VonMarvin Köhnkenschließen
Die Meyer Werft steht vor einer möglichen staatlichen Übernahme. Welche Konsequenzen hat das für das Traditionsunternehmen?
Papenburg – Die Meyer Werft, ein traditionsreiches Familienunternehmen aus Papenburg, steht vor einer der größten Herausforderungen ihrer über 200-jährigen Geschichte. Die finanzielle Schieflage, in die das Unternehmen geraten ist, hat weitreichende Verhandlungen über eine staatliche Beteiligung ausgelöst. Die Corona-Pandemie und ungünstige Vertragsbedingungen für Kreuzfahrtschiffe haben die Werft in eine prekäre Lage gebracht.
Hintergrund der finanziellen Schieflage der Meyer Werft ist komplex
Die Meyer Werft hat in den letzten Jahren stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie gelitten. Verträge für Kreuzfahrtschiffe, die vor der Pandemie abgeschlossen wurden, konnten nicht an die drastisch gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise angepasst werden. Zudem werden in der Branche üblicherweise 80 Prozent des Baupreises erst bei Ablieferung des Schiffes gezahlt, was die Liquidität der Werft zusätzlich belastet hat. Bis Ende 2027 muss die Meyer Werft mehr als 2,7 Milliarden Euro zur Finanzierung von Schiffsneubauten aufbringen.
Alles, was wir tun, tun wir im Gleichschritt mit dem Bund.
Derzeit laufen intensive Verhandlungen zwischen der Meyer Werft, dem Bund und dem Land Niedersachsen. Ein möglicher Einstieg des Staates steht laut Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) im Raum, wobei demnach eine bis 2028 befristete Übernahme eines Anteils von rund 90 Prozent durch den Staat diskutiert wird. Dies würde bedeuten, dass Bund und Land jeweils 200 Millionen Euro investieren und Kreditgarantien in Höhe von 2,8 Milliarden Euro übernehmen müssten. Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Hannover erklärte jedoch, dass noch keine endgültige Entscheidung getroffen sei und „alles, was wir tun, tun wir im Gleichschritt mit dem Bund“.
Auswirkungen auf die Unternehmensstruktur werden wohl sehr umfassend sein
Eine staatliche Beteiligung würde die Meyer Werft von einem Familienunternehmen zu einem Staatskonzern transformieren. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) betonte, dass der Staat im Unternehmen mitreden wolle, wenn er Eigenkapital bereitstelle. Dies könnte zu erheblichen unternehmerischen und betrieblichen Veränderungen führen, da der Staat möglicherweise strategische Entscheidungen und die Ausrichtung des Unternehmens beeinflussen würde. Für Senior-Chef Bernard Meyer wäre dies laut dem NDR „bitter“ und er sprach davon, „enteignet“ zu werden. Dennoch könnte der staatliche Einstieg im Interesse der Familie sein, um die Werft langfristig zu sichern.
Die Meinungen über die staatliche Beteiligung sind geteilt. Während das Wirtschaftsministerium die Notwendigkeit der staatlichen Unterstützung betont, gibt es auch kritische Stimmen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Reinhard Houben, hält eine umfassende Beteiligung des Staates für nicht geboten und stellt das Geschäftsmodell der Werft infrage. Externe Wirtschaftsexperten wie Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance and Management befürworten eine geordnete Insolvenz als Chance für einen Neuanfang und Entschuldung des Unternehmens.
200 Jahre alte Werft hat schwierige Zukunftsaussichten und Herausforderungen
Die langfristigen Aussichten der Meyer Werft unter möglicher staatlicher Führung sind ungewiss. Eine der größten Herausforderungen wird die strategische Ausrichtung und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Markt sein. Der Bau von vier Kreuzfahrtschiffen für die Disney Cruise Line bis 2031 stellt zwar einen wichtigen Auftrag dar, doch es bleibt abzuwarten, ob dies ausreicht, um die Werft nachhaltig zu stabilisieren. Vor Kurzem erst hat die „Disney Pleasure“ die Werft an der Ems verlassen. Die kommenden Monate werden entscheidend sein, um die Zukunft der Meyer Werft zu sichern und die notwendigen finanziellen Mittel aufzubringen.
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