- VonChristian Walterschließen
Der Gebrauch von Mährobotern oder Freischneidern in Gärten hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Der Nabu warnt vor den Gefahren insbesondere für Igel, denen eine jahrtausendealte Verteidigungsstrategie zum Verhängnis wird. Immer mehr Tiere müssen in Hilfsstationen behandelt werden oder werden sogar tödlich verletzt.
Wer an lauen Sommerabenden still im Garten sitzt und den Geräuschen der Nacht lauscht, kann sie keckern und fauchen oder schmatzend und schnaufend im Gebüsch rascheln hören: Igel durchstreifen auf der Suche nach Laufkäfern, Ohrwürmern, Nacktschnecken, Regenwürmern und Raupen ihr Revier.
Immer öfter werden Igel jedoch durch den Einsatz von Mährobotern und ähnlichen Geräten, die die Gartenarbeit erleichtern, verletzt, verstümmelt oder sogar getötet. Darauf weist Sabrina Kernhoff hin. Die Sprecherin der Achimer Gruppe des Naturschutzbundes (Nabu) bittet Gartenbesitzer darum, bei der Pflege der Grünflächen das Wohl der Tiere im Auge zu haben.
Die für Achim mit zuständige, ehrenamtlich betriebene Igelhilfe Rotenburg müsse sich in jüngster Vergangenheit um immer mehr verletzte Stachelträger kümmern, bedauert Kernhoff. Und andernorts sei die Lage nicht besser. Unter der Überschrift „Achtung, Igel! – Denn er fühlt wie du den Schmerz“, warnt der Naturschutzbund deshalb in einer Pressemitteilung vor dem Einsatz von Freischneidern und Mährobotern.
„Durch den zunehmenden Verlust ihrer ursprünglichen Habitate in einer reich gegliederten, vielfältigen Feldflur mit Hecken, Gehölzen, Wegsäumen, Staudendickichten und artenreichen Magerwiesen sind die stacheligen Säugetiere zu einem typischen Kulturfolger geworden, der heute vorzugsweise naturnahe Gärten, Parkanlagen, Friedhöfe und Streuobstwiesen in menschlichen Siedlungen bewohnt“, schreibt die Naturschutz-Organisation zur heutigen Situation der stacheligen Kleinsäuger.
Dort mache ihnen nach Angaben des Nabu vor allem die Zerschneidung ihres Lebensraumes durch ein dichtes Straßennetz zu schaffen: Alljährlich würden etwa eine halbe Million Igel von Autos überrollt. Eine weniger augenfälligere Bedrohung stelle der ungebrochene Trend zu Schottergärten und stark gepflegtem Einheitsgrün dar, wo Igel weder ausreichend Nahrung noch geeignete Versteckmöglichkeiten sowie Schlaf- und Nistplätze in Hecken, Sträuchern, hohlen Bäumen, Reisig- und Laubhaufen fänden.
Mit dem stetig steigenden Gebrauch von motorisierten Gartengeräten wie Freischneidern, Fadenmähern, Motorsensen und Mährobotern sind die beliebten Insektenfresser laut Nabu einer weiteren Gefahrenquelle ausgesetzt, die Igelstationen, Wildtierhilfen und Tierheimen in ganz Deutschland eine stetig steigende Zahl an Pfleglingen beschert. Dabei wird den Stachelrittern eine jahrtausendealte Verteidigungsstrategie zum Verhängnis: Bei Gefahr rollen sich die Tiere zu einer regungslosen Stachelkugel ein, sodass Gesicht, Bauch und Gliedmaßen verborgen und durch die nadelspitzen, starr aufgerichteten Stacheln geschützt sind. So können sie zwar Fressfeinde wie Marder, Iltis, Fuchs und Dachs erfolgreich abwehren, haben jedoch gegen motorisierte Gartengeräte keine Chance.
Hinzu kommt laut Nabu, dass Freischneider von Gartenbesitzern, Hausmeistern und Bauhofbetreibern gerade dort eingesetzt werden, wo Igel ihre Schlaf- und Nestplätze einrichten, nämlich unter Büschen, an Heckenrändern und in verwilderten, überwucherten Ecken. Wurden früher im Frühjahr und Sommer nur wenige hilfsbedürftige Igel eingeliefert, die beim Kompostumsetzen mit Mistforken verletzt oder von einem Hund gebissen wurden, so verzeichnen die Tierhilfen immer mehr Tiere, die mit tiefen Schnittwunden im Rückenbereich die Igelhilfe erreichen.
Auch Mähroboter gehören zu den neuen Feinden der Igel. „Die als fleißige Helfer angepriesenen Geräte kommen vor allem in Privatgärten zum Einsatz, wo sie stundenlang ihre Runden drehen und dabei Blühpflanzen, Insekten, Spinnen, Schnecken, Amphibien, Reptilien und kleinen Säugetieren den Garaus machen“, so der Nabu.
Obwohl die Hersteller darauf hinwiesen, dass Mähroboter möglichst tagsüber und unter Aufsicht arbeiten sollten, seien die autonomen Geräte oft nachts unterwegs. Dann gefährdeten sie auch nachtaktive Tiere, die auf Nahrungssuche über den Rasen stromern und den nahezu lautlos heranfahrenden Mähroboter nicht als Gefahr wahrnähmen. Denn entgegen landläufiger Meinung seien selbst mit Sensoren und Kameras ausgestattete Modelle nicht in der Lage, die Kleintiere zu erkennen, wie jüngst eine wissenschaftliche Studie der Universitäten Aalborg und Oxford ergeben habe, in der 18 Mähroboter unterschiedlicher Typen, Hersteller und Gewichtsklassen an bereits toten Igeln getestet wurden.
„Die Folge: Die Anzahl durch Mähroboter schwer verletzter und verstümmelter Igel, die typische Verletzungsmuster im Gesicht und am Kopf aufweisen, nimmt kontinuierlich zu und führt deutschlandweit immer häufiger zu überfüllten Stationen und Pflegestellen, die aufgrund fehlender personeller, räumlicher, zeitlicher und finanzieller Ressourcen ohnehin bereits an der Grenze der Belastbarkeit arbeiten“, heißt es in der Nabu-Mitteilung.
„Während früher die Saison erst Ende Juli mit den ersten Säuglingen begann und man vorher Kraft schöpfen konnte, starten wir von Jahr zu Jahr erschöpfter in die Saison, weil unsere Intensivstationen ab April rappelvoll mit schwer verletzten Igeln sind, die aufwändige und sehr teure Operationen benötigen und eine lange medizinische Nachsorge und Pflege“, beschreibt die Vorsitzende der Igelhilfe Rotenburg / Wümme, Merwel Otto-Link, ihre langjährigen Erfahrungen.
Der 2019 gegründete Verein betreibt in der Hauptstelle in Rotenburg sowie in einer Außenstelle in Bremen zwei Igelstationen mit Intensiv- und Krankenabteilung, Küche, Waschraum und einen Außenbereich mit Boxen und Gehegen. An beiden Standorten arbeiten Teams von etwa 20 Ehrenamtlichen. Mussten 2021 insgesamt 850 Igel stationär behandelt werden, erhöhte sich die Anzahl 2022 auf 1 023. In diesem Jahr wurden bisher 25 Schnittopfer gezählt, wobei die Dunkelziffer laut des Naturschutzbundes weitaus höher liegen dürfte, weil viele verletzte Tiere nicht gefunden werden, sondern an einem Rückzugsort sterben.
Aus Sicht des Naturschutzvereins sollte man am besten mehr Wildnis im eigenen Umfeld wagen und gänzlich auf den Einsatz von Mährobotern oder Freischneidern verzichten, um Igel, Jungvögel und andere Gartenbewohner nicht zu gefährden. „Giftfreie, naturbelassene Gärten mit heimischen Büschen und Hecken, Blühwiesen statt kurzgeschorener Rasenflächen, wuchernden Ranken und Laubhaufen helfen nicht nur Igeln, sondern tragen generell zum Erhalt der Artenvielfalt bei“, so der Nabu.
Wer trotzdem motorisierte Geräte einsetzen möchte, sollte nach Nabu-Angaben darauf achten, dass Mähroboter grundsätzlich nur unter Aufsicht laufen. Außerdem müssten Rasenflächen, Gebüsche und andere Einsatzorte vorher kontrolliert und Wildtiere in Sicherheit gebracht werden, zumal es nach Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes verboten sei, wild lebende Tiere ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen, zu verletzen oder zu töten sowie ihre Lebensstätten zu beeinträchtigen und zu zerstören.
Tipps für naturnahe Gärten und Infos über Igel
Wertvolle Tipps zur Anlage naturnaher Gärten finden Interessierte auf den Internetseiten des Naturschutzbundes unter www.nabu.de, umfangreiche Informationen zum Thema Igel gibt es beim Verein Pro Igel (www.pro-igel.de) und der Igelschutz-Interessengemeinschaft (www.igelschutz-ev.de).



