VonRonald Kleeschließen
Unveränderter Stand zum Beginn der Weidesaison
Landkreis – Die Reiter wollen es, die Jäger empfehlen es, aber noch ist nicht in Sicht, dass Isegrim um sein Leben fürchten muss. Auch nach der Uelzener Erklärung zur Wolfsproblematik, nach der Resolution im Kreistag und den Bund-Länder-Absprachen der Umweltministerien hat sich bislang an der Praxis im Umgang mit dem Raubtier nichts geändert. Und wirklich erkennbar ist nicht, dass sich noch rechtzeitig etwas ändern wird, bis demnächst das Vieh wieder auf die Weiden getrieben wird.
„Das ist ein demokratischer Schritt in die richtige Richtung“, haben Martina Gerndt, Frauke Dettmer und Dr. Ludwig Christmann die Resolution des Kreistgs gefeiert. Die drei Vertreter von örtlichen Reiter-Organisationen machen sich zu Fürsprechern aller Reiter und Pferdehalter. Für sie reicht es nicht aus, wie die Gesellschaft mit dem Wolf umgeht. Sie fordern nicht nur Obergrenzen für die Population – die Jägerschaft soll die Zahl verringern und die Tiere erschießen, wenn sie überschritten wird.
„Das lässt die Gesetzeslage aber nicht zu“, stellt Silke Brünn vom Landkreis klar. Änderungen seien nach der Konferenz der Umweltminister der Länder im Dezember bislang nicht eingetreten. Für die Fachbereichsleiterin in der Unteren Naturschutzbehörde bleibt es deshalb bis auf Weiteres bei der bisherigen Praxis. Und die richtet sich nach EU-Recht und der Feststellung, die den Wolf in die höchste Schutzstufe einordnet.
„Die für die Anwendung notwendige Verordnung des Landes Niedersachsen gibt es bis heute nicht“, bestätigt auch der Vorsitzende der Jägerschaft im Kreisgebiet, Jürgen Luttmann. Nach seiner Einschätzung würde der Landkreis Verden auch nicht zu den erforderlichen „Gebieten mit erhöhtem Rissaufkommen“ zählen, die der Praxisleitfaden Wolf voraussetzt.
Die Beschlussfassung der Umweltminister hält er ohnehin für einen „zahnlosen Tiger“: „Wenn zunächst eine Behörde über die Rechtmäßigkeit entscheiden muss, dann bleibt die Entnahme an dem auf den Riss folgenden Tag ausgeschlossen.“ Nach seiner Einschätzung als erfahrener Jäger komme der Beschluss dann zu spät.
Damit bleibt vorerst allenfalls die „Entnahme“ eines Problemtiers mit entsprechender Genehmigung aus Hannover möglich. Den Reitern aber reicht das nicht aus. „Warum muss erst Blut vergossen werden, bevor dem Großraubtier Wolf in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft Einhalt geboten wird?“, fragen sie. Sie verweisen auf die Bedeutung, die das Pferd in der Reiterstadt und ihrer Umgebung hat. Da seien auch wirtschaftliche Interessen berührt: „Im Landkreis werden etwa 200 Hannoveraner Fohlen im Jahr geboren – und als Zucht-, Ausbildungs- und Vermarktungsplatz für viele weitere Rassen haben sich die Reiterstadt Verden und ihr Umland weltweit einen Namen gemacht.“
Viele Reiter fühlen sich bei ihrem Sport in der Natur nicht wohl und einige sogar bedroht. Das zusätzliche Problem, die Gefahr, dass ihre Pferde eines Tages zur Jagdbeute eines Wolfsrudels werden könnten, teilen sie mit anderen Weidetierhaltern. Das ist nicht neu und nach wie vor ungelöst.
Der Nabu setzt weiterhin auf Zäune und Vergrämung. „Herdenschutzmaßnahmen haben beim Schutz von Nutztieren höchste Priorität und sind sehr effektiv“, ist Rolf Göbbert vom Kreisverband überzeugt. Die Zahl der Wolfsrisse sei im vergangenen Jahr um 28 Prozent zurückgegangen bei annähernd gleichbleibender Wolfspopulation. Der Wolf reagiere sehr sensibel auf Strom. Die Zäune, die von der Landesregierung finanziert werden, müssten allerdings fachgerecht installiert und später unterhalten werden.
