Eiche fällt am weichen Deich / Fahrenholz: „Dauerhaft hohes Spannungslevel“

Hochwasser fordert Natur-Opfer: Eiche fällt am weichen Horstedter Deich

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Auf dem Deich in Horstedt ist kurz vor Silvester eine kapitale alte Eiche umgestürzt. Das durch das Hochwasser aufgeweichte Erdreich und ein Hagelschauer mit Windböen hatten dem Baum den Rest gegeben. Anwohner und Feuerwerkräfte verschlossen das Loch im Deich mit über 1000 Sandsäcken.

Bevor das traditionelle Doppelkopf-Duell zwischen den Ortsfeuerwehren Horstedt und Dibbersen-Donnerstedt kurz vor dem Jahreswechsel ausfällt, muss schon einiges passieren. Seit Jahrzehnten gibt es diese Tradition, nur während Corona ist sie mal ausgesetzt worden – und jetzt wieder. Der Grund: natürlich das Hochwasser und die hohe Alarm- und Einsatzbereitschaft der Rettungskräfte. Voraussichtlich ist das Wasser diesmal höher aufgelaufen als die letzte große Flut im Jahr 1981, schätzen Mittelweserverband, THW und Feuerwehren schon jetzt – und die nächste Welle kommt erst noch, auch wenn die Pegel derzeit fallen, begünstigt durch den am Dienstag einsetzenden und für die kommenden Tage angesagten Dauerregen.

Ortsbrandmeister Stefan Kluge (v.l.), sein Stellvertreter Klaus Meyer, Deichsicherheitsfachmann Frank Zimmermann vom THW sowie die gebürtige Horstedterin und Samtgemeindebürgermeisterin Anke Fahrenholz begutachten die Lage am Deich in Horstedt.

Und als hätten sie es geahnt, ereilte die Feuerwehrleute aus Horstedt und Dibbersen-Donnerstedt nur einen Tag nach dem schweren Herzens abgesagten geselligen Kartenabend ein Einsatz vor der eigenen Haustür – oder besser gesagt: dahinter, am Deich nördlich der Horstedter Dorfstraße. Ein Hagelschauer mit kräftigen Windböen hatte einer jahrzehntealten kapitalen Eiche auf dem aufgeweichten Deich, die ohnehin schon krank und nicht mehr standsicher ist, den Rest gegeben. „Die hat schon die Deicherhöhung 1961 mitgemacht“, wusste Klaus Meyer, stellvertretender Ortsbrandmeister, bei einer Begutachtung am Dienstag. Sein Chef in der Horstedter Feuerwehr, Ortsbrandmeister Stefan Kluge, schätzt das Alter des Baums auf mindestens 100 Jahre. So lag also kurz vor Silvester der stolze Baum mit einem Stammdurchmesser von 1,20 Metern da – und hatte mit seinem entwurzelten Fundament einen mächtigen Krater in die Deichflanke gerissen.

Bis in die Nachtstunden hinein packten sodann um die 30 Menschen bei der Deichsicherung mit an, Anwohnerinnen und Anwohner wie Feuerwehrleute. Mehr als 1000 Sandsäcke schafften sie in einer Menschenkette heran und verschlossen so unter der fachmännischen Anleitung von Frank Zimmermann vom THW, der derzeit dauerhaft als Fachberater für Deichsicherheit in Thedinghausen stationiert ist, die Schwachstelle im Erdreich.

Alle packen mit an beim Nachteinsatz am Deich – rund 30 Helferinnen und Helfer aus Anwohnerschaft und Feuerwehren bilden eine Kette.

„Das ist jetzt sicher, es kommt kein Wasser durch“, berichtet Kluge und ergänzt: „Wir sind froh, dass wir Frank Zimmermann hier haben. Wir hätten sonst nicht gewusst, wie wir die Sandsäcke konkret hätten platzieren müssen. Wir hatten hier ja lange kein so großes Hochwasser.“ Der Schutz vor solchen Fluten zählt sonst nicht zu den Kernaufgaben der Ortsfeuerwehren in der Samtgemeinde, entsprechend sind die Einsatzkräfte hierfür nicht explizit ausgebildet.

Es ist ein dauerhaft hohes Spannungslevel.

Samtgemeindebürgermeisterin Anke Fahrenholz

Insofern lernen alle Beteiligten gerade jeden Tag eine Menge in Sachen Hochwassergefahren und Deichsicherheit dazu. Das ist in vielen Gesprächen zu merken, ob mit den Menschen aus den örtlichen Feuerwehren, der Bauhofleitung oder Verwaltungsspitze, die alle froh sind, dass sie Experten wie Frank Zimmermann vom THW aus Leer oder auch die Fachleute vom Mittelweserverband als zuständigem Deichunterhaltungsverband um sich haben, die federführend und kontinuierlich die Deichlinien ablaufen und auf Schäden und drohende Gefahren kontrollieren.

Meine Einsatzklamotten waren seit dem 23. Dezember bis jetzt nicht wieder im Feuerwehrhaus.

Klaus Meyer, stellvertretender Ortsbrandmeister Feuerwehr Horstedt

Denn auch so sind die Einsatzkräfte seit Weihnachten schon andauernd im Einsatz und – wie auch die gebürtige Horstedterin, Feuerwehrfrau und Samtgemeindebürgermeisterin Anke Fahrenholz – ständig mit den Gedanken bei der Hochwasserlage. „Es ist ein dauerhaft hohes Spannungslevel“, sagt Fahrenholz, und Klaus Meyer berichtet: „Meine Einsatzklamotten waren seit dem 23. Dezember bis jetzt nicht wieder im Feuerwehrhaus.“ So geht es ganz sicher den meisten Feuerwehrleuten derzeit, ob in der Samtgemeinde oder anderswo. Allein Neujahr war für die Beteiligten hierzulande mal ein ruhigerer Tag.

Dank für Engagement und Verpflegung

Explizit dankt Stefan Kluge für Zusammenhalt und Engagement im Ort. Ob nun beim Anpacken und Sandsäcke schleppen oder bei der Verpflegung der Helferinnen und Helfer mit Erbsensuppe, Kuchen oder Kaffee.

Und was die anderen Eichen auf dem Horstedter Deich anbelangt: Die müssen weichen, sagt Kluge, weil sie krank und abgängig sind. Noch nicht sofort, damit ihre schweren Äste nicht auf den derzeit aufgeweichten Deich fallen und ihn so weiter schwächen, aber die Tage der alten Bäume sind gezählt. Irgendwann wenn das Wasser wieder weg ist.

Rubriklistenbild: © Christian Walter

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