Niedersachsen-Wahl 2022

Des einen Leid, des anderen Freud: Wahlschlappe für CDU bringt AfD Rückenwind

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Die Niedersachsen-Wahl ist gelaufen und die CDU fährt eine bittere Wahlniederlage ein. Dem Ergebnis folgt der Rücktritt von Althusmann und das Comeback der AfD.

Hannover – Es hätte so schön sein können: Die CDU verzeichnet seit Monaten auf Bundesebene steigende Umfragewerte, bei zwei Landtagswahlen setzten sich die Landesverbände durch, doch am Ende sollte es bei der Niedersachsen-Wahl 2022 nicht reichen. Bereits kurz nach 18:00 Uhr am Wahlsonntag stand fest, was viele Beobachter bereits an den Tagen vor der Wahl in Niedersachsen vermutet hatten: Die CDU und Bernd Althusmann müssen sich der SPD um Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) geschlagen geben. Es ist eine bittere Niederlage, der wenig später Konsequenzen folgen. Bernd Althusmann gibt seinen Rücktritt als Landeschef bekannt. Während die CDU strauchelt, erwacht die AfD zu neuer Stärke.

Bitteres Ergebnis für CDU in Niedersachsen: Althusmann kündigt nach Landtagswahl Rücktritt an

Der CDU in Niedersachsen fährt bei der Landtagswahl 2022 einen Negativrekord ein. Seit 1955 verzeichneten die Christdemokraten in dem Bundesland kein schlechteres Ergebnis und schlussendlich steht die Frage im Raum, wie es bei der Niedersachsen-Wahl so weit kommen konnte. Immerhin war Bernd Althusmann als Spitzenkandidat der CDU im Wahlkampf stets präsent, suchte die Konfrontation und nutzte den Unmut auf die Ampel-Koalition in Berlin aus: Wegen der gegenwärtigen Gaskrise in Deutschland strauchelt das Bündnis von Olaf Scholz (SPD) seit Monaten, die Umfragewerte rauschen in den Keller. Im Wahlkampf zur Niedersachsen-Wahl spielte Althusmann diese Karte aus, um Krach gegen die Regierenden zu machen – unterstützt von CDU-Chef Friedrich Merz.

Niedersachsen-Wahl 2022: AfD-Spitzenkandidat Stefan Marzischewski-Drewes jubelt über das Ergebnis, Bernd Althusmann (CDU) tritt zurück.

Die „Haudrauf-Rhetorik“ brachte am Ende allerdings keinen Erfolg für Bernd Althusmann. Bereits vor dem Ergebnis der Landtagswahl in Niedersachsen war gemutmaßt worden, dass der krawallige Wahlkampf der CDU schlussendlich kaum förderlich für den Wahltag sein könnte. Wie sich gegen 18:00 Uhr herausstellte, war eher gegenteiliges der Fall. Startete Althusmann noch freudestrahlend in den Tag, mit der Gewissheit, zumindest den Geburtstag der Tochter zu feiern, scheint es am Abend der Niedersachsen-Wahl 2022 besiegelt, dass der Weg der CDU in die Opposition führen wird. Die FDP hingegen fliegt wohl aus dem Landtag – Niedersachsen-Wahl Ergebnisse live.

Niedersachsen-Wahl 2022: CDU verliert – SPD-Politiker Weil kann in dritte Amtszeit starten

Wer regiert mit wem nach der Niedersachsen-Wahl? Wieso die CDU bei den Wählern in Niedersachsen nicht punkten konnte, wird wohl abschließend nie geklärt werden, doch womöglich liegt es darin begründet, dass die CDU, sowohl in Niedersachsen als auch in Bund, momentan unter CDU-Chef Merz ideenlos wirken könnte. In der Opposition zeichnen sich die Christdemokraten durch ihre ablehnende Haltungen gegenüber der Bundesregierung aus. Ohne Frage ist das auch Bestandteil von guter und kritischer Oppositionsarbeit, allerdings zeigen die Parteimitglieder in den seltensten Fällen gangbare Alternativen auf. Die Frage „Wer wird Ministerpräsident bei der Niedersachsen-Wahl 2022“ ist nahezu geklärt.

