Zwischen Cuxhaven und Neuwerk

„Eine Ära geht zu Ende“: Beliebter Pferdehof an der Nordsee bietet bald keine Watttouren mehr an

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Wattfahrten mit der Kutsche wird Doris Henn ab 2024 nicht mehr anbieten. Die Reiterhof-Besitzerin aus Cuxhaven-Sahlenburg hat nun erklärt, warum. (Symbolbild)
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Doris Henn und ihr Reiterhof-Team aus Cuxhaven-Sahlenburg fahren künftig nicht mehr mit Kutschen durchs Watt. Das Ende der traditionsreichen Touren hat mehrere Gründe.

Cuxhaven – „Mit einem weinenden Auge und einem erleichterten Auge“ endet für Doris Henn im Herbst 2023 eine Familien-Ära. Die Geschäftsführerin vom Reiterhof & Wattwagenfahrten D.Henn aus Cuxhaven-Sahlenburg mottet ihre Kutschen ein, um sich neu orientieren zu können. Das tut sie freiwillig, nennt aber auch mehrere strukturelle Gründe, die zu dieser Entscheidung beigetragen haben.

„Ich gebe nicht auf und ich muss auch nicht aufhören“, schreibt Doris Henn bei Instagram und will damit Gerüchten den Wind aus den Segeln nehmen, das Ende der beliebten Watt-Touren sei ihr aufgedrängt worden. „Ich höre auf, weil ich es so will“, schreibt sie und erklärte ihre Entscheidung zudem in einer Instagram-Story. Unter anderem ist Doris Henns Team bislang zwischen Cuxhaven und Neuwerk unterwegs gewesen.

Reiterhof von Doris Henn in Cuxhaven-Sahlenburg bietet ab 2024 keine Wattfahrten mehr an

Los ging es für Doris Henns Familie mit den Kutschfahrten in den 1950er-Jahren. Damals war ihr Uropa in das Tourismus-Angebot eingestiegen. Nun, im Herbst 2023, findet das alles ein Ende. Sie sei die erste Anbieterin, die sich in der Region Cuxhaven aus dem Geschäft zurückziehe, berichtet Doris Henn gegenüber kreiszeitung.de. Insgesamt sei die Branche derzeit zurückhaltend bei der Beurteilung der Situation, für ihre Kollegen sprechen wolle und könne sie aber nicht.

Drei Gründe nennt Doris Henn, die zu ihrer Entscheidung gegen weitere Kutschfahrten durchs Watt beigetragen haben. So haben sich in den vergangenen Jahren die Auflagen und Vorschriften zum Negativen verändert. „Den Wattwagenunternehmen werden nur Steine in den Weg gelegt“, schreibt sie. Ein Beispiel: Kutscher im Watt seien oft älter und fuhren seit Langem ohne besondere Bescheinigungen. Das habe sich geändert, nun müsse man seine Befähigung nachweisen. Aber die bis zu 2000 Euro teuren Personenbeförderungsscheine wolle sich kaum jemand der Senioren leisten. Entsprechend schwierig sei es daher, genügend Personal zu finden.

Touren mit der Kutsche vor Cuxhaven oder in der Heide sind keine Alternative

Zudem seien die Wege im Watt immer schlechter geworden. Und auch die Priele seien tiefer als zuvor. Auch der Schutz der Umwelt spiele eine immer größere Rolle. Was absolut nachvollziehbar sei, betont Doris Henn. Dennoch sind all das Unwägbarkeiten, die nicht nur ihren Betrieb betreffen. Letztendlich fehle auch mehr und mehr das Interesse der Menschen an einer Fahrt durchs Watt. Neuwerk verliere an Attraktivität, für kurze Touren vor Cuxhaven meldeten sich noch weniger Teilnehmer.

Keiner fühlt sich bei der Strecke nach Neuwerk so richtig zuständig.

