Nach Schichtwechsel: 200 Menschen an Nötigung beteiligt

Menge hindert im Bahnhof Achim Zug an Abfahrt

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Ein Regionalexpress im Bahnhof Achim am Donnerstag. Am Mittwochnachmittag hatte eine Menschenmenge die Abfahrt eines solchen Zuges verhindert, indem sie aus angrenzenden Büschen auf die Bahngleise gelaufen war.
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Beim Logistik-Unternehmen Amazon in Achim ist am Mittwoch gerade die Frühschicht zu Ende gegangen, als ein Regionalexpress um 15.26 Uhr vom Bahnhof Achim in Richtung Bremen abfahren will. Plötzlich, so berichtet die Bundespolizei, seien etwa 200 Personen aus Büschen vor den Zug auf die Gleise gelaufen und hätten so die Abfahrt verhindert.

Anschließend seien die Personen gemeinsam in den Regionalexpress eingestiegen. Einige Medienberichte stilisierten den außergewöhnlichen Vorfall zu einem „Pendler-Mob“. Das Ereignis zog einen großen Polizeieinsatz nach sich, der Zug fuhr erst einmal gar nicht ab.

„Nach ersten Ermittlungen handelt es sich um Mitarbeiter eines örtlichen Logistikunternehmens, die vermutlich nach ihrem Schichtende durch ihr Verhalten sicherstellen wollten, dass sich die Abfahrt des Zuges bis zum Zustieg aller Beteiligten verzögert“, schreibt die Bundespolizei am Abend in einer Pressemitteilung. Zahlreiche Medien gehen schnell davon aus, dass es sich bei dem Unternehmen um das in Achim ansässige Amazon-Logistikzentrum handelt. Einige zitieren sogar die Bundespolizeiinspektion mit diesen Worten. Diese Aussage hatten die Beamten zwar nie so getroffen, aber dass unter den Personen, die den Zug an der Abfahrt gehindert haben, auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Amazon-Logistikzentrums BRE4 gewesen sind, ist nach Informationen dieser Zeitung der Fall.

Amazon-Sprecher Thorsten Schwindhammer äußert sich auf Nachfrage der Redaktion so: „Die Sicherheit unserer Kolleginnen und Kollegen hat für uns immer und zu jeder Zeit höchste Priorität. Sollten Mitarbeitende von uns beteiligt gewesen sein: Wir tolerieren ein solches Verhalten auf keinen Fall, werden selbstverständlich mit den Behörden zusammenarbeiten und alles in unserer Macht stehende tun, damit so etwas hoffentlich nicht mehr vorkommt.“

Ein Großteil der rund 1900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Amazon in Achim wohnt in Bremen, viele pendeln täglich mit der Bahn zur Arbeit. Dass es rund um die Schichtwechselzeiten bei Amazon an den beiden Bahnhöfen Achim und Baden zu hohem Passagieraufkommen und teils Gedränge auf den Bahnsteigen kommt, wenn die Züge in oder aus Richtung Bremen von vielen Amazon-Mitarbeitern gleichzeitig und zusätzlich zu den sonstigen Fahrgästen genutzt werden, ist bereits seit Längerem bekannt.

Francesco Dalla Grana, Standortleiter des Achimer Amazon-Logistikzentrums, hatte erst vor wenigen Tagen im Rahmen eines Besuchs dieser Zeitung in seinem Betrieb zum Thema Pendelverkehr per Bahn gesagt, man stehe in regelmäßigem Austausch mit Politik und zuständigen Behörden, um möglichst eine Verbesserung der Situation zu ermöglichen. Das Ziel, zusätzliche Züge als Verstärkung der Bahnverbindung von und nach Bremen fahren zu lassen, habe man leider bislang nicht erreicht.

Man versuche aber, weiter Druck auszuüben, um bei diesem Thema voranzukommen, und hoffe generell, dass der öffentliche Personennahverkehr überhaupt kontinuierlich zuverlässig verkehre, um die Arbeitswege vom und zum Achimer Logistikzentrum für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlässlich und sicher zu gestalten.

Als am Mittwochnachmittag Streifen der Polizei Verden und der Bundespolizei am Achimer Bahnhof eingetroffen waren, seien einige Personen aus dem Zug geflohen, so die Bundespolizei. Mit Hilfe von Zeugen hätten die Beamten vor Ort mehrere beteiligte Personen identifizieren können. Gegen diese seien Ermittlungen wegen Nötigung eingeleitet worden. Zeugen, die Angaben zum Sachverhalt oder zu beteiligten Personen machen können, werden gebeten, sich bei der Bundespolizei unter Telefon 0421 / 6299-7777 zu melden.

Dem Polizeibericht zufolge zufolge mussten sowohl die anderen Reisenden im betroffenen Zug als auch die Gleisblockierer eine etwa einstündige Verspätung erdulden. Der nächste Zug wäre planmäßig 23 Minuten später gefahren. Für elf Züge seien insgesamt Verspätungen von 249 Minuten entstanden. Die Bundespolizei steht mit dem Logistikunternehmen in Kontakt, um den Sachverhalt auszuwerten. Das erklärte Ziel aller Beteiligten sei es, Personen vor möglichen gesundheitlichen Schäden durch ein- oder ausfahrende Züge zu bewahren.

Die Bundespolizeiinspektion weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass Bahnhöfe nur auf ausgewiesenen Wegen zu betreten und zu verlassen sind. Jegliches anderes Verhalten stelle eine Ordnungswidrigkeit, wenn nicht sogar eine Straftat dar. Im Bereich von Gleisanlagen bestehe Lebensgefahr, warnt die Bundespolizei.

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