Grüne Bundestagskandidatin aus Scheeßel: Für Klimaschutz und Minderheiten

+
Canina Ruzicka aus Scheeßel ist erst seit einem Jahr bei den Grünen und fordert nun als Bundestagskandidatin Lars Klingbeil heraus.
  • schließen

Canina Ruzicka aus Scheeßel soll die grüne Direktkandidatin für den Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ werden. Erst seit einem Jahr in der Partei will sie trotz geringer Chancen auf einen Einzug in den Bundestag motiviert in den Wahlkampf starten.

Scheeßel – Abfällige Kommentare oder skeptische Blicke ist Canina Ruzicka gewohnt, wenn sie mit ihrer Partnerin Hand in Hand durch Rotenburg spaziert. Doch als ihr im vergangenen Jahr in einem Bremer Club ein anderer Gast ins Gesicht schlug, weil sie zuvor ihre Freundin geküsst hatte, war für Ruzicka klar: „Das kann so nicht weitergehen, irgendwas muss sich ändern.“ Der Vorfall habe ihr gezeigt, wie weit sich die Menschen voneinander entfremdet hätten. Unter anderem gegen die ihrer Meinung nach zunehmende Queerfeindlichkeit wollte die Scheeßelerin angehen und trat den Grünen bei. Ein Jahr später bewirbt sie sich für den Bundestag als Direktkandidatin.

Relativ schnell nach ihrem Eintritt engagierte sich die heute 21-Jährige aktiv im Ortsverband Scheeßel, später übernahm sie als Werkstudentin die Betreuung des Tiktok-Kanals der Rotenburger Grünen. Dort berichtet sie über kommunale Themen, teilt persönliche Gedanken und greift Inhalte aus ihrem Wirtschaftsstudium auf – zum Beispiel mit Videos über nachhaltiges Wachstum. Das scheint zumindest intern gut anzukommen, jedenfalls habe sie nach dem vorzeitigen Aus der Ampel ein anderes Mitglied der Scheeßeler Grünen gefragt, ob sie bei der Wahl in drei Monaten kandidieren wolle.

„Das ist natürlich ein Riesending, aber ich will es gerne versuchen“, sagt Ruzicka. Vor allem, um sich selbst bekannter zu machen und ihr Netzwerk auszubauen, denn ihr sei bewusst, „dass ein Einzug in den Bundestag für mich als frische Politikerin schwierig wird“. Zumal ihr größter Konkurrent im Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ Lars Klingbeil (SPD) heißt.

Wirtschaftspolitik und Minderheitenrechte

Eine queere Wirtschaftsstudentin mit einem in der Türkei geborenen Vater – diese Biografie spiegele sich auch in ihren politischen Schwerpunkten wider, sagt Ruzicka. Zum einen treibe sie die Frage um, wie man die Wirtschaft ökologisch umbauen könne, ohne den Wohlstand der Nation zu gefährden. „Zum Beispiel durch erneuerbare Energien“, ist Ruzicka überzeugt. Dem scheidenden Vizekanzler Robert Habeck fühle sie sich jedenfalls sehr verbunden und würde sich in Wirtschaftsfragen eher dem Realo-Flügel der Partei zuordnen.

Abschiebung ist etwas, was ich mit meinen Werten überhaupt nicht vereinbaren kann.

Canina Ruzicka

Zum anderen will sie Minderheiten stärken, nicht nur queere Personen, sondern auch Menschen ohne deutschen Pass. „Migrationspolitisch sehe ich mich eher bei den Parteilinken“, sagt sie und bedauert den geschlossenen Rücktritt des ehemaligen Vorstands der Grünen Jugend, unter anderem aus Protest gegen die immer rigorosere Migrationspolitik der Mutterpartei. Denn wie für den enttäuschten Parteinachwuchs gelte auch für Ruzicka: „Abschiebung ist etwas, was ich mit meinen Werten überhaupt nicht vereinbaren kann.“ Dass die Grünen als Regierungsfraktion in den vergangenen drei Jahren zahlreiche Asylrechtsverschärfungen mitgetragen haben, seien für Ruzicka dennoch Kompromisse, „die man eingehen muss“.

