VonAnn-Christin Beimsschließen
Untragbare Zustände bemängelt ein Bewohner der Rotenburger Notunterkunft am Kesselhofskamp in einem Fernsehbeitrag. Nach der Ausstrahlung erhält Bürgermeister Torsten Oestmann Drohanrufe.
Rotenburg – Fenster provisorisch vernagelt, Scheiben zerborsten, kaputte Heizungen: Das ist die Situation laut eines „buten un binnen“-Beitrags in einer Notunterkunft der Stadt Rotenburg am Kesselhofskamp. Der sorgt seit seiner Ausstrahlung am Dienstag bundesweit für Aufsehen. Die Auswirkungen bekommt Bürgermeister Torsten Oestmann zu spüren: Er wird beleidigt, erhält Anrufe aus ganz Deutschland – darunter anonyme Drohanrufe, deren Inhalt er gar nicht weiter kommentieren möchte. Der ehemalige Polizeichef kann damit umgehen – dennoch ist er am Mittwochmorgen empört: Vieles, was er angesprochen habe, sei weggelassen worden. Aber: „Ich bin mit der Gesamtsituation auch nicht glücklich“, sagt er.
Dass die nicht die allerbeste ist, lässt sich schon von außen unschwer erahnen. Einen wohnlichen Eindruck macht das Gebäude am Kesselhofskamp nicht. Über untragbare Zustände, in die er gebracht worden sei, hatte sich Bewohner Jan-Patric Lingnau beschwert. Doch der obdachlose Mann musste dringend aus seiner bisherigen Notunterkunft Hemphöfen, Ecke Wallbergstraße raus – das ging auch nur mit polizeilicher Unterstützung. Seit fast zwei Jahren war er dort, sein Aufenthalt aber nicht mehr tragbar: Er sei mehrfach verhaltensauffällig gewesen, in aggressiver Art und Weise. „Wir haben ihm mehrfach eine gelbe Karte erteilt“, berichtet Ordnungsamtsleiter Torsten Schiemann. Um die anderen 26 Bewohner zu schützen, sei er verlegt worden. „Wir mussten reagieren.“
Die Stadt ist verpflichtet, ihn unterzubringen, also musste eine kurzfristige Lösung her. „Aufgrund der aktuellen Situation haben wir keinerlei weitere Unterbringungsmöglichkeiten mehr“, verweist Oestmann auf die Flüchtlingssituation. „Unser Regelobdach ist besser aufgestellt“, merkt Schiemann an. Oft auch mehr, als es der rechtliche Standard fordere – der sehe ein Dach über dem Kopf vor, „mehr nicht“. An der Wallbergstraße beispielsweise ist täglich eine Reinigungskraft unterwegs.
Der Kesselhofskamp entspreche dem Mindeststandard. Neben Lingnau sind dort drei weitere Menschen untergebracht, alle mit „ähnlichen, mehrfach gezeigten Verhaltensweisen“. Davor hatte das Haus etwa ein Jahr lang leer gestanden, insgesamt gibt es den Standort aber seit gut 20 Jahren.
Die Zustände in den Notunterkünften sind mitunter schwierig. Teils auch durch die Bewohner selbst verursacht. Oft werfen diese Scheiben ein oder treten Türen kaputt, wenn sie ihre Schlüssel vergessen haben. „Wir haben die Scheiben mehrfach gewechselt und neue Türen eingesetzt“, so Oestmann. „Wir flicken immer hinterher“, ergänzt Schiemann. Lingnau hatte sich in den Zusammenhang über die Kunststoffscheibe beschwert, die anstelle eines Fensters dort sei. „Das Zimmer war nicht für eine Aufnahme vorgesehen“, betont Oestmann. Der Bauhof sei aber angerückt und habe die Mängel so schnell wie möglich beseitigt. Manchmal müsse es eben erstmal eine Kunststoffscheibe sein, um ein Fenster „wenigstens notdürftig dicht zu bekommen“. Auch die kurzzeitig ausgefallene Heizung sei sofort repariert worden, als die Stadt davon erfahren hatte.
Dass von diesem Standort „niemand so recht wusste“, bemängelt Linken-Ratsherr Stefan Klingbeil in einem Statement als Reaktion auf den Fernsehbeitrag. Er habe dazu mehrere Aktive, unter anderem Politiker, befragt. „Ich bin der Auffassung, dass die Zeit der Stille vorbei sein muss und das Thema dringend öffentlich diskutiert werden sollte“, erklärt er und hofft auf eine unbürokratische Lösung.
Grundsätzlich stehe eines außer Frage: Aus der für einen kurzen Zeitraum gedachten Notunterkunft ist eine dauerhafte Wohnsituation geworden – und davon gibt es zunehmend mehr, so Oestmann. Alle städtischen Unterkünfte sind gut gefüllt. Daher müsse man sich überlegen, ob die Verwaltung weiter tätig wird. Das gehe aber nur in Zusammenarbeit mit der Politik. Kurzfristig wird zunächst die Situation am Kesselhofskamp weiter verbessert, verspricht Schiemann.

