Interview zum Generationswechsel bei den Rotenburger Konzerten: „Aufhören, wenn es am Schönsten ist“

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Zwei, die musikalisch auf einer Wellenlänge sind: Niels Kruse und Katharina Scherer, seine Nachfolgerin bei der künstlerischen Leitung der Rotenburger Konzerte.
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Die Rotenburger Konzerte erleben einen Generationswechsel. Als Programmplaner hört Niels Kruse auf. Seinen Posten übernimmt Katharina Scherer. Im Interview blicken beide zurück und nach vorne.

Rotenburg – Beim letzten Konzert der Saison verkündete der langjährige künstlerische Leiter der Rotenburger Konzerte, Niels Kruse, am Donnerstagabend auch offiziell seinen Abschied und stellte seine Nachfolgerin Katharina Scherer vor. Wir sprachen mit den beiden über experimentelle Musik, Nachwuchsgewinnung und ein Heckenscherenquartett.

Herr Kruse, als Sie das letzte Mal als künstlerischer Leiter vor dem Publikum der Rotenburger Konzerte standen und Ihren Abschied verkündet haben – waren Sie da wehmütig?

Niels Kruse: Das wäre ich gewesen, hätte ich nicht gewusst, dass ich die Leitung in gute musikalische Hände übergebe. Wehmütig war ich, als ich vor eineinhalb Jahren den Entschluss gefasst habe, aufzuhören. Mein Vorgänger ist auch nach zehn Jahren gegangen; ich habe viel erreicht, viele Höhen und Tiefen erlebt, die größte natürlich die Pandemie. Die Zuschauerzahlen sind wieder ziemlich gut, also ein perfekter Zeitpunkt zu gehen, wenn’s am Schönsten ist.

Trotzdem stellt sich die Frage nach dem „Warum“…

Kruse: Was man nicht sieht: Es ist unglaublich viel ehrenamtliche Arbeit, die man zeitlich und kräftemäßig investiert. Ich habe mich die zehn Jahre beruflich sehr eingeschränkt – ein Ehrenamt darf nicht zur Ehrenpflicht werden. Und jetzt mit über 60 werden die Kräfte nicht mehr.

Frau Scherer, wissen Sie, was da auf Sie zukommt?

Scherer: Ich habe die letzte Saison, in der ich fast alle Konzerte begleitet habe, gute Einblicke bekommen. Als Musikerin, Musikpädagogin, Veranstalterin wie auch Hotelierstochter und nicht zuletzt zweifache Mutter kann ich mit Stress umgehen und gut planen. Das krieg’ ich also hin.

Aber warum noch dieses zusätzliche Amt und wie kam es dazu -– in den vergangenen Jahren hat man Sie als Besucherin der Rotenburger Konzerte nicht wahrgenommen?

Scherer: Das stimmt. Wir sind 2016 aus München hierher gezogen, da war ich mit dem zweiten Kind schwanger. Angesprochen wurde ich von Wilhelm Hahne, der fragte, ob ich Lust auf Vorstandsarbeit hätte. Als Konzertmusikerin bin ich prädestiniert und es ist eine schöne Sache zu erleben, dass nicht nur in München, sondern auch in Rotenburg etwas los ist. Gleichwohl bin ich froh, die Aufgabe nicht allein „geerbt“ zu haben, sondern Klaus Bellmann an der Seite zu haben, der sich um alles Administrative kümmert.

Was reizt Sie an der Tätigkeit?

Scherer: Es ist toll, neben dem Unterrichten meiner privaten Schüler mit dem Unterricht der Bläserklasse am Ratsgymnasium und dem Jungen Orchester Auenland etwas zu bewirken und Kindern Musik ans Herz zu legen, damit das nicht ausstirbt. Kinder gehören ins Konzert, nicht nur meine eigenen! (lacht)

Das klingt so, als ob die zwei Schülerkonzerte jährlich weitergeführt werden?

Scherer: Ja, die Kooperation mit der IGS und der Schule am Grafel bleibt, eine mit dem Ratsgymnasium ist erwünscht. Und in Zukunft ist auch die Montessorischule bei den Konzerten am Grafel dabei.

Die Schülerkonzerte sind nicht die einzige von Herrn Kruse eingeführte Neuerung. Sie hatten sich ja ungewöhnliche Besetzungen und Klangerlebnisse auf die Fahnen geschrieben und im Unterschied zu Ihrem Vorgänger Bodo Lemme nicht nur Originalwerke, sondern auch Bearbeitungen zugelassen. Wie kam der Paradigmenwechsel beim Publikum an?

Kruse: Mit der Entscheidung wurde das Feld von heute auf morgen sehr breit – so wie bei den vier Bratschen, die Beatles gespielt haben – da hat die Hütte gewackelt. Zeitgenössische Musik hat ihre Berechtigung in unseren Programmen. Sie darf bloß nicht an die Stelle der Klassik treten, sondern ist ein Mehr, ein Wegweiser zur Musik der Zukunft. Alle Musiker sind Kinder ihrer Zeit.

Das heißt, das altersmäßig ja eher reife Publikum hat auf Ihre neuen Schwerpunkte gewartet oder mussten Sie es erziehen?

Kruse: Das ist wie überall: Viele wollen es, der Rest muss es ertragen (lacht). Einiges war grenzwertig, wie die sehr experimentelle Uraufführung eines australischen Trios. Seitdem googele ich die Künstler vorher. Natürlich gab es anfangs auch Anfeindungen, aber auch viele positive Stimmen. Einmal bin ich allerdings übers Ziel hinausgeschossen und hatte die Rechnung ohne den Wirt beziehungsweise den Vorstand gemacht, nämlich bei der geplanten Kooperation mit Michael Behr von „Just Jazz“, eins der sechs Saisonkonzerte als Crossover zu gestalten. Da habe ich Gegenwind bekommen. Das Tolle ist: Rotenburg ist ein musikalisches Nest, da hat auch ein Kuckucksei seinen Platz. Die Leute hier haben ein weites Herz.

Frau Scherer, ist das eine musikalische Richtung, die Sie weiter beschreiten?

Scherer: Bearbeitungen finde ich super, ich habe selbst schon alles Mögliche gespielt, vom Spielen auf nur dem Mundstück der Querflöte bis hin zum Heckenscherenquartett. Da muss ich mich jetzt ausprobieren, aus der Erfahrung lernen, was ankommt. Niels hatte ja schon ein Gefühl dafür, was das Publikum ab kann.

Kruse: Dazu kann ich nur ermutigen, die Rotenburger haben ein großes Herz und geben Vertrauensvorschuss!

Niels Kruse hat mit seinen Kontakten zum Deutschen Musikrat aus dem Vollen geschöpft – woher akquirieren Sie Ihre Künstler, Frau Scherer?

Scherer: Ich kenne viele Musiker, habe mit vielen zusammengespielt, da kann auch ich aus dem Vollen schöpfen. Wichtig ist die Mischung: Das Publikum soll einen bunten Strauß bekommen, und besonders die Kinder sollen die ganze Bandbreite kennenlernen. Die erste Hälfte der Konzerte der nächsten Saison hat Niels noch gebucht, den Rest ich – darunter Sebastian Knauer mit einem Klavierkonzert. Und das Münchener Flötenensemble, da spiele ich selber mit.

Dann darf man Sie also in einer Doppelrolle erleben?

Scherer: Ja, ich bin ein bisschen stolz, mein Ensemble aus der Heimat hier zu präsentieren. Das Publikum kann mich dann auch in dieser Rolle kennenlernen. Das wird allerdings nicht die Regel, aber als Abschluss der ersten Saison finde ich es sehr passend.

Kruse: Das habe ich nie gemacht, für mich gab es immer die Trennung zwischen Veranstalter und Akteur.

Eine wichtige Aufgabe zur Sicherung der Zukunft der Konzertreihe wird es sein, die nachfolgenden Generationen in den Konzertsaal zu bekommen. Wie lässt sich das erreichen?

Scherer: Als Mutter bin ich in vielen Sparten unterwegs – Kindergarten, Schule, Vereine, Eltern – aber auch als Musikpädagogin. Da läuft schon einiges über meine persönliche Ansprache. Schon ein Konzerthinweis in meinem Whatsapp-Status hat einige zum Kommen motiviert. In Zukunft müssen wir noch stärker in die Werbung gehen. Die Zahlen sind schon gut, aber es darf gern noch voller werden.

Dann bekommen die Rotenburger Konzerte bald einen eigenen Instagram-Account?

Scherer: Den haben wir schon. Wir bekommen auch eine neue Homepage und haben verschiedene Ideen, wo noch was geht – Flyer in Schulen, Banner am Bahnhof oder Plakate auf dem digitalen Display am Rathaus.

Und wie werden Sie, Herr Kruse, in Zukunft Ihre Donnerstagabende verbringen?

Kruse: Das sind ja nur sechs Termine im Jahr, da bin ich, wenn nichts dazwischen kommt, natürlich hier im Lucia-Schäfer-Saal, lehne mich zurück und genieße, was früher nicht so möglich war, weil man immer an all das gedacht hat, was man im Hintergrund noch organisieren musste. Viele Rotenburger verstehen nicht, was wir hier Tolles haben: Puschig, persönlich, und die Pausen sind ein echter musikalischer Dialog!

scherer: Das ist das Schöne an Rotenburg, dass man nicht weit fahren muss für so tolle Veranstaltungen. Das kenne ich aus der bayrischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, nicht.

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