Ruzicka will mehr Flächen für Windkraft

Die Grünen sind seit zwei Wochen im Wahlkampfmodus und haben gerade erst auf ihrem Parteitag versucht, Geschlossenheit zu demonstrieren. Kritik an der eigenen Partei ist Ruzicka kaum zu entlocken. Sie gibt sich diplomatisch, nennt Annalena Baerbock als politisches Vorbild und identifiziert sich gleichzeitig mit den radikaleren Forderungen der ehemaligen Parteijugend-Führungsriege. Wirklich konkrete Lösungsvorschläge für globale oder lokale Herausforderungen legt sie nicht auf den Tisch – was nach einem Jahr Parteipolitik vielleicht auch zu viel verlangt wäre.

Nur wenn es wirklich Nazis sind, braucht man nicht mehr das Gespräch zu suchen

Canina Ruzicka

Geht es nach Ruzicka, sollen Windkraftanlagen langfristig ruhig mehr als vier Prozent der Landkreisfläche einnehmen, aber nur, wenn das „richtig geprüft und den Leuten kommuniziert wird“. Carsharing sei etwas, das auf dem Land ausgebaut werden könnte. Die Schuldenbremse müsse weg, insbesondere um in den Klimaschutz zu investieren, denn „was der Klimawandel in Zukunft für einen Schaden anrichten könnte“, würde deutlich teurer werden.

Von grüner Verbotspolitik will sie nicht sprechen, „wir versuchen, zukunftsorientiert zu arbeiten“. Feindbilder in der Gesellschaft würde sie gerne abbauen, „nur wenn es wirklich Nazis sind, braucht man nicht mehr das Gespräch zu suchen“. Und den Vorwurf, dass sich eher ein finanziell abgesichertes Bildungsbürgertum von Robert Habecks Videos aus der Altbauküche angesprochen fühle, weist Ruzicka mit Verweis auf ihre eigene Geschichte zurück.

SPD-Eltern wählen jetzt grün

Nach dem Abitur an der Scheeßeler Eichenschule habe sie ihr Studium mit einem Nebenjob beim Bäcker finanziert, bevor sie bei den Grünen im Social-Media-Bereich eingestiegen ist. Sie stamme aus einem klassischen SPD-Haushalt. Einer von Ruzickas Großvätern war für die Sozialdemokraten sogar kommunalpolitisch aktiv. Auch ihre Mutter – Erzieherin in Scheeßel – und ihr Vater – Buchhalter bei einem Feinkostunternehmen in Berlin und großer Fan von Lars Klingbeil – fühlten sich jahrelang der SPD verbunden. Zumindest so lange, bis Ruzicka sie nach eigener Aussage mehr und mehr von grünen Positionen überzeugen konnte.

Und so dürfte für Ruzickas Mutter als Wahlberechtigte im Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ klar sein, wem sie ihre Erststimme gibt. Und wenn das erwartungsgemäß nicht für ein Direktmandat reichen sollte? „Dann will ich auf jeden Fall weitermachen, erst auf kommunaler Ebene und dann vielleicht irgendwann auf Landesebene“, sagt Ruzicka, die ihre spontane Kandidatur für das nationale Parlament dennoch ernst meint. Auf die Frage nach ihren Zukunftsträumen antwortet sie: „Ich weiß nicht, ob ich die Verantwortung haben will, Kanzlerin zu sein, aber irgendwann im Bundestag zu sitzen, wäre ziemlich cool.“

Nominiert werden soll Ruzicka bei einer Wahlversammlung am Sonnabend kommender Woche in Visselhövede. Dass es neben ihr bei den Grünen weitere Kandidaten für den Wahlkreis gibt, sei nicht auszuschließen heißt es. Aber wohl eher unwahrscheinlich.

Kommentare