Kontroversen um Freihandel: Landwirtschaftliche Podiumsdiskussion mit sieben Bundestagsbewerbern

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Diskutieren über Landwirtschaft: (v.r.) Thomas Heidemann, Heike Hannker, Peggy Schierenbeck, Axel Knoerig, Moderator Wilken Hartje, Kareen Heineking, Michael Barth und Andreas Iloff.
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Die sieben Direktkandidaten des Wahlkreises Diepholz-Nienburg debattierten auf Einladung der Kreislandvolk-Verbände über die Zukunft der Landwirtschaft, deren zentrale Aufgabe und die Ernährungssicherheit.

Alle sieben Bundestagskandidaten wollen die Landwirtschaft stärken und weiter bringen – keine Überraschung während der Podiumsdiskussion der Landvölker Diepholz und Mittelweser am Montag im Nordsulinger Restaurant Dahlskamp. Aber die Strategien der Parteien sind unterschiedlich. Vor allem das Mercusor-Abkommen, das den Freihandel mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay ermöglichen soll, erwies sich als eine veritable Kontroverse während der zweistündigen Debatte, die Kreislandwirt Wilken Hartje moderierte.

Thomas Heidemann (Grüne), Heike Hannker (FDP), Peggy Schierenbeck (SPD), Axel Knoerig (CDU), Kareen Heineking (Freie Wähler), Michael Barth (Linke) sowie Andreas Iloff (AfD) präsentieren sich den rund 120 erwartungsvollen Gästen im Saal. Welchen Bezug sie zur Landwirtschaft haben, erklären die Bewerber zunächst grundsätzlich. Dann fackelt Wilken Hartje nicht lange – und fordert seine Podiumsgäste auf, die drei wichtigsten Aufgaben der Landwirtschaft zu benennen. Die Ernährungssicherheit ist für alle ein wichtiger Punkt, Klima-, Umwelt- und Naturschutz gehören zu den Antworten, ebenso wie Landschaftspflege und Arbeitsplatzsicherheit – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung.

Kareen Heineking stellt sich als „einzige aktive Landwirtin, die zur Wahl steht“ vor – in einem weißen Schutzanzug, der die Bedrohungen der Tierhalter durch die Maul- und Klauenseuche sowie andere Krankheiten symbolisieren soll. Die Landwirtin nutzt die Gelegenheit zur Politik-Schelte: „Es wird keine klare Linie gefahren!“ Politik sei nicht mehr glaubwürdig: „Das ist das Hauptproblem!“

Es wird keine klare Linie gefahren! Politik ist nicht mehr glaubwürdig, das ist das Hauptproblem!

Kareen Heineking, Kandidatin der Freien Wähler

Den Blick zurück auf die Ampel-Koalition sowie auf Herausforderungen der Zukunft verfolgen die Zuhörer im Saal mit großer Aufmerksamkeit. Für Axel Knoerig ist es der Bürokratie-Abbau, den man „sehr, sehr stark nachhalten muss“. Immerhin habe die Ampel 200 von 400 Bürokratie-Abbaumaßnahmen umgesetzt, fügt Peggy Schierenbeck hinzu. Heike Hannker hätte den Koalitionsvertrag mit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs gerne zerrissen gewusst, um eine neue Vereinbarung zu treffen. Dass Cem Özdemir Landwirtschaftsminister bleibt, ist der Wunsch von Thomas Heidemann – aber nicht von Wilken Hartje, daran lässt er keinen Zweifel: „Landwirtschaft ist ein bisschen komplizierter und sollte weniger politisch sein“

Vor allem fragt sich der Kreislandwirt: „Wie bleiben wir wettbewerbsfähig? Geht das?“ Ja, meint Michael Barth – wenn es einen einheitlichen Standard auf europäischem Level gibt und die Wettbewerbsgerechtigkeit der Maßstab ist. Andreas Iloff betont, dass nicht nur die Landwirtschaft betroffen ist: „Die gesamte Wirtschaft ist destabilisiert.“ Deshalb müssten die hohen Kosten, vor allem für Energie, runter. Dagegen setzt Thomas Heidemann auf „Qualität, Qualität, Qualität!“ und Heike Hannker auf gleiche Voraussetzungen – sprich gleiche Bezahlung – bei den Arbeitskräften.

