Neue Chefin auf dem Schäferhof: Ein Start mit Angst und Fluchtroute für Ulrike Meierfrankenfeld

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Handfütterung durch Schäferin Ulrike Meierfrankenfeld ist bei der Menge an Tieren, die sie mitgebracht hat zum Schäferhof die Ausnahme.
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Dass sie von einem Hochwasser in ihrer neuen Heimat begrüßt wurde, hätte aus Sicht von Ulrike Meierfrankenfeld nun wirklich nicht sein müssen. So verlief der Start für die neue Schäferin auf dem Schäferhof mit Angst vor noch mehr Wasser und dem Austüfteln einer Fluchtroute für ihre Schafe und Ziegen.

Stemshorn – Licht vom Weihnachtsbaum scheint in die dunkle Nacht am Schäferhof. Im großen Stall mümmeln Schafe ihr Heu und Ziegen zerkleinern übrig gebliebene Tannenbäume. Dazwischen wacht ein großer weißer Herdenschutzrüde namens „Yellow“, flankiert von den Welpen „Lotti“ und „Pedro“, gerade einmal 13 Wochen alt. Die Szenerie ist irgendwie vertraut für den Schäferhof, und doch ist sie neu. Denn die Schafe, Ziegen und Hunde sind erst vor kurzem dort eingezogen. Mit ihnen Ulrike Meierfrankenfeld, die neue Schäferin auf dem Schäferhof in Stemshorn. Am 8. Dezember hatte der Umzug aus Ovelgönne begonnen, der Start im neuen Quartier verläuft bislang aber ungewöhnlich.

Dass sie ein Weihnachten mit Bibbern auf der neuen Hofstelle wegen des Hochwassers der unmittelbar neben ihr verlaufenden Hunte erleben sollte, ahnte Ulrike Meierfrankenfeld beim Einzug noch nicht. „Ich rief am 2. Weihnachtstag in meiner Angst den Notruf der Feuerwehr an, weil ich mir um die lammenden Tiere im Stall Sorgen machte“, erklärt sie. Die Feuerwehr der Samtgemeinde Lemförde kam schnell und half, hielt das Wasser fern vom Schäferhof. Für die neue Schäferin war es eine große Erleichterung. Gleichwohl: Noch immer steht das Wasser am Huntepegel in direkter Nachbarschaft zum Schäferhof hoch, mit 38,01 Metern über Normalnull (NN) waren es am Donnerstagnachmittag aber schon 35 Zentimeter weniger gegenüber dem Höchststand am 2. Weihnachtstag.

Mit der Schäferin zogen rund 280 Mutterschafe, eine kleine Herde Schafböcke, 60 Ziegen und zahlreiche Hüte- und Herdenschutzhunde nach Stemshorn. Dass „Lotti“ und „Pedro“ schon als Welpen dicht bei der Herde sind, sei ein absolutes Muss, so Meierfrankenfeld: „Das ist wichtig, um früh eine Bindung zur Herde aufzubauen.“

Ulrike Meierfrankenfeld hatte vom Nabu Niedersachsen, dem neuen Besitzer des Schäferhofs, nach ihrer Bewerbung den Zuschlag für die Betreuung von Gebäuden und zugehöriger Flächen erhalten. Zum Hof gehören laut Schäferin rund vier Hektar Grünland, zehn Hektar hat sie zur Deichpflege an der Hunte vom Hunte-Wasserverband zugewiesen bekommen. Der war bis Anfang des Jahres Eigentümer der Liegenschaft, konnte sie aber nicht mehr für Verbandszwecke nutzen und hatte sie dem Nabu übergeben. Bis etwa Anfang Oktober führte die Familie Michael und Andrea Seel als externe Schäfer die Geschicke auf dem Schäferhof (wir berichteten). Da sich die Seels umorientierten, war die Liegenschaft neu zu vergeben. Die Wahl fiel auf die Schäferin aus Ovelgönne, die sich beworben hatte. „Ich möchte gerne wieder in die Nähe meiner Familie“, beschreibt sie ihre Motivation. Als gebürtige Barkhauserin (nahe Bad Essen) wohnt sie jetzt mit Freund Jan Krick, einer 83-jährigen Tante und ihrem „Wochenendkind“ Mathilda – neun Jahre, Tochter von Jan – auf dem Schäferhof.

Schafe, Ziegen, Hunde – und mit dabei die Menschen, die den Schäferhof künftig bewirtschaften: Schäferin Ulrike Meierfrankenfeld, ihr Lebensgefährte Jan Krick und dessen Tochter Mathilda.

Um das Weidemanagement-Reglement zu erfüllen, kaufte sie 93 Diepholzer Moorschnucken (weiße hornlose Heidschnucken) hinzu. Mit ihrer gemischten Herde aus Fleisch- und Landschafen sowie den Ziegen wird sie demnächst die umliegenden Flächen, den Deich und weitere Flächen im Schwegermoor (Hunteburg-Bohmte) bewirtschaften. Damit hat die Schäferin, die erst vor sechs Jahren mit ihrem Wunschberuf begann, eine große „Meute“ um sich geschart. „Die Herdenschutzhunde benötige ich im Moor. Dort sind etwa vier Wölfe unterwegs.“

Das Wandern ist Ulrike Meierfrankenfeld überdies gewohnt – und es könnte auch mal schnellen Schrittes losgehen, sofern es sein müsste. Am 2. Weihnachtstag war es kurz davor, berichtet die Schäferin von Fluchtgedanken: „Als die Hunte immer weiter stieg, habe ich mir schon eine Route ausgedacht, auf der ich mit der Herde fliehen wollte“. Richtung Damme sollte es gehen, denn dort kommt erst einmal keine Bundesstraße.

Wie gewöhnt an die Menschen die Tiere sind, zeigt sich im großen Stall. „Meine Tiere kenne ich alle, fast alle haben Namen und sie sind zutraulich.“ Die Diepholzer Moorschnucken würden das auch bald sein, da ist sie sich sicher. Im Moor in Schwege (Hochmoor) seien auch die Ziegen ideal. „Ziegen fressen zu 80 Prozent Holz“, erklärt sie. Damit entkusseln die Tiere und bewahren das Moor vor Verbuschung.

Das Bild der Schafe und Ziegen im großen, luftigen und trockenen Stall ist überzeugend, obwohl die Schäferin relativiert. „Rein theoretisch sind meine Schafe selten im Stall. Aber bei so einer Situation mit so viel Nässe draußen ist das anders.“ Sie sei froh, so eine Herberge zu haben – speziell jetzt, zu Beginn der Lammzeit. Die Herde Schafböcke hat sie mit Blick auf den Umzug nach Stemshorn noch behalten und füttert sie weiter. „Die Schafböcke werden eigentlich geschlachtet, aber ich stelle mir für die nahe Zukunft eine Direktvermarktung auf dem Hof vor.“

Die Schäferin feierte unlängst ihren 50. Geburtstag: Sie bedauert ein wenig, dass sie ihren Berufswunsch erst spät umgesetzt hat. „Mein Opa war Schäfer, aber mein Vater meinte, ich solle eine kaufmännische Ausbildung machen.“ Die taffe Frau hat sich mit dem Neuanfang auf dem Schäferhof in ein nicht kleines Investment gestürzt.

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