VonGuido Menkerschließen
Immer mehr Kunden kommen den Zahlungsaufforderungen der Stadtwerke Rotenburg (SR) nicht nach. SR-Geschäftsführer Volker Meyer spricht beim Zuwachs der Außenstände von mehr als 50 Prozent allein in diesem Jahr. Meyer: „Wir erwarten da in nächster Zeit noch mehr.“ Gut also, dass die Gaspreisbremse kommt. Zusammen mit Hajo Buthmann, Leiter des SR-Kundencenters, berichtet er darüber und erklärt, wie das alles eigentlich funktioniert.
Rotenburg – Es ist und bleibt das beherrschende Thema in diesen Tagen und Wochen. Die Energiepreise haben ein Niveau erreicht, auf dem es vielen Menschen nur schwer möglich ist, ihre Rechnungen für Gas und Strom noch zu begleichen. Der Staat reagiert und will die Gas- sowie die Strompreisbremse ziehen. Das alles sorgt für große Verunsicherung. „Die persönlichen und telefonischen Anfragen der Kunden haben sich zuletzt verfünffacht“, sagt Hajo Buthmann, Leiter des Kundencenters der Stadtwerke Rotenburg (SR). Wer anruft, hängt nicht selten in der Warteschleife, und wer persönlich bei den SR auftaucht, muss ebenfalls Geduld aufbringen.
„Aber das freut uns“, erklärt Buthmann. Schließlich sei es sinnvoll, sich jetzt mit den SR bei offenen Fragen in Verbindung zu setzen und nicht erst darauf zu warten, bis die nächste Rechnung ins Haus flattert. So sei das in der Vergangenheit gewesen, und in solchen Fällen komme im Kontakt dann der ganze Frust zum Ausbruch. Aber: „Uns erreichen viele Fragen, die sich gar nicht beantworten lassen, und nicht selten biegen die Kunden im Gespräch mit uns auf die politische Schiene ab. Da müssen wir dann passen.“
Die persönlichen und telefonischen Anfragen der Kunden haben sich zuletzt verfünffacht.
Geschäftsführer Volker Meyer weiß zu berichten, dass diese Kundengespräche oft auch sehr emotional werden. „Daher wollen wir stets versuchen, Hilfestellungen zu geben – und verweisen dann gerne auch an Stellen, die konkret weiterhelfen können.“
Jetzt aber greift erst einmal der Staat ein. Im ersten Schritt übernimmt dieser die für den Dezember fällige Gas-Abschlagszahlung. Berechnet werde die Höhe auf Grundlage der Jahresverbrauchsprognose vom vergangenen September – unter Berücksichtigung des neuen, höheren Gaspreises, der im Fall der Stadtwerke seit dem 1. Oktober gilt. Meyer: „Die spitze Abrechnung erfolgt mit der nächsten Jahresabrechnung.“
Was heißt das im Klartext? Ein Beispiel: Wer bislang aufgrund seines Verbrauches etwa monatliche Abschläge von 100 Euro gezahlt hat und im Dezember aufgrund des gestiegenen Preises 200 Euro zahlen müsste, zahlt zunächst den Dezemberabschlag nicht und erhält in der Endabrechnung eine Gutschrift in Höhe von 200 Euro.
Mieter sollten mit dem Vermieter sprechen
Wer als Haus- oder Wohnungseigentümer seine Abschläge per Einzug direkt an die SR zahlt, muss nichts weiter tun. Die Stadtwerke ziehen den Abschlag für Dezember einfach nicht ein. Wer aber per Überweisung oder gar im Kundencenter den Abschlag in bar zahlt, sollte daran denken, diese Zahlung ausfallen zu lassen. Mieter wiederum, deren Abschläge vom Vermieter an die SR überwiesen werden, sollten nicht von sich aus den Abschlag einbehalten, sondern in jedem Fall zunächst Rücksprache mit dem Vermieter halten. Buthmann: „Die Mieter sollten jedoch in der nächsten Jahresabrechnung darauf achten, dass der Dezemberabschlag berücksichtigt worden ist.“ Und: „Wer dennoch den Abschlag an uns zahlt, muss sich keine Sorgen machen – dieses Geld dient unter dem Strich wie eine Gutschrift für insgesamt fällige Kosten“, erklärt Hajo Buthmann.
Was für den Kunden – etwa 9 000 sind es im Fall der Stadtwerke – recht einfach klingt, gestaltet sich für den Energieversorger weitaus schwieriger. Bei mehreren Tausend Lastschriften, die auszusetzen sind, brauche es eine entsprechende Software. Problem dabei: In den meisten Fällen werden Abschläge für Gas und Strom in einem Rutsch eingezogen. „Wir müssen also in jedem einzelnen Fall die Abschläge für das Gas herausrechnen“, sagt der Leiter des SR-Kundencenters. Die ersten Probeläufe seien bereits in Gang.
Neben der Soforthilfe im Dezember soll zum 1. Januar die eigentliche Gaspreisbremse kommen. Diese begrenzt den Preis für die Kunden auf zwölf Cent für 80 Prozent des Gesamtverbrauchs. Für die restlichen 20 Prozent wird der normale, volle Gaspreis je Kilowattstunde fällig. „Das soll uns alle zum Einsparen animieren“, erklärt Meyer. Grundlage für die Berechnung sei der Verbrauch des Vorjahres. Zu Beginn dieses Jahres lag der Gaspreis bei etwas mehr 8,4 Cent, seit dem 1. Oktober gilt ein Preis von 23,4 Cent je Kilowattstunde.
Dann ist doch eigentlich alles klar, möchte man meinen. Aber dem ist nicht so. „Die sich fast täglich ändernden Informationen verunsichern die Kunden und sorgen für einen intensiven Beratungsaufwand“, unterstreicht Meyer die große Herausforderung für die Energieversorger. Und: Die Energiepreisbremse sei nach wie vor nicht final beschlossen. Softwarehäuser stünden daher vor der großen Aufgabe, die Bremse kurzfristig umzusetzen. Meyer: „Fast täglich finden Webinare und Konferenzen dazu statt – und binden Mitarbeiter.“
Schon 25 „Erziehungszähler“ sind im Einsatz
Dabei werden die zurzeit an allen Ecken und Enden gebraucht – nicht zuletzt, um die Kundenanfragen zu beantworten, die sie auf allen möglichen Kanälen erreichen. Dass die Außenstände immer weiter anwachsen, weil viele Kunden einfach nicht mehr zahlen können, wertet Volker Meyer übrigens als ein deutliches Signal für das Ausmaß der Energiekrise. Und ja, es komme auch jetzt immer wieder zu Situationen, in denen die Stadtwerke die Versorgung einstellen müssen. „Das hat es aber auch schon vorher gegeben.“ Zahlen dazu nennen die Stadtwerke nicht.
Sie betonen jedoch, dass sie alles daran setzen, solche Entscheidungen zu vermeiden, also Lösungen zu finden, damit die Menschen nicht ohne Strom und Wärme dastehen. Gut möglich sei, dass die Zahl der installierten „Erziehungszähler“ noch steigen werde. Bislang seien 25 davon im Einsatz – Zähler also, die mit einer Prepaid-Karte freigeschaltet werden. Volker Meyer: „Es gibt Kunden, die diese Variante ganz bewusst wählen, um sich selbst zu disziplinieren.“
