VonHolger Heitmannschließen
Christopher Nitz folgt im Rotenburger Stadtrat auf Ex-Volt-Parteifreund Alexander Gridin.
Rotenburg – Eigentlich wollte Christopher Nitz schon 2021 in den Rotenburger Stadtrat einziehen. Er war für die Partei Volt angetreten, doch das Wahlergebnis gab kein Mandat her. Dabei holte Nitz sogar einige Stimmen mehr als Parteifreund Alexander Gridin, doch dieser hatte Listenplatz eins und damit den einen Platz im Rat. Nun, fast zwei Jahre später, ist Nitz doch Ratsherr geworden.
Denn Gridin zog für seine neue Stelle im Bundestag nach Berlin, und es kam für ihn nicht in Frage, von dort aus Rotenburger Lokalpolitik zu machen. „Ich will den Wählern nichts vormachen“, erklärt Gridin, der „als Negativbeispiel“ die AfD-Politikerin Marie-Thérèse Kaiser anführt, die im Rotenburger Kreistag sitzt, dort aber oft fehlt, weil sie beruflich ebenfalls im Bundestag tätig ist.
Schnittmengen mit den Grünen
Das dürfte es mit Gemeinsamkeiten von Gridin und der zwei Jahre älteren Kaiser auch gewesen sein, der 25-Jährige hatte sich der Stadtratsfraktion der Grünen/Linke angeschlossen, so wie Nitz nun auch. Der Nachrücker hatte sich auch Sitzungen von FDP- und CDU-Fraktion angeschaut und angehört, sah aber wie Gridin die meisten Schnittmengen bei den Grünen.
Gridin hatte nicht als Einzelkämpfer im Rat sitzen wollen, weil ihm von vornherein klar gewesen sei, dass es für die Umsetzung von Ideen eine bestimmte Personenanzahl im Rat benötige und die Grünenfraktion mehr politische Erfahrung zu bieten hatte als er. „Zwischen Volt und den Grünen gibt es eine gewisse inhaltliche Nähe.“
Ich möchte die Meinungen junger Rotenburger vertreten.
Nitz sieht sich nun auch als politischen Anfänger, der sich erstmal einarbeitet. Er fährt dabei auf Sicht, hat noch keine weitere politische Karriere im Auge. Konkrete Ziele hat er aber. Umweltschutz und Digitalisierung seien seine Oberthemen. Von mehr digitalen Angeboten erhofft er sich besseren Zugang für Jüngere zu kommunalen Debatten. „Ich möchte die Meinungen junger Rotenburger vertreten“, sagt der 27-Jährige. Die Motivation dazu sei schon lange vorhanden, bislang fehlte die Gelegenheit. Denn der in Rotenburg geborene und aufgewachsene Nitz war für Studium und Beruf unter anderem in Bonn, München und den USA. Mittlerweile arbeitet er in Hamburg, wohnt mit seiner Frau in Rotenburg. Die Kleinstadt sei entspannter, außerdem habe er hier Familie und Freunde. Die Entscheidung pro Stadtrat sei leicht gefallen. Und das Nachrückverfahren sei unkompliziert gewesen und schnell über die Bühne gegangen.
Gridins Umzugswagen rollt
Gridin hatte Mitte Juni die Zusage erhalten, Sachbearbeiter beim Grünen-Bundestagsabgeordneten Marcel Emmerich zu werden. Er hofft, Nachfolger Nitz werde daran anknüpfen, die Inhalte des gemeinsam erstellten Wahlprogramms umzusetzen. Gridin hat unter anderem das Rotenburger Klimaschutzmanagement vorangetrieben, eine kommunale Smartcity- und Digitalisierungsstrategie mit auf den Weg gebracht und eine Städtepartnerschaft mit Kral in Slowenien beantragt. Er werde nun gespannt aus Berlin die Entscheidungen des Stadtrats verfolgen, an diesem Wochenende rollt der Umzugswagen von der Kreisstadt in die Hauptstadt.
Nitz, von Beruf Finanzanalyst, hat den Platz seines Vorgängers im Finanzausschuss übernommen. Er wird allerdings, anders als Gridin und trotz entsprechendem Interesse, nicht Mitