- VonTom Gathschließen
Seit Wochen sind Zugreisende von massiven Problemen des Metronoms auf der Strecke zwischen Bremen und Hamburg betroffen. Der Fahrgastverband und die Landesnahverkehrsgesellschaft kritisieren die Ausfälle scharf. Für nächste Woche hat das Betreiberunternehmen eine Verbesserung der Situation angekündigt.
Rotenburg – Für Pendler von und nach Rotenburg gleicht die Reiseplanung aktuell einer Lotterie: Zahlreiche Verbindungen des Metronoms zwischen Bremen und Hamburg fallen aus, die restlichen Züge haben enorme Verspätungen und die elektronischen Fahrplaninformationen sind verlässlich unzuverlässig. Für die nächste Woche hat Metronom nun eine deutliche Entspannung der Situation angekündigt.
Bei den Nahverkehrszügen von DB Regio oder der Nordwestbahn gibt es deutlich weniger Zugausfälle.
Die massiven Probleme hatte das Unternehmen mit krankheitsbedingten Personalengpässen begründet. So seien im Dezember sieben bis elf Prozent der Lokführer und rund 45 Prozent der Leitstellenmitarbeiter krankgemeldet gewesen. Trotz intensiver Bemühungen sei eine kurzfristige Nachbesetzung bei diesem hohen Krankenstand nicht voll umfänglich möglich gewesen.
Fahrgastverband: Metronom stärker betroffen als andere Betreiber
Die Corona- und Grippewelle trifft viele Branchen mit voller Wucht und geht auch an den Verkehrsunternehmen nicht spurlos vorbei. So stellt der niedersächsische Landesvorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Malte Diehl, fest: „Grundsätzlich ist der Metronom nicht alleine mit diesen Problemen.“ Dennoch stellt sich für ihn die Frage, warum der Metronom aktuell so stark betroffen ist: „Bei den Nahverkehrszügen von DB Regio oder der Nordwestbahn gibt es deutlich weniger Zugausfälle.“
Demnach sei die Nordwestbahn in den vergangenen Jahren sehr stark bemüht gewesen, Personal aufzustocken und neue Fachkräfte auszubilden. Zudem sei im Verkehrsvertrag mit der Nordwestbahn ein ständiger Bereitschaftsdienst vorgeschrieben, um kurzfristig auf Personalengpässe reagieren zu können. Wie Diehl betont, sei eine derart robuste Bereitschaft aber nicht in allen Verkehrsverträgen festgelegt.
Landesnahverkehrsgesellschaft führt „ernstes Gespräch“
Die staatliche Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) schreibt die einzelnen Linien aus und beauftragt private Unternehmen mit dem Betrieb der Strecken. Der Vertrag mit dem Metronom für die Strecke Bremen-Hamburg läuft noch bis 2033. Seit der Bahnprivatisierung in den 1990er-Jahren ist die LNVG für die Sicherstellung des niedersächsischen Nahverkehrs – ein wichtiger Teil der öffentlichen Grundversorgung – zuständig.
Eine explizite Verpflichtung zu einem dauerhaften Bereitschaftsdienst hält der LNVG-Sprecher Dirk Altwig nicht für notwendig: „Die Bereitstellung von ausreichend Personal gehört zur Kernaufgabe unserer Vertragspartner. Eine Bereitschaft muss nicht extra vorgeschrieben werden.“ Druck auf die Unternehmen werde dabei vor allem über vertraglich geregelte Strafzahlungen ausgeübt. Altwig betont, dass sich ein ausgefallener Zug für die Unternehmen finanziell nicht rechne. Allein in den vergangenen Monaten hätte Metronom Strafen in siebenstelliger Höhe zahlen müssen.
Wir hoffen, dass wir bald über den Berg sind.
Für die LNVG sei die „Situation dennoch nicht akzeptabel und muss sich dringend ändern“. Vor Kurzem habe es daher „ein sehr ernstes Gespräch“ mit dem Vorstand des Netinera Konzerns, dem größten Anteilseigner von Metronom, gegeben. Dabei wurde ein Konzept versprochen, wie die Probleme kurzfristig behoben werden können.
Metronom kündigt Entspannung an
Und tatsächlich teilte Metronom-Sprecherin Miriam Fehsenfeld am Freitag mit: „Wir hoffen, dass wir bald über den Berg sind und gehen aktuell davon aus, dass sich die Lage in der kommenden Woche weitestgehend entspannt.“ Dass der Metronom in den vergangenen Wochen deutlich unzuverlässiger war als andere Verkehrsbetriebe, wollte Fehsenfeld auf Nachfrage nicht bestätigen. Mögliche Differenzen beim verfügbaren Personal könne sie sich nur durch unterschiedliche Infektionsdynamiken erklären.
Langfristig fordert Fahrgastvertreter Diehl, dass „zukünftige Ausschreibungen von Streckenvergaben nicht nur auf den Preis, sondern auch auf die Qualität des Angebots ausgerichtet werden“. Zwar sei eine Ausschreibung grundsätzlich durch EU-Recht geregelt. Dennoch hätten die jeweiligen Länder durchaus Spielraum bezüglich der konkreten Ausgestaltung. Aktuell bekomme laut Diehl schlicht der preiswerteste Anbieter den Zuschlag.
Die LNVG weist diese Vorwürfe jedoch zurück. „Dass unsere Vertragspartner Billiganbieter sind, ist nicht wahr. Wir geben die Anzahl der Züge und Zugbegleiter sehr genau vor und suchen dann für die hohen Qualitätsansprüche den günstigsten Anbieter“, so Sprecher Altwig. Schließlich sei ein verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeldern für die LNVG ebenfalls gesetzlich vorgeschrieben.
Lokführer leiden unter Privatisierung der Bahn
Unter dem Einzug von ökonomischen Imperativen in die Organisation der öffentlichen Daseinsvorsorge leiden nicht nur die Fahrgäste. Auch für die Lokführer habe sich die Situation durch die Bahnprivatisierung deutlich verschlechtert, sagt der Vorsitzende vom Bezirk Nord der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Hartmut Petersen. Bis zu den 1990er-Jahren sei eine gut besetzte Bereitschaft gang und gäbe gewesen. In den vergangenen Jahrzehnten habe die Arbeitsverdichtung aber massiv zugenommen.
Die Kollegen lieben ihren Job, aber manchmal sind die Umstände unerträglich.
„Die Kollegen lieben ihren Job und wollen pünktlich von A nach B fahren, aber manchmal sind die Umstände unerträglich“, beklagt Petersen. Eine Rückkehr zu gut besetzten Verkehrsbetrieben mit verbeamteten Lokführern hält er für unwahrscheinlich. Das Warten am Bahngleis dürfte also auch nach der aktuellen Krankheitswelle weiter zum Alltag gehören.