- VonDennis Bartzschließen
Achim – Hin und wieder ploppen noch Meldungen über neue Corona-Varianten wie zuletzt Pirola auf. Ansonsten ist es ruhig geworden um das Virus, das so lange das gesellschaftliche Leben zum Erliegen gebracht hatte. Für die meisten Menschen ist Corona inzwischen „vorbei“.
Das gilt nicht für Tanja Trivukas, Martina Jansen, Karin Emigholz und die weiteren Mitglieder der Achimer Selbsthilfegruppe „Wie ein Fisch im Wasser“. Für sie bleibt Corona ein täglicher Begleiter, denn sie leiden an Long- beziehungsweise Post-Covid, obwohl ihre Infektion zum Teil bereits deutlich mehr als ein Jahr zurückliegt.
Damit befinden sich in großer Gesellschaft: Etwa 65 Millionen Menschen weltweit gelten nach Angaben der Gruppe „NichtGenesen“ als Post-Covid-Betroffene, weil sie mehr als drei Monate nach der akuten Krankheitsphase noch immer unter einem oder mehreren der 200 bekannten Symptome leiden.
Die Langzeit-Folgen der Erkrankung gehen dabei weit über die körperlichen Beschwerden hinaus: Häufig können Betroffene ihren Job nicht mehr ausüben, leiden an psychischen Problemen und haben nur noch wenige soziale Kontakte, denn sie müssen immer wieder Einladungen und Verabredungen absagen, weil ihnen die nötige Kraft für Konzerte, Reisen und andere Aktivitäten fehlt.
In den Räumen, die ihnen die St.-Matthias-Gemeinde für die Gruppentreffen zur Verfügung stellt, finden die Mitglieder von „Wie ein Fisch im Wasser“ einen geschützten Ort, in dem sie sich alle zwei Wochen für eineinhalb Stunden austauschen können. „Wir sind neun Betroffene, zwei von ihnen geht es aber leider so schlecht, dass sie nicht zu unseren Treffen kommen können. Sie nutzen aber unsere Whatsapp-Gruppe zum Austausch“, erklärt Tanja Trivukas, die die Selbsthilfegruppe im Juli 2022 gegründet hat und sich über neue Mitglieder freut: „Betroffene sind immer willkommen. Wir hören einander zu und geben uns neue Impulse, um mehr Lebensqualität zu haben und Mut zu fassen.“
Post- und Long-Covid-Erkrankte teilen dasselbe Schicksal: Sie hatten sich mit Covid-19 angesteckt, nach einigen Tagen war der Corona-Test dann negativ – aber die Symptome blieben. Es vergingen Wochen und dann Monate, in denen es trotz Behandlung, Therapie und Reha nur kleine Fortschritte gab. „Ich habe inzwischen die Hoffnung aufgegeben, wieder ,die Alte‘ zu werden. Ich habe stattdessen das Gefühl, dass sich mein Nervensystem grundlegend verändert hat. Mein Ziel bleibt es, mit den Defiziten besser leben zu können“, erklärt Trivukas, die in Folge der Covid-19-Infektion nun unter der neuroimmunologischen Erkrankung ME/CFS leidet.
Die Achimerin und die weiteren Mitglieder berichten davon, dass es ihnen guttue, durch die Selbsthilfegruppe einen regelmäßigen Anlaufpunkt zu haben: „Dort können wir über alles sprechen, was uns belastet. Auch über Dinge, die zu Hause eher kein Thema mehr sind, weil Menschen, die nicht selbst betroffen sind, kein Verständnis dafür haben können“, erklärt Trivukas.
Martina Jansen kann ihrer Arbeit bei der Stadt Achim bereits seit zwölf Monaten nicht mehr nachgehen: „Ich habe ständig Kopfschmerzen und mir fehlt sogar die Energie für alltägliche Dinge. Ich würde so gerne mal wieder tanzen. Aber wenn ich es versuche, ist da sofort dieser Schwindel“, berichtet sie.
Weil man Betroffenen wie ihr Long-Covid nicht ansehen kann, falle es Betroffenen häufig schwer, draußen unterwegs zu sein, erklärt Karin Emigholz: „Dabei ist frische Luft gut für mich. Aber von Menschen, die man trifft, hört man häufig nur nett gemeinte Floskeln.“
Die langjährige Betreuerin in einem Seniorenheim, die zunächst für 78 Wochen Verletztengeld bekommen hatte und sich Mitte Mai nun arbeitslos melden musste, spürt täglich die Folgen ihrer Erkrankung: „Es ist ein Auf und Ab. Meine Gelenke schmerzen und ich kann den Haushalt nur in Etappen machen. Immerhin fällt es mir inzwischen leichter, mich auszudrücken.“
Betroffenen fehle wegen der langen Dauer häufig eine Zukunftsperspektive, ergänzt Trivukas: „Die Therapie ist meist symptom- und nicht ursachenorientiert. Ohne langen Atem geht es nicht, denn es geht immer nur in kleinen Schritten voran. Auch deshalb ist es wichtig, sich in der Selbsthilfegruppe auszutauschen.“
Dass es einen großen Unterschied macht, ob Behandlungen über die Krankenkasse oder die Berufsgenossenschaft (BG) abgerechnet wird, hat Karin Emigholz festgestellt. Letzteres sei dann der Fall, wenn sich jemand wie sie nachweislich bei der Arbeit angesteckt hat. „Ich konnte alle Angebote nutzen, Kassenpatienten dagegen nur die Gruppentherapie – das finde ich traurig, weil mir besonders die zusätzlichen Angebote sehr geholfen haben.“
Auch über Schwierigkeiten wie diese und neue Therapieansätze tauschen sich die Mitglieder bei den zweiwöchentlichen Treffen und in der Whatsapp-Gruppe aus. Interessierte melden sich bei der Kontaktstelle Selbsthilfe im Kirchenkreis Verden unter Telefon 04231 / 937974 oder per E-Mail an selbsthilfe.verden@verden.de.