Was Wilken Hartje zu dem Einwurf veranlasst, dass Familienmitglieder in der Landwirtschaft unter Mindestlohn arbeiten würden. Peggy Schierenbeck stellt sich ohne Wenn und Aber hinter den steigenden Mindestlohn, während Axel Knoerig warnt: „Wenn die Wirtschaft stagniert oder abnimmt, nicht auch noch die Löhne hochschrauben...“ Notwendig sei unbedingt ein Industriestrompreis.

Und dann gibt es ja noch den Wolf: „Wir müssen ein kluges Wolfsmanagement haben“, so Peggy Schierenbeck. Axel Knoerig ist überzeugt: „Der Wolf gehört ins Jagdrecht!“ Das sei längst eine Forderung der FDP, so Heike Hannker, die ebenso Saatkrähen und Kormorane bejagt wissen will. „Wölfe sind toll – aber nicht unreguliert“, betont Kareen Heineking. Michael Barth spricht sich ebenso für eine „deutliche Reduzierung der Population“ aus. Für eine Bestandsregelung setzt sich Andreas Iloff ein. Der Wolf sei ein „hochemotionales Thema“, gibt Thomas Heidemann zu bedenken. Er befürwortet ein Bestandsmanagement, bei dem Problemwölfe entnommen werden.

Wilken Hartje wäre nicht Wilken Hartje, wenn er nicht – diesmal beim Thema Pflanzenschutz – noch ein Erlebnis seiner Oma einstreuen würde. Fast alle Kandidaten sprechen sich, wenn auch mit unterschiedlichen Nuancen, für einen verantwortungsvollen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln aus. Allein Thomas Heidemann plädiert für eine schrittweise Reduzierung der chemisch-synthetischen Mittel und für einen nachhaltigen Pflanzenschutz. Der erhalte die Fruchtbarkeit des Bodens.

Für Kontroversen sorgt dass Mercusor-Abkommen, das freien Handel mit vier wichtigen südamerikanischen Ländern ermöglichen soll. In diesem Fall sind sich Axel Knoerig und Peggy Schierenbeck sowie Heike Hannker einig: Dieses Abkommen müsse unbedingt kommen. Denn Deutschland sei ein Exportland. Michael Barth und Andreas Iloff lehnen es rundweg ab – ebenso Kareen Heineking: „Wir brauchen nicht noch mehr Schäden, die man erzeugt, um sie dann wirtschaftlich zu kompensieren.“ Thomas Heidemann sieht das Abkommen „sehr kritisch“, weil es am Ende zur weiteren Abholzung der Regenwälder führen könne.

Absage umstritten

Dass die Podiumsdiskussion an der Graf-Friedrich-Schule in Diepholz abgesagt ist (wir berichteten), sorgte während der Podiumsdiskussion der Landvölker in Sulingen für widerstreitende Meinungen. Andreas Iloff (AfD) bedankte sich ausdrücklich für die Einladung nach Sulingen. Das müsse, so sah es nicht nur Kareen Heineking (Freie Wähler), selbstverständlich sein für die Demokratie-Bildung, wenn eine Partei fast 20 Prozent habe. Andere wiederum hielten die Absage für geboten. Deutlich wurde, dass es im Vorfeld der Entscheidung Massen von E-Mails gegeben hatte.

Welche Partei will nach der Wahl mit wem Politik umsetzen? Diese Frage von Tobias Göckeritz, Kreislandwirt in Nienburg, löst unterschiedliche Reaktionen aus. Peggy Schierenbeck gibt keine Antwort. Axel Knoerig will auf keinen Fall mit der AfD koalieren, auch wenn Andreas Iloff eine mögliche „Schnittmenge“ sieht. Thomas Heidemann und auch Heike Hannker blicken Richtung CDU, und Kareen Heineking verweist auf ihr Wahlprogramm. Für Michael Barth ist klar, mit wem es gar nicht geht: mit BSW.

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