Der Mangel an Ideen setzte sich auch in Wahlkampf zur Niedersachsen-Wahl 2022 fort. Der CDU gelang es nicht, den Bundestrend gegen die Ampel effektiv für sich zu nutzen und mit realisierbaren Vorschlägen zu Gaspreisen oder Energiesicherheit die Wähler zu überzeugen. Das Festhalten am AKW Emsland reichte den Stimmberechtigten in Niedersachsen da offenbar nicht aus. Dabei hätte Althusmann der Bundestrend auch in die Karten spielen können. Am Ende jubelte allerdings ein anderer: Bereits kurz nach 18 Uhr war deutlich, dass Ministerpräsident Stephan Weil in Niedersachsen eine dritte Amtszeit antreten kann. Nach der Wahl setzt Weil allerdings seinen möglichen Koalitionspartner unter Druck.

Ergebnis Wahl Niedersachsen: CDU zeigt Schwäche – AfD kann bei Wählerschaft punkten

„Wir haben unser Wahlziel, stärkste Kraft in Niedersachsen zu werden, auf jeden Fall nicht erreicht“, gestand Althusmann nach der Wahl in Niedersachsen ein. Dieses Votum würde man demütig entgegennehmen. Die Schwäche der CDU bei der Landtagswahl ebnet allerdings zugleich auch das Comeback einer anderen Partei, die es wie keine andere versteht, negative Stimmung für sich zu nutzen: Die AfD in Niedersachsen ist zurück und legt kräftig zu. Alle Ergebnisse zur Niedersachsen-Wahl gibt es auch in der interaktiven Karte zum Nachlesen.

Man habe die richtigen Themen gesetzt, sagte der Bundesvorsitzende der AfD, Tino Chrupalla. Die Wahl in Niedersachsen war ein großer Erfolg für die Partei. Ohne prominenten Spitzenkandidaten gelang es, das Ergebnis von 2017 fast zu verdoppeln. Damals lag die AfD bei 6,2 Prozent. Aktuelle Hochrechnungen sehen die Partei bei knapp 12 Prozent – deutlich oberhalb des Bundesdurchschnitts. AfD-Spitzenkandidat Stefan Marzischewski-Drewes ist der Mann der Stunde. Ist der Erfolg der AfD auf den Misserfolg der CDU zurückzuführen? Womöglich schon, denn knapp 50.000 ehemalige Wähler der Christdemokraten haben bei der Niedersachsen-Wahl 2022 blau gewählt.

AfD triumphiert bei Wahl in Niedersachsen: Große Wählerwanderung von CDU

Womöglich war das Profil der CDU zu verwaschen, die Ziele zu unklar oder vielleicht schadete Merz dem Wahlkampf von Althusmann, sodass sich Teile der konservativen Wählerschaft eher dem Wahlprogramm der AfD zugewandt gefühlt haben. Denn dem Vorstand der Partei war es in den vergangenen Monaten gelungen, das AfD-Profil wieder zu schärfen und noch weiter nach rechts zu rücken. Bei der Wahl in Niedersachsen traf dies wohl auf Zustimmung: Zahlreiche Wähler der AfD gehören zur Gruppe der Protestwähler.

