Der Jahrhundertorkan im Landkreis Verden: Mindestens ein Todesopfer

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Mehrere Verletzte forderte der Sturmschaden bei der Vemag in Verden.
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Ein Todesopfer, 19 Verletzte im Krankenhaus, der Jahrhundertorkan im Landkreis Verden hielt die Menschen in Atem...Pausenlos waren Retter im Einsatz

Verden/Achim – Ein langer und turbulenter Arbeitstag steckt ihm in den Knochen, dem kaufmännischen Angestellen Walter Weigel. Der Sturm hat ihn Nerven ohne Ende gekostet. Immer wieder neue Anfragen von Fahrern, von Kunden, immer wieder Antworten, oder vielmehr Vorschläge, die er unterbreitete, ohne wirklich die Konsequenzen zu kennen. Und jetzt endlich nach Hause, endlich nachschauen, ob das Heim die Rekord-Böen überstanden hat. Das ist der brisante Cocktail, der Tragödien auszulösen vermag. Mindestens ein Todesopfer forderte der Jahrhundertorkan vor 50 Jahren, am 13. November 1972, im Landkreis Verden. Darüber hinaus registrierten die Behörden mindestens 19 Verletzte allein im Einzugsbereich des Verdener Krankenhauses.

Ein umgestürzter Baum war ihm zum Verhängnis geworden. Der 56-jährige Weigelt befand sich auf der Heimfahrt von seinem Arbeitsort in Thedinghausen in Richtung Riede. Die Dämmerung setzte ein. Und dann schepperte es nur noch. Ein mächtiger Ast, der auf die Fahrbahn ragte und gegen die Windschutzscheibe seines Auto krachte, so heftig, dass das Glas barst. Der Angestellte wurde so schwer am Kopf getroffen, dass er auf der Stelle verstarb. Anschließend kam das Auto den Polizeiangaben zufolge von der Straße ab und stürzte in einen Graben.

Orkan im Landkreis Verden: Einer Katastrophe entkamen die Beschäftigten der Desma in Achim

Andere hatten Glück im Unglück. Einer Katastrophe entkamen die Beschäftigten der Desma in Achim. In der Halle für den Stiefelformbau waren kurz vor der Frühstückspause rund 60 Arbeiter an ihren Werkbänken tätig, als unter großem Getöse das gläserne Oberteil des Hallendaches von einer Böe erfasst wurde. Mit unvorstellbarer Gewalt, wie es heißt, riss der Sturm die über zwei Tonnen schwere und 50 Meter lange sogenannte „Laterne“ aus ihrer Verankerung, hob sie empor und schleuderte sie 40 Meter weiter auf das übernächste Hallendach, wo sie die Decke und das Oberlicht zerstörte. Herabfallende Glassplitter und Rahmenteile des Daches verletzten wie durch ein Wunder nur vier Mitarbeiter. Insgesamt arbeiteten in der betroffenen Halle für den technischen Formenbau 50 Beschäftigte zum Teil unmittelbar unter den zerstörten Dachflächen.

Verletzungen trugen auch die Menschen in Verdener Firmen davon. Besonders betroffen die Vemag an der Weserstraße. Das Flachdach einer Produktionshalle stürzte ein. Mehrere Mitarbeiter, wie es hieß, zogen sich Blessuren zu und wurden ins Krankenhaus gebracht. Ähnlich die Lage bei der Effem an der Eitzer Straße an der heutigen Mars-Produktionsstätte. Eine großflächige Pappe hatte sich von einem der Dächer gelöst, mit ungeheurer Wucht fegte sie über das Gelände, ehe sie schließlich einen Mitarbeiter erfasste und zu Boden schleuderte. Auch er wurde eilig ins Krankenhaus gebracht.

Stadt Verden im Zeichen des Orkans im November 1972

Auch im städtischen Verkehr kamen Menschen zu Schaden. Auf den Strecken, auf den überhaupt noch Fahrzeuge rollen konnten, auf der Bremer Straße etwa, erwischte es einen Busfahrer. Ein Bauzaun löste sich, wirbelte über die Fahrbahn und flog schließlich in den fahrenden Schulbus. Wie durch ein Wunder erlitt lediglich der Fahrer Verletzungen. Und auch mit dem Abflauen des Orkans war es nicht vorbei. Die teils rasch ausgeführten Arbeiten an den Dächern forderten ebenfalls ihren Tribut. Bei der Reparatur des Dom-Daches etwa. „Einen Anruf aus der Firma meines Mannes habe ich erhalten“, sagt die Verdenerin Edeltraut Nühring. Als Zimmermann war er unterwegs, das mächtige Kupferdach sollte geschlossen werden, der Dachstuhl musste vorbereitet werden. „Abgestürzt ist er, und ein Kollege mit ihm. Hoch oben vom Dach stürzte er herunter. Ich bin ins Krankenhaus geeilt. Ich war auf alles gefasst.“ Aber es konnte schnell Entwarnung gegeben werden. Mit einem komplizierten Armbruch war er eingeliefert worden.

Jahrhundertsturm: Landkreis Verden kamglimpflich davon

Kein Einzelfall. Trotz der Wucht, mit der der Orkan die Region erfasste, kam der Landkreis Verden glimpflich davon. Von den etwa 20 Menschen, die an jenem Montag ins Verdener Krankenhaus gebracht wurden, mussten lediglich drei als schwerverletzt eingestuft werden. Am Tag nach dem Jahrhundertsturm befanden sich den Angaben zufolge noch fünf Personen in stationärer Behandlung.

ZEITZEUGEN GESUCHT
Selten beeinträchtigte ein Naturereignis das öffentliche Leben so stark wie der Orkan vor exakt 50 Jahren. Für die Serie „Der Jahrhundertsturm“ sucht die Redaktion weitere Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse in den Stunden der heftigsten Böen oder den Tagen danach schildern. Schön wäre es, könnten auch weitere Bilder beigesteuert werden. Gerne anrufen unter 04231/801143 oder eine kurze Mail senden an redaktion.verden@kreiszeitung.de

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