Existenzbedrohend: Bäckereien im Kreis Rotenburg machen Licht aus

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Das Brot beim Bäcker ist für viele zum Luxusgut geworden.
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Wenn es mit den steigenden Preisen so weitergeht wie bisher, sind Existenzen bedroht: Das sagen viele Bäckermeister, auch im Landkreis Rotenburg. Daher beteiligen sie sich an der Aktion „Licht aus“, mit der sie die Politik auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen wollen. 

Sottrum/Wittorf – „Uns geht das Licht aus!“ Und morgen der Ofen? Das fragen sich derzeit viele Bäcker und daher lassen Betriebe in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen am Donnerstag ihr Licht in den Verkaufsstellen aus – der Verkauf läuft aber weiter wie gewohnt. Die Bäckereien fühlen sich in der aktuellen Lage von der Politik im Stich gelassen und wollen mit der Aktion ein Zeichen setzen. „Wie es jetzt ist, geht es nicht weiter“, macht der Sottrumer Bäckermeister Carsten Fricke deutlich. „Von 100 Betrieben können das vielleicht fünf überstehen“, mutmaßt er.

Denn die Aussichten für das Handwerk sind, wie für viele andere Branchen auch, ernüchternd: „Die Lage ist angespannt. Die Prognose ist, dass wir das Achtfache zahlen müssen an bisherigen Gaskosten. Das ist nicht zu wuppen“, erklärt Petra Mendoza, in der Sottrumer Igel-Bäckerei Holste für das Marketing zuständig. Neben gestiegenen Energiekosten kommen steigende Rohstoff- sowie Personalkosten hinzu. Mehl und andere Rohstoffe sind teils bis zu 80 Prozent teurer geworden. „Wir bekommen jede Woche ein Schreiben vom Lieferanten, dass etwas teurer geworden ist“, erklärt der Wittorfer Bäckermeister Heiner Tamke. Auch in seinen zwölf Filialen bleibt das Licht aus.

Es kommt derzeit „alles geballt“, sagt Fricke. Durch die Anhebung des Mindestlohns erhalten zudem nicht nur die Mitarbeiter mehr Geld, die bisher darunter lagen. Sondern auch die, die darüber liegen – um den Abstand zwischen gelernten und ungelernten Kräften zu wahren. „Das ist gut und wichtig“, betonen sowohl Fricke als auch Mendoza. Es stellt die Arbeitgeber aber im Gesamtpaket vor schlaflose Nächte.

Kaum Einsparmöglichkeiten

Ohne ein Rettungspaket wird es nicht gehen. Und so wollen die Bäckereien bei der Politik Aufmerksamkeit schaffen. „Wir hoffen, dass wir wahrgenommen werden“, erklärt Fricke, der sich von der aktuellen Politik enttäuscht zeigt. „In Berlin soll endlich angefangen werden, zu arbeiten“, fordert er. „Alle machen sich Gedanken, wir haben zum Beispiel schon Ofenstunden eingespart.“ Tamke hat sein Kuchensortiment verkleinert und achtet darauf, möglichst keine Leerzeiten im Ofen zu haben. „Man wird jetzt sensibel, aber es sind nur kleine Schritte, die man machen kann.“ Die Einsparmöglichkeiten seien gering – gut 70 Prozent aller Öfen werden mit Gas betrieben. Backöfen als auch Kühlanlagen sind energieintensiv und unverzichtbar. „Die Politik muss handeln, es muss jetzt was passieren. Sonst gehen viele Betriebe den Bach runter“, weiß Mendoza. „Hier sind Existenzen bedroht, die das langfristig nicht tragen können.“

Die Bäcker erhöhten zwar gezwungenermaßen ihre Preise, doch müsse die Anhebung im Rahmen bleiben. „Sonst bleiben uns die Kunden weg. Dann würde ein normales Brötchen plötzlich einen Euro kosten.“ Schon jetzt hat sich das Einkaufsverhalten deutlich verändert, die Menschen sind „vorsichtiger und bedachter beim Einkaufen“, so Mendoza. So wird auch die Planung für die Bäcker schwieriger.

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Mendoza erinnert an das schon stattfindende Bäckersterben. Nachwuchsgewinnung ist ein großes Problem. Zusammen mit der jetzigen Situation sei das eine „Vollkatastrophe“. Kommt keine schnelle und unbürokratische Hilfe, könnten Tausende Betriebe und Arbeitsplätze bereits im September gefährdet sein, so die norddeutschen Innungsbäcker. Sie fordern die Aufnahme in das Energiekostendämpfungsprogramm (EKDP), „mit dem Belastungen durch starke Verbräuche an Erdgas und Strom für Wirtschaftsbetriebe gedämpft werden sollen“, heißt es in einer Pressemeldung. Die Landesregierungen seien aufgerufen, durch einen Rettungsschirm Härtefälle aufzufangen. Auch eine Deckelung der Energiepreise wie in Frankreich könnte eine Option sein, so Mendoza.

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