzten Grünflächen –, aber auch aus Siedlungs- und Gewerbegebieten in die Entwässerungsgräben und von dort in die Gewässer geflossen. Dadurch sei in größerem Maß Nährstoff in die Gewässer gelangt. Der Zersetzungsprozess der Nährstoffe zehre Sauerstoff, was wiederum zum Fischsterben wegen Sauerstoffmangels führe. Die Nährstoffanreicherung wird als Eutrophierung bezeichnet. Auf der Wasseroberfläche an einigen der vom Fischsterben betroffenen Gewässerabschnitte falle eine schmierige Schicht auf. Dabei handele es sich nicht um Öl, sondern um sogenannte Huminstoffe, organische, sich zersetzende Bodensubstanz. „Selbst die Wümme hat geschäumt“, sagt Schlamminger, und das sogar dort, wo gar keine Landwirtschaft betrieben werde. Man könne also weitgehend ausschließen, dass es direkte Einträge von Gülle oder gar gezielte Einleitungen gegeben habe. Zudem seien die Messwerte anderer schädlicher Substanzen, die man dann feststellen könnte, bislang unauffällig.
Die halbe Landschaft ist vergammelt.
Die Situation in den Gewässern, die im Grunde ganz Nordniedersachsen in diesem Sommer betroffen hat, fordert dennoch auch den Landkreis Rotenburg zum Handeln heraus. Denn Stark-regenereignisse wie jetzt in Kombination mit Wärme und Fragen des Umweltschutzes beziehungsweise der Pflege und Bewirtschaftung der an die Gewässer grenzenden Gebiete stellen sich dauerhaft. Schlamminger spricht in diesem Zuge von „Klimafolgeanpassungen“ – die viele Bereiche der Wasserwirtschaft betreffen (Kasten unten). „Ganz ausschließen können wir solche Katastrophen aber nie – es sind gestaltete Landschaften.“
Von „Hunderttausenden toten Fischen“ war zuletzt die Rede. Landespfleger Ralf Gerken vom Angelverband Niedersachsen konkretisiert das in der Ausschusssitzung, dass damit der gesamte Bereich in den Kreisen Osterholz, Rotenburg und Stade gemeint sei, in dem man intensiv an 125 Stellen Proben gezogen habe. Kilometerweise gebe es „tote Bereiche“, einzelne Gewässer seien stark belastet. „Das Ausmaß ist noch gar nicht klar.“ Gärungsprozesse auf den überschwemmten Grünlandflächen sind aber auch aus seiner Sicht maßgeblich verantwortlich. „Wir haben teilweise Messwerte im Wasser, die für ein Klärwerk typisch sind.“ Schlamminger vergleicht die betroffenen Gewässer mit einem „Brennnessel-Sud“: „Es wurde großflächig Silage hergestellt.“
SPD-Umweltpolitiker Volker Kullik regt einen Runden Tisch an, der konkrete Maßnahmen anschieben soll. Zwar sei es ein landesweites Thema, aber auch im Landkreis Rotenburg müsse man handeln. Positiv sei, dass auch die Verwaltung das erkannt habe: Es sei bislang „eher ein Beruhigen und Abwiegeln der Wasserbehörde“ bei diesem Thema gewesen. Gerade die Überschwemmungsgebiete müsse man sich anschauen und prüfen, wie diese künftig genutzt werden.
Welche Maßnahmen helfen?
Amtsleiter Schlamminger betont, der Landkreis sei bereits tätig geworden. „Der Schaden wäre viel höher gewesen, hätten wir nichts unternommen.“ Es helfe nun aber auch kein Aktionismus, sondern es müsse ein ganzes Paket von Maßnahmen in Angriff genommen werden. Und von dem müssten auch die Flächeninhaber überzeugt werden. „Es geht darum, in allen Fällen den richtigen Mittelweg zu finden“, unterstreicht auch Erster Kreisrat Torsten Lühring.
Ob das reicht, stellt Marco Körner (Grüne) infrage. „Die Klimakrise hat uns längst überholt“, sagt er. „Die Natur ist schneller als unsere Maßnahmen.“ Starkregenereignisse wie in diesem Jahr müsse man im Sommer öfter erwarten. Vorbereitet sei man darauf längst nicht: „Wir haben Glück gehabt, dass das Hochwasser hier die Großstädte nicht erreicht hat.“
Wasser ist der wichtigste Baustein im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels
Zu viel Wasser nach Starkregenereignissen ist eine Ausprägung des Klimawandels – die andere maßgebliche ist die, wie künftig mit den nutzbaren Vorkommen umgegangen wird. „Wasser ist die wichtigste Ressource für Themen des Klimawandels“, sagt Christoph Schlamminger, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft und Straßenbau in der Kreisverwaltung. Er hat im Umweltausschuss des Kreistags vorgestellt, wie Wasserwirtschaft unter veränderten Klimabedingungen gesteuert werden sollte. Die gute Nachricht vorab: „Stand heute“, wie er sagt, muss der Landkreis noch keine schärferen Regeln auch in Trockenmonaten zur Entnahme von Grund- und Trinkwasser aus den hiesigen Reservoirs erlassen. Auch wenn mehr und mehr landwirtschaftliche Flächen beregnet werden, Stallanlagen auf Trinkwasser zurückgreifen und der private Verbrauch kräftig steigt, gibt es Reserven von rund 40 Prozent des Dargebots. Dennoch: „Wir müssen unsere Aufbereitungstechnik anpassen und Netze ausbauen.“ Für alle kommunalen Ebenen bedeutet das: „Das wird an der einen oder anderen Stelle Geld kosten.“ Die Folgen sind unter anderem konkret in Rotenburg zu sehen: Allein in der Kreisstadt gab es in diesem Jahr bislang sieben größere Kanaleinbrüche. 70 Prozent des in den meisten Gebieten 60 bis 80 Jahre alten Kanalnetzes müssen wohl saniert werden. Schlamminger: „Das ist im Grunde überall so.“ Andere wichtige Handlungsfelder betreffen die Wiedervernässung von Mooren und ein besseres Wassermanagement. Der Landkreis hat dafür ein hydrogeologisches Gutachten in Auftrag gegeben.

