Gewalt an Schulen gibt es überall – auch bei uns auf dem Land, sagt Frank-Michael Embers, Kreisvorsitzender der GEW Rotenburg. Es sei aber wichtig, einen differenzierten Blick auf ein Thema zu werfen, das regelmäßig für Debatten sorgt.
Rotenburg – Spucken, Mobbing und andere körperliche Übergriffe kommen an Schulen immer wieder vor. Die GEW Niedersachsen hat kürzlich „null Toleranz bei Gewalt gegenüber Lehrern“ gefordert. Der Lehrer und Gewerkschafter Frank-Michael Embers fordert einerseits einen klaren Kurs gegenüber gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen, sagt aber auch: „Gewaltbereitschaft hat auch etwas mit Bildungsgerechtigkeit und fehlender Vorbildfunktion von Eltern zu tun.“
„Unser Blick als Gesellschaft auf das Phänomen Gewalt hat sich grundlegend verändert“, so der Pädagoge. Rangeleien auf dem Schulhof unter Jungen seien früher beinahe als normal hingenommen worden. „Heute erziehen wir anders“, so Embers. Empathie und Toleranz hätten einen sehr viel höheren Stellenwert. Jede Grenzüberschreitung werde daher auch stärker wahrgenommen.
Die Frage, was eine Grenzüberschreitung überhaupt ist, sei eine subjektive Wahrnehmung. „Ich lasse mich zum Beispiel von Schülern nicht mit ,Ey Digga‘ ansprechen“, sagt Embers. So etwas führe bei ihm zu pädagogischen Maßnahmen, die ein Lehrer ohne Konferenz aussprechen könne.
Schule ist keine Justizbehörde
Gehen Auseinandersetzungen über einen verbalen Schlagabtausch hinaus, kann eine Ordnungsmaßnahmenkonferenz (OMK) von der Schulleitung einberufen werden. „Wobei festzuhalten bleibt, dass eine Schule keine Justizbehörde ist“, sagt der Lehrer. Die OMK könne aber Schülerinnen und Schüler ausschließen – vom Unterricht oder auch von Aktivitäten wie Klassenfahrten.
„Wichtiger als jede Reaktion auf Vorfälle ist immer Prävention“, betont der Pädagoge, der im Kreis Osterholz in einer leitenden Funktion arbeitet. Von Mobbing-Interventions-Teams (MIT) bis hin zu Programmen, wie Konflikte ohne Gewalt gelöst werden, gebe es ein breites und vor allem funktionierendes Instrumentarium.
„Wird ein Lehrer dennoch Opfer von Gewalt, egal, ob körperlich oder verbal, ist es die Aufgabe von Schulleitungen, darauf zu reagieren“, sagt Embers. Nach seiner Einschätzung nehmen die Leitungen so etwas meistens sehr ernst. „Die betroffenen Kollegen brauchen Unterstützung.“ Wobei die disziplinarischen Maßnahmen einer Schule mit der OMK enden. Ob ein Lehrer darüber hinausgehe, indem er etwa Anzeige bei der Polizei erstatte, sei eine individuelle Entscheidung der Betroffenen. „So etwas kommt aber nur sehr selten vor“, schränkt Embers ein.
Von meinen Schülern will ich nicht mit ‚ey Digga‘ angesprochen werden
Bei verbalen Grenzüberschreitungen bis hin zu Angriffen auf Lehrer gibt es für den Pädagogen keinen Ermessensspielraum des Wegsehens. Insofern sei die GEW- Forderung nach „null Toleranz“ richtig.
Wenn Embers auf Gründe für aggressives Verhalten von Schüler blickt, sieht er aber Faktoren, die diese Auffälligkeiten erklären. Das gehe über Gruppendynamik und den Einfluss sozialer Medien hinaus. „Viele Kinder kommen stark belastet in die Schule“, sagt er. Das könne gewaltauslösend sein.
Und er mahnt eine stärkere Vorbildfunktion von Eltern an. Ein Beispiel: Wenn die ihren Nachwuchs nach einem Aggressionsvorfall mit den Worten verteidigen „das macht mein Kind nicht und es lügt auch nie“, sei es schwierig, dem Schüler die Notwendigkeit einer Verhaltensänderung nahezubringen.
Das Thema Gewalt an Schulen hat auch mit Bildungsgerechtigkeit zu tun
Wenn der Lehrer über Gründe für Ausraster bei Schülern nachdenkt, kommt er auf ein Thema, das bei fast jeder Diskussion über Schule eine Rolle spielt: Bildungsgerechtigkeit. „Reichere Familien können ihren Kindern mehr ermöglichen als arme, bei denen die Jugendlichen vielleicht noch auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen müssen.“ Anregende Freizeitaktivitäten erreichen etwas Positives bei Kindern. Embers fände es daher richtig, wenn ein Sockelbetrag der neuen Kindergrundsicherung direkt an die Schulen fließen würde, die benachteiligten Heranwachsenden selbst Angebote unterbreiten könnten.
Der Lehrer und Gewerkschafter Embers zieht sein Fazit: „Das ist immer noch die Ausnahme.“ Allerdings, fügt er hinzu, habe er den Eindruck, dass Gewalt an Schulen von einem bislang niedrigen Niveau leicht ansteige. Besonders bei verbalen Übergriffen sei das der Fall. Daher bleibt „Ey Digga“ weiterhin bei ihm tabu.
