Dr. Tanja M. Brinkmann weiß Rat, wenn Menschen trauern. Ihr Wissen teilt sie anlässlich des Hospiz- und Palliativtags am 7. Oktober in Nienburg – und an dieser Stelle im Interview.
Nienburg – Wie lange darf in unserer Gesellschaft ein Mensch trauern, der einen Liebsten verloren hat? Wie lange darf die Trauer bei jemandem anhalten, dessen geliebter Hund gestorben ist? Genauso lange? Wer gibt diese Regeln vor? Im Rahmen eines schriftlich geführten Interviews befragte unsere Redakteurin Katrin Köster Dr. Tanja M. Brinkmann aus Bremen. Die Soziologin, Trauerbegleiterin und Autorin wird am Samstag, 7. Oktober, als Referentin beim 13. Hospiz- und Palliativtag in Nienburg zu Gast sein.
Provokant gefragt: Wie lange darf Trauer dauern?
Brinkmann: Die Frage suggeriert, dass Trauer begrenzt sein müsste oder ein Problem wäre. In meinem Verständnis ist Trauern nicht ein Problem, sondern die Lösung. Das Problem sind die Verluste: Dass wir Menschen, Lebewesen oder Beziehungen verlieren oder sie sich von uns trennen. Trauern ist die Fähigkeit, die Menschen hilft, mit dem Verlust umzugehen und ihn in ihr weiteres Leben zu integrieren. Es geht also um Verlustbewältigung, nicht um Trauerbewältigung. Sie haben aber völlig recht, dass Trauernde nicht trauern können, wie sie wollen. Aus meiner langjährigen Trauerberatungstätigkeit weiß ich, dass es in den meisten Fällen eine Diskrepanz zwischen der Dauer der Trauer, die Betroffene spüren und erleben, und der gesellschaftlichen Erwartung gibt. Das soziale Umfeld bzw. die Gesellschaft legt die Zeitdauer häufig geringer fest, als die Trauernden sie spüren und erleben.
Um wen „darf“ man eigentlich trauern?
Tatsächlich gibt es Spielregeln, um wen man trauern darf. Es ist gesellschaftlich anerkannt, zu trauern, wenn ein Elternteil, ein Kind oder eine Lebenspartnerin stirbt. Aber wie ist es, wenn die Ex-Frau, der geschätzte Kollege, der Stiefvater, der Hund oder die Lieblingsinfluencerin stirbt? Da erleben viele Betroffene, dass ihnen das Recht und die Möglichkeit zu trauern, gesellschaftlich weniger zuerkannt wird. Es gibt ein gesellschaftliches Ranking, welches die schlimmeren oder weniger schlimmen Verluste sind. Und dementsprechend wird weniger oder mehr Trauer zugestanden. Zugleich hat jeder auch ein subjektives Ranking, was die schlimmsten Verluste sind und das muss nicht zwangsläufig mit dem gesellschaftlichen übereinstimmen. Entscheidend ist da eher, zu wem ich eine enge Bindung habe. Und nicht wenige Menschen haben eine enge Bindung zu einem Haustier oder zu einer außerehelichen Liebesbeziehung.
Wer legt diese unsichtbaren gesellschaftlichen Regeln fest?
Ich finde nicht, dass die gesellschaftlichen Regeln unsichtbar sind. Es ist für Betroffene ja sichtbar, wenn Ihnen gesagt wird: „Findest du nicht, so langsam müsste es auch mal wieder gut sein?!“, „Du hast ja die Kleidung deiner verstorbenen Frau immer noch nicht weggeräumt!“, „Wie lange wollen Sie eigentlich noch die Karte mit ihrer verstorbenen Tochter ziehen, um sich Vorteile zu verschaffen?“ – übrigens alles Beispiele aus meinen Trauerberatungen, über die Trauernde sich geärgert haben. Die Regeln und Vorstellungen zu Trauer sind also nicht unsichtbar, sondern ungeschrieben. Aber ungeschriebene Gesetze wirken ja mindestens so wie geschriebene. Wer diese Regeln festlegt? Sie haben sich historisch entwickelt und werden durch Institutionen wie Kirchen, aber auch Unternehmen gemacht. Aber sie werden auch durch Sie und mich gemacht. Und das ist das Schöne bei Normen – sie sind veränderbar.
Trauern Männer und Frauen unterschiedlich?
Kaum. Trauern hat ja eine innerpsychische und eine soziale Seite. Im englischsprachigen Raum gibt es dafür unterschiedliche Begriffe: „grief“ und „mourning“. In der deutschen Sprache haben wir für beides nur den Begriff Trauer. Auf der innerpsychischen Seite erlebe ich kaum Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Aber auch das ist nur eine Beobachtung. Wir können psychischen Schmerz und Trauer ja nicht objektiv messen. Ich erlebe, was diese innere Seite der Trauer angeht, keinen Unterschied, ob zum Beispiel ein trauernder Vater oder eine trauernde Mutter vor mir sitzt. Aber es gibt eben auch die soziale Seite: Die Erwartungen an Frauen und Männern sind unterschiedlich und ihnen wird jeweils anderes zugestanden. Typischerweise wird Frauen mehr Emotionalität, Männern mehr Rationalität zugestanden. Und die gesellschaftlichen Erwartungen prallen an den Individuen ja nicht ab, sondern werden von ihnen gelernt und verinnerlicht.
Warum tun sich Menschen im Umgang mit einer trauernden Person häufig so schwer?
Das hat vor allem zwei Gründe: Unsicherheit und Abwehr. Nach wie vor besteht eine immense Unsicherheit gegenüber trauernden Menschen: Was soll ich sagen? Was soll ich tun? Weil man es dann nicht weiß, zieht man sich häufig zurück und die Betroffenen fühlen sich gemieden. Das ist kein böser Wille, sondern Unsicherheit, aber für die Betroffenen häufig verletzend. Zudem gibt es viel Unwissen oder Klischees rund um Trauer und Verlustbewältigung. Da gibt es noch viel Luft nach oben. Trauernde erleben es immer wieder, dass ihnen von Außenstehenden Handlungsanweisungen und Ratschläge unterbreitet werden, was für sie richtig sei. Damit drücke ich gegenüber Trauernden auch Erwartungen aus, und die meisten wollen keine Ratschläge. Auch das passiert, weil Menschen unsicher sind oder eben auch aus Abwehr. Schwerstkranke und Trauernde durchbrechen die Unsterblichkeitsillusion. Die vielleicht einzige Sicherheit, die wir Menschen haben, ist, dass wir sterben werden. Und das wird sehr gern verdrängt oder abgewehrt.
Gibt es eine zeitliche Begrenzung, ab der die Trauer „ungesund“ und professionelle Hilfe nötig wird?
Ja, die gibt es bzw. wird es in Kürze geben. Die ICD, also der Diagnoseschlüssel, in dem Krankheiten und psychische Störungen beschrieben werden, wird modifiziert und dort wird es die neue Diagnose „prolonged grief disorder“ geben, also anhaltende oder verlängerte Trauerstörung geben. Diese Diagnose wurde vor der Einführung kontrovers diskutiert und ist bis heute in Fachkreisen strittig: Ist Trauer wirklich eine psychische Störung oder stört Trauer gesellschaftlich? Jetzt gibt es diese Diagnose. Nach ihr kann frühestens sechs Monate nach dem Verlust diese psychische Störung festgestellt werden. Dabei geht es aber weniger um einen zeitlichen Aspekt als um einen qualitativen: Menschen, die unter diesen Diagnoseschlüssel fallen, erleben die regulären Trauerreaktionen in einer potenzierten, intensiveren Form. Studien zeigen, dass in fünf bis zehn Prozent der Fälle, wenn eine Person gestorben ist, zu der man eine sehr enge Bindung hatte, professionelle Hilfe Sinn macht – aber natürlich nur dann, wenn die Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen wollen.
Wie kann man gut mit Menschen umgehen, die einen Verlust erlitten haben?
Wenn Sie Trauernde in Ihrem Umfeld haben, bleiben Sie authentisch und packen Sie Ihr Maximum an Mitmenschlichkeit und Mitgefühl aus. Fragen Sie die Trauernden, was sie brauchen, sich von Ihnen wünschen und was Sie tun können, damit es vielleicht ein bisschen weniger schwer ist. Trauernde sind Menschen, die aktuell in einer stressigen und herausfordernden Situation sind. Deshalb können pragmatische Entlastungen gut sein, etwa in der Anfangsphase für Essen zu sorgen, Trauerkarten zu schreiben oder die Kinder mit zu betreuen, die vielleicht jetzt nur noch einen lebenden Elternteil haben. Am häufigsten werde ich gefragt, was man denn sagen solle. Da gibt es keinen Masterplan, keinen immer passenden Satz. Im Umgang mit Trauernden gibt es kein perfekt. Sie werden Fehler machen. Reden ist übrigens allenfalls Bronze, Fragen ist Silber und Zuhören ist Gold. Deshalb fragen Sie eher und hören Sie zu. Viele Trauernde haben ein Mitteilungsbedürfnis und einfühlende Zuhörer, vor allem über einen längeren Zeitraum, sind dann wertvoll. Letzte Woche erzählte eine trauernde Frau, deren Mann plötzlich verstorben ist, kurz nachdem ihre Kinder das Elternhaus verlassen hatten, dass das Schlimmste die Einsamkeit sei und sich jeden Morgen aufzuraffen, weiterzumachen. Auf die Frage, ob es etwas gäbe, das es besser aushaltbar macht, antwortete sie: „Die morgendliche WhatsApp meiner Freundin aus Österreich.“ Beide sind Teeliebhaberinnen. Ihr Mann ist jetzt über ein Jahr tot und seit über einem Jahr schickt diese Freundin jeden Morgen ein Foto von ihrem ersten Tee. Und sie schickt dann auch ein Foto von ihrem ersten Tee. Dann gehen beide zur Arbeit. Diese Aufmerksamkeit zeigt ihr, dass jemand an sie denkt. Auch Weihnachten, Geburtstag oder Hochzeitstage, sind für viele Trauernde fordernd. Eine Extraportion Aufmerksamkeit schadet null.
Vortrag und Diskussion am 7. Oktober
Unter dem Titel „Das ist ja unerhört! Wie ungeschriebene Regeln das Trauern beeinflussen“ laden das Dasein Hospiz Nienburg, der Palliativstützpunkt Nienburg und Umgebung sowie der Hospizverein Dasein – Hoya für Samstag, 7. Oktober, in der Zeit von 10.30 bis 16 Uhr zum 13. Hospiz- und Palliativtag in den Pavillon des DRK-Atemzentrums, Rühmkorffstraße 9, Nienburg, ein. Als Referentin ist Dr. Tanja M. Brinkmann zu Gast. Die Soziologin, Trauerbegleiterin und Autorin wird mit einem Vortrag über die Thematik halten. Nach einem Mittagsimbiss folgen am Nachmittag Gespräche zum Thema. Die Teilnahme ist kostenfrei, die Organisatoren freuen sich über Spenden. Die Anmeldung erfolgt beim Palliativstützpunkt Nienburg: 05021/6500500 oder info@palliativ-nienburg.de.