Alle niedersächsischen Ministerpräsidenten in einer Fotostrecke

Der erste niedersächsische Ministerpräsident war Hinrich Wilhelm Kopf
Der erste niedersächsische Ministerpräsident war Hinrich Wilhelm Kopf. Von 1946 bis 1955 und nochmal von 1959 bis 1961 führte er das höchste Amt des gerade neu gegründeten Landes Niedersachsen aus. © Reinhold Leßmann/dpa
CDU-Politiker und Ministerpräsident Niedersachsens Heinrich Hellwege
Der CDU-Politiker Heinrich Hellwege löste Kopf zwischenzeitlich als Ministerpräsident ab. Von 1955 bis 1959 war Hellwege an der politischen Spitze Niedersachsens. © Rust/imago
Georg Diederichs ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident
Georg Diederichs füllte die Position des niedersächsischen Ministerpräsidenten von 1961 bis 1970 aus. Zur Zeit des Nationalsozialismus kämpfte er als Widerstandskämpfer gegen den ehemaligen NS-Staat. © Rust/imago
Der frühere niedersächsische Ministerpräsident (1970-1976) Alfred Kubel (SPD)
Der frühere niedersächsische Ministerpräsident (1970-1976) Alfred Kubel (SPD), aufgenommen 1989 mit seinem Buch „In der Pflicht des klaren Wortes“. © Wolfgang Weihs/dpa
14 Jahre lang war Ernst Albrecht Ministerpräsident von Niedersachsen
14 Jahre lang war Ernst Albrecht Ministerpräsident von Niedersachsen. © Jochen Lübke/dpa
Gerhard Schröder ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen und Bundeskanzler
Von 1990 bis 1998 übte Gerhard Schröder das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten aus. Nach seiner Zeit als Ministerpräsident wurde Schröder 1998 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. © Kay Nietfeld/dpa
Georg Glogowski Ministerpräsident Niedersachsen und Boris Pistorius
Eine relativ kurze Amtszeit hat Georg Glogowksi (r.) vorzuweisen. Vom 28. Oktober 1998 bis zum 15. Dezember 1999 fungierte er als Ministerpräsident als Nachfolger zum beförderten Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aufgrund von anhaltenden Vorwürfen trat er von seiner Position zurück. Links ist Boris Pistorius, derzeitiger Minister für Inneres und Sport in Niedersachsen, zu sehen. © Holger Hollemann/dpa
Sigmar Gabriel ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident
Nachdem Glogowski in die Kritik durch verschiedene Vorwürfe geraten ist, übernahm Sigmar Gabriel den Posten des Ministerpräsidenten. Diesen hielt er von 1999 bis 2003 inne. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Christian Wulff ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen und Bundespräsident
Christian Wulff übernahm im Jahr 2003 den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen. Der gebürtige Osnabrücker war von 2010 bis 2012 zudem Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Im Zuge der „Wulff-Affäre“ trat er im Februar 2012 von all seinen politischen Posten zurück. © Peter Steffen/dpa
David McAllister ehemaliger Ministerpräsident von Niedersachsen
Der erste deutsche Ministerpräsident mit doppelter Staatsbürgerschaft war David McAllister. Er besitzt zudem die britische Staatsbürgerschaft. Von 2010 bis 2013 war der CDU-Politiker Niedersachsens Ministerpräsident. © Peter Steffen/dpa
Pressekonferenz von SPD-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Stephan Weil
Der derzeitige Ministerpräsident von Niedersachsen ist Stephan Weil von der SPD. Auch in diesem Jahr stellt er sich für die Wiederwahl auf. Seit 2013 ist Weil Ministerpräsident. © Michael Matthey/dpa

Bereits vor der Niedersachsen-Wahl 2022 hatte die AfD einen heißen Herbst angekündigt und mit ihrer Protesthaltung die Wählergunst erreicht. Anders als bei der CDU gelang es, die aufgeladene Stimmung im Land zu nutzen und am Ende an der Wahlurne Punkte einzusammeln. Die Christdemokraten versuchten gar nicht erst, das Ergebnis bei der Landtagswahl in Niedersachsen in ein positives Licht zu rücken. Das sei „kein schönes Ergebnis“, sagt Generalsekretär Mario Czaja gleich nach Schließung der Wahllokale im ZDF

Dämpfer für CDU bei Niedersachsen-Wahl: Auch Schlappe für Friedrich Merz

Während die AfD damit punkten konnte, die Bundesregierung um Kanzler Scholz und das Straucheln der Koalition bei Energiefragen vor sich herzutreiben, gelang dies CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann nicht. Da nützten auch die lauten Töne aus Berlin nichts, die CDU-Chef Merz in regelmäßigen Abständen von sich gab. Abzuwarten bleibt nun, wie Merz die Wahlniederlage in Niedersachsen verarbeiten wird. Denn sicher ist: Der zweite Platz im Rennen um den Landtag in Hannover ist nicht nur für Bernd Althusmann und die Landesgruppe ein herber Dämpfer.

Rubriklistenbild: © Michael Matthey/Marcus Brandt/Moritz Frankenberg/dpa/Montage

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