Doris Henn

„Keiner fühlt sich bei der Strecke nach Neuwerk so richtig zuständig“, sagt Doris Henn. Gemeint sind die Länder Niedersachsen und Hamburg, die jeweils für Teile der Route verantwortlich sind. Seit 2021 gebe es zwar einen neuen Weg nach Neuwerk – der alte war vielfach unpassierbar geworden. Aber auch der Neue sei schon in einem so schlechten Zustand wie sein Vorläufer. „Da fahren ja auch die Trecker durch, der ist schon wieder genauso tief wie der alte“, erklärt Doris Henn.

Doris Henn und ihre Familie sind seit den 1950ern vor Cuxhaven im Watt mit Kutschen unterwegs.

„Man weiß meist einen Tag vorher, ob der Weg nach Neuwerk für eine geplante Tour nicht gangbar ist“, erklärt Doris Henn. „Wir versuchen dann unsere Teilnehmer für andere Touren zu begeistern, bekommen aber oft negative Rückmeldungen und müssen die Fahrten absagen.“ Auch Ausflüge mit der Kutsche durch die Heide seien keine Alternative: „Gewerbliche Anbieter sind dort nicht erwünscht.“

Tourismusverband versucht, Kosten und Aufwand für Wattwagenfahrer gering zu halten

Katharina Ziersch, Sprecherin beim für Tourismus verantwortlichen Nordseeheilbad Cuxhaven, bestätigt die Veränderung in der Natur. „Die Priele sind in der Tat tiefer geworden und der Weg nach Neuwerk dadurch etwas weiter.“ Auch stehe neben dem Tierschutz auch die Sicherheit der Gäste beim Auf- und Absteigen von den Wagen im Fokus. „Es gab ja schon den einen oder anderen Vorfall“, berichtet Ziersch. Das sagt auch Doris Henn, verdeutlicht aber auch: „Das sind einzelne Vorfälle, bei denen noch nie jemand ernsthaft verletzt wurde oder gestorben ist.“ Die Pferde seien für die vier Stunden dauernden Touren gut ausgebildet, Pausen fester Bestandteil der Ausflüge.

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Die Stadt Cuxhaven sei bemüht, die Kosten und den Aufwand für Wattwagenfahrer gering zu halten, sagt Nordseeheilbad-Sprecherin Katharina Ziersch. Im Sinne des Tierschutzes müsse man aber „einfach mit der Zeit gehen“. Die große Bedeutung der Branche ist ihr dabei bewusst: „Die Wattwagen gehören zu Cuxhaven wie das Watt und der Strand und wenn man Bedingungen schafft, die Mensch und Tier schützen, dann hoffen wir, dass wir diese Tradition noch an viele Generationen weitergeben können.“

Doris Henn sieht im Ende der Wattwagenfahrten eine Chance für Neues

Seit drei Jahren schon habe Doris Henn überlegt, sich neu zu orientieren, berichtet sie. Den Pferden und auch ihrem Reiterhof bleibe sie natürlich treu. Am liebsten würde sich die Geschäftsführerin mit einer eigenen Reithalle einen Herzenswunsch erfüllen, sieht aber keinerlei Aussicht auf Erfolg. Zu wenig Platz und zu hohe Kosten stünden dieser Idee entgegen. Reitunterricht für Kinder wäre eine Option, die Doris Henn nach dem Ende der Wattfahrten mit der Kutsche im Blick behalten möchte.

Zwei ihrer Kutschpferde sollen verkauft werden, zwei weitere für Ausritte im Besitz des Reiterhofs bleiben. Die Wagen bleiben ebenfalls erhalten, werden aber „eingemottet“. „Schiss habe ich schon ein bisschen“, sagt die 28-jährige Doris Henn über den bevorstehenden Wandel in ihrem Leben. „Ab dem nächsten Jahr gibt es bei mir nur noch Ausritte & Gastboxen. Eine Ära geht zu Ende und es fällt mir so so schwer“, schreibt die Geschäftsführerin und erhält für ihre Worte hundertfach Zuspruch auf ihrem Instagram-Kanal.

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