Hier lebt die Artenvielfalt: Wildkräuter gedeihen auf Roggenfeld in Bittstedt

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Erheblichen Anteil am gelungenen Ackerkräuter-Projekt haben Maren Schröder-Meyer und Heiner Schröder.
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Es ist ein Pilotprojekt mit Vorbildcharakter: In Bittstedt gedeihen Ackerwildkräuter, die im Anbau mit Getreide integriert sind und so neue Lebensräume für Wildtiere und Nahrungsangebote für Vögel und Insekten schaffen. Ein Besuch vor Ort.

Sottrum/Bittstedt – Es summt und brummt so sehr auf dem Roggenfeld am Rande von Bittstedt, dass die Herzen von Naturfreunden höherschlagen sollten. „Mega, was hier los ist“, schwärmt Diplom-Agrar-Ingenieurin Maren Schröder-Meyer, auf deren Fläche das für die heutige Zeit, in der ein ständiger Rückgang von Insekten zu verzeichnen ist, ungewöhnliche Spektakel stattfindet.

Der 1,5 Hektar große Acker ist eins von drei Pilotprojekten, für das die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Rotenburg gemeinsam mit der Stiftung Naturschutz im Jahr 2020 finanzielle und fachliche Unterstützung für fünf Jahre zugesagt hatte. In Bittstedt ist auch von Anfang an die St.-Georg-Stiftung der Sottrumer Kirche aktiv beteiligt. Ziel: Ein Artenschutzprojekt für Ackerwildkräuter sogenannter Segetalarten, das im Anbau mit Getreide integriert ist und so neue Lebensräume für Wildtiere und Nahrungsangebote für Vögel und Insekten schafft.

Die Initiative ergriff damals Heiner Schröder vom Vorstand der Sottrumer St.-Georg-Stiftung, der mit seiner Idee beim Landkreis offene Türen einlief. „Es ist ein Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung“, steht im Flyer, den die Kirchenstiftung Anfang 2021 aufgelegt hatte. Obwohl feststand, dass die Landwirte keinen finanziellen Nachteil haben sollten, gestaltete sich in der Samtgemeinde Sottrum die Suche nach einer geeigneten Fläche schwieriger als gedacht. „Ich habe leider viele Absagen erhalten“, erinnert sich Schröder. Dagegen bekam er bei seiner Nichte, Maren Schröder-Meyer, sofort ein „Ja“.

Im Herbst 2020 wurden daher in Bittstedt rund 1 000 Quadratmeter mit Winterroggen im doppelten Reihenabstand und einer regionalen Mischung Acker-Wild-Kräuter eingesät. „Auf Pflanzenschutzmittel wurde vollständig verzichtet und nur eine geringe Menge organischer Dünger eingesetzt“, erklärt Maren Schröder-Meyer. Auch die weitere Bodenbearbeitung erwies sich als deutlich aufwendiger, da nur flach – also ohne Einsatz eines Pflugs – gearbeitet werden kann. Dies kommt beispielsweise der Wildbiene zugute, die im Boden nistet.

Die Blüten tragen reichlich Samen, die im kommenden Jahr wieder für ein großes Nahrungsangebot sorgen werden.

Mehrarbeit kam auch bei der Ernte auf den Betrieb zu, da der Mähdrescher mit der Kombination aus Getreide und Beikraut nicht gut zurechtkam. „Der Ertragsausfall war gegenüber der konventionellen Bewirtschaftung, wo für so wenig Konkurrenz wie möglich gesorgt wird, mit rund zwei Drittel Einbuße immens“, rechnet Maren Schröder-Meyer vor. Durch die Verunreinigungen mit den Ackerkräutern konnte das Getreide nicht in den Verkauf gehen, sondern wurde dem Futter für die hofeigenen Schweine zugegeben. Trotz des erheblichen Aufwands und des Bewusstseins, dass die Ackerkräuter vielleicht immer im Boden erhalten bleiben, erklärte sich die Landwirtin im vergangenen Jahr bereit, die Fläche um die angrenzenden 1,4 Hektar auszuweiten. Nicht nur einmal verdeutlichte die 50-Jährige schon ihren Berufskollegen, die das Projekt teilweise belächeln, ihren Antrieb: „Wir möchten der Natur etwas zurückgeben.“

„Leider wurden die anderen beiden Projekte nach einem Jahr abgebrochen“, bedauert Heike Vullmer von der Stiftung Naturschutz. Daher ist die Diplom-Biologin umso begeisterter vom Bittstedter Feld. „Mit Maren Schröder-Meyer und Heiner Schröder haben wir tolle Partner“, lobt sie die hervorragende Zusammenarbeit. Nachdem sich im ersten Jahr auf dem Getreidefeld ein buntes Bild bot, war sie sehr angetan, dass im zweiten und dritten Jahr viele Ackerkräuter, die eine wichtige Nahrungsquelle und Lebensgrundlage für viele Insektenarten bieten, wieder aufgingen. Unter den rund 20 Arten sind sogar zwei, die auf der Roten Liste stehen. „Ein richtig tolles Projekt vonseiten des Naturschutzes“, so Vullmer.

Jeder Euro zählt

Da mit der Aussaat von Ackerkräutern auf Getreidefeldern erhebliche finanzielle Einbußen für die Landwirte verbunden sind, wird das Projekt von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rotenburg und der Stiftung Naturschutz unterstützt. Über „Blühpatenschaften“ der Sottrumer St.- Georg-Stiftung können sich auch Privatleute beteiligen. „Jeder Euro zählt“, betont Heiner Schröder, der zum Stiftungsvorstand gehört. Die Spenden kommen vollständig dem Blühpflanzenprojekt zugute. Spenden mit dem Verwendungszweck „Blühpatenschaft“ sind möglich über die Konten DE66291656810115353600 oder DE15241512350026062299. Diese sind steuerlich absetzbar. 

Falls dieses Jahr der Acker nicht mit dem Mähdrescher bearbeitet werden kann, gibt es auch schon eine Lösung: „Es besteht die Möglichkeit, die gesamten Pflanzen der Biogasanlage zuzuführen“, weiß Heiner Schröder, der aus der Landwirtschaft stammt.

Die Diplom-Biologin zieht ein rundherum positives Fazit: „Es ist sehr schön, sich auf Augenhöhe zu begegnen und gemeinsam ein so erfolgreiches Projekt auf die Beine zu stellen.“ Ein besonderes Lob hat sie für Maren Schröder-Meyer: „Sie setzt alles sorgfältig und mit viel Liebe um.“

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