App „Too Good To Go“ in Rotenburg: Zu schade für den Müll

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Bäckereifachverkäuferin Nina Koetting packt die Tüte, die abends über die App zum Verkauf steht.

Was passiert abends mit übriggebliebenen Backwaren? Oder mit Gemüse? Einige Betriebe in Rotenburg und Sottrum haben eine Lösung: die Smartphone-App „To Good To Go“, über die die Nutzer sich bunte Tüten zum Sonderpreis reservieren können. Das kommt an.

Rotenburg/Sottrum – Mehr als ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen – in Deutschland alleine jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen. „Laut aktuellen Schätzungen des WWF verursachen Lebensmittelabfälle zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Damit ist ,Food Waste’ einer der Haupttreiber des globalen Klimawandels“, heißt es von der Pressestelle von „Too Good To Go“. Die App hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Auch im Raum Rotenburg machen bereits ein paar Partnerbetriebe mit und haben so schon mehr als 2 200 Portionen Essen gerettet.

Die Idee sei aufgekommen, als die fünf Gründer vor fünf Jahren in einem Büfettrestaurant essen waren und mitbekommen haben, dass eine große Menge Reste abends einfach entsorgt wurde. Entstanden ist „Too Good To Go“. Mehrere Partner gibt es in und um die Wümmestadt: zum Beispiel die Aral Tankstelle mit Rewe to go, das Shell Café, Arko, Moin Sushi und das „Stück vom Glück“ sowie in Sottrum die Igelbäckerei Holste. Am Anfang sei die Partnergewinnung für das Konzept Lebensmittelrettung per App noch sehr mühsam gewesen. Doch je mehr das Thema Nachhaltigkeit in das Bewusstsein der Menschen rückte, desto einfacher sei es, Unterstützer zu gewinnen.

Verderbliche Waren geben Anja Doil und ihre Schwester über die App weiter.

„Es ist eine Win-Win-Situation“, meint Antje Doil vom Unverpackt-Laden „Stück vom Glück“. „Der Kunde bekommt mehr für sein Geld, und wir müssen nichts wegschmeißen.“ Obwohl sie das ohnehin vermeiden, können so Lebensmittel, die „sonst das Wochenende nicht überstehen würden“ weitergegeben werden.

In den Tüten des Unverpackt-Ladens befindet sich Ware mindestens im Wert von 10,50 Euro, verkauft für 3,50 Euro. Seit mehr als einem Jahr sind die Doil-Schwetern Teil der App und geben samstags eine Tüte mit dem raus, was kurz vor dem Ablaufdatum steht wie Gemüse oder Joghurt. Gerade in Restaurants landet vieles unnötig im Müll. „Wir haben frische, hochwertige Ware. Da bleibt abends was über, und es wäre einfach zu schade zum Wegschmeißen“, erklärt Karsten Abel von „Moin Sushi“ am Rotenburger Flugplatz. Er und sein Geschäftspartner Akim Ogurol stellen über die App pro Woche in Rotenburg gut 15 bis 20 Boxen ein, im Wert von etwa 22 Euro für sieben Euro. „Aber es machen noch nicht alle mit, das ist sehr schade“, bedauert er.

Denn die Resonanz unter den App-Nutzern ist sehr positiv: Die „Magic Bags“ sind schnell vergriffen, kaum, dass sie online stehen. „Die sind innerhalb von Sekunden weg“, weiß Abel. Ebenso bei Arko in der Innenstadt. Dort gibt es Tüten in zwei Größen, mit Waren im Wert von 15 Euro für fünf Euro oder im Wert von 30 Euro für 10 Euro. „So vermeiden wir, Lebensmittel zu verschwenden“, ist Filialleiterin Diana Allert von dem Konzept überzeugt. „Es ist ja auch nichts an der Ware“, sie hat nur ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht.

App spart gut 52.000 Tonnen CO2 ein

Jeder Betrieb, der am Ende des Tages Essen über hat, das sonst entsorgt würde, kann über die App „Too Good To Go“ Lebensmittel retten. Mittlerweile gibt es 17.000 Partner, darunter Cafés, Bäckereien, Restaurants, Supermärkte, Hotels, Kantinen und Tankstellen. Mehr als neun Millionen Menschen haben seit dem Start 2016 mehr als 21 Millionen Portionen mit überschüssigen Lebensmitteln vor dem Wegwerfen gerettet. „So werden die Lebensmittel doch noch verwertet und das bei Produktion, Transport, Lagerung, Weiterverarbeitung & Co. entstandene CO2 vor einem unnötigen Ausstoß bewahrt“, heißt es aus der Pressestelle. 21 Millionen Portionen entsprechen ungefähr 52.000 Tonnen CO2

Bei vielen Schokoladenprodukten beispielsweise ist die Haltbarkeit deutlich länger gegeben. Und: „Es ist auch eine Chance für die, die wenig Geld haben“, meint Doil. Zwar wissen die Kunden vorher nicht, was sich in den Tüten befindet – „Das können auch mal ein Kilo Äpfel und ein Kilo Möhren sein.“ – aber der Wert ist stets ein größerer als das, was man in der App bezahlt. „Man muss flexibel sein, aber oft ist auch noch mehr drin als der Mindestwert“, weiß Doil von Freunden, die beispielsweise beim Bäcker Tüten abholen.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Rotenburg: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Und das reichlich, wie Petra Mendoza von der Igelbäckerei Holste erklärt: „Ganz oft dauert es keine zwei Minuten, und die Tüten sind reserviert.“ Seit zwei Jahren ist das Sottrumer Unternehmen bei „Too Good To Go“ mit an Bord – und bereut es nicht. „Idee und Konzept sind super“, betont Mendoza, die selbst ebenfalls die App auf ihrem Smartphone hat. „Das Schöne ist: Die Leute wissen nicht, was in der Tüte sein wird. So entdecken sie auch mal neue Brotsorten.“ Wer eine Tüte haben möchte und schnell genug ist, reserviert sich diese per App, bezahlt und kann sie dann im Geschäft direkt abholen. Es seien in und um Rotenburg aber meist jüngere Kunden, die das Angebot nutzen, zeige die Erfahrung.

Verschiedene Leckereien packt Diana Allert bei arko in die Tüte.

Dabei soll das Angebot nicht als Konkurrenz zu karitativen Einrichtungen wie den Tafeln verstanden werden, betont die Pressestelle der App. „Gerade in Zeiten von Inflation, Energiekrise und Ukraine-Krieg sollte soziales Engagement immer an erster Stelle stehen.“ Deshalb würden sie den Kooperationspartnern immer nahe legen, überschüssige Lebensmittel im ersten Schritt wenn möglich zu spenden. Es gibt aber mitunter schnell verderbliche Waren, die nicht gespendet werden können – wie Obst, Gemüse oder kühlungspflichtige Artikel. Auch Arko spendet zum Beispiel nach Weihnachten an die Tafel, so Allert.

Und auch die Igelbäckerei macht deutlich: „Wenn der Tafelbetrieb in Sottrum wieder startet, werden wir die Einrichtung wieder unterstützen, aber trotzdem bei ,Too Good To Go‘ bleiben“, so Mendoza. Für sie ist die App Teil eines Prozesses für mehr Nachhaltigkeit.

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