Göbbert hält selber Rinder, Schafe und Pferde und ist von den Zäunen überzeugt. Auch Jörk Hehmsoth, einziger Berufsschäfer im Landkreis Verden, hatte berichtet, dass er nach Installation der Zäune bisher noch keinen Wolfsriss verzeichnet hatte.
An die Zaunlösung glaubt allerdings Jürgen Luttmann nicht so recht. Er hat ausgerechnet, dass in Niedersachsen Kosten von zwei Milliarden Euro entstehen würden, wenn man flächendeckend die wirksamen mannshohen Zäune ziehen würde, die den Wolf und seine Beute trennen. Aber auch die Verwirklichung eines solchen Plans verliert deutlich an Wahrscheinlichkeit, wenn es, wie Luttmann sagt, 150 Jahre dazu braucht.
Der Jäger sieht eher eine Daueraufgabe auf sich und seine Waidgenossen zukommen. „Wir wollen den Wolf nicht ausrotten“, sagt Luttmann entschieden. Genauso formuliert es übrigens Martina Gerndt vom Verband der Freizeitreiter. Aber eine Bestandsregulierung werde auf Dauer unumgänglich sein, sagt Luttmann. Martina Gerndt, Frauke Dettmer vom Reitverein Graf von Schmettow und Ludwig Christmann vom Hannoveraner Verband stimmen da mit ein.
Luttmann schlägt vor, dem Beispiel Schwedens zu folgen. Dort funktioniere eine Wolfsdichte von sechs Exemplaren pro 10 000 Quadratkilometer gut. Der Vorsitzende der Jägerschaft ist überzeugt, dass das auch im dichter besiedelten Niedersachsen funktionieren würde. Die Mitglieder seines Verbandes jedenfalls würden sich der Aufgabe auch nicht verweigern, diese Bestandsregulierung zu übernehmen.
„Das wäre wie bei den Nutrias. Seitdem die Jäger die Nager bejagen, hat sich der Bestand so eingependelt, dass sie nicht mehr zu einer wachsenden Bedrohung für die Deiche werden.“ Die Jäger wären bereit, die Aufgabe zu übernehmen, sagt Luttmann. Und eine Alternative sieht er nicht. Einen Trupp professioneller Wolfsjäger zu finanzieren, hält er nicht für machbar.
Der Schutz der höchsten Stufe jedenfalls sei nicht mehr nötig, dazu gebe es mittlerweile zu viele Wölfe. Abhängig von der regionalen Verträglichkeit müsste die Population nur begrenzt werden. „Küste, Deiche, und die Pferderegion sollten rudelfrei gehalten werden“, ist Luttmanns Empfehlung.
Ob die Vergrämung der Raubtiere mit Gummigeschossen eine vertretbare Lösung ist, ist Rolf Göbbert nicht sicher. „Ich stehe in Kontakt zum Institut für Wildtierforschung der Tiermedizinischen Hochschule Hannover. Dort hat mich ein Wissenschaftler auf Erfahrungen aus Lettland hingewiesen. Er geht davon aus, dass die Vergrämung mit Gummigeschossen unpraktikabel und möglichlicherweise tierschutzwidrig ist“, berichtet der Nabu-Sprecher.
Der Wissenschaftler habe zudem berichtet, dass in Estland Rudel mit auffälligen Wölfen beobachtet werden und einzelne Tiere geschossen werden, wenn sie eine menschenbezogene Tabuzone überschreiten. Sobald sich einzelne Wölfe eines Rudels zu sehr nähern, werde ein Tier erschossen. Das solle zu einem Lerneffekt für das gesamte Rudel führen und eine Verknüpfung vom menschlichen Lebensraum und dem Tod eines Rudelmitgliedes herstellen. „Die Erfahrungen aus Estland sollen sogar zur Folge haben, dass es dann auch egal ist, ob man den Problemwolf tötet oder nicht. Das gesamte Rudel hat aus dem Trauma gelernt“, berichtet der stellvertretende Vorsitzende des Nabu-Kreisverbandes. Diese Berichte seien allerdings bei Jägern ebenso wie beim Nabu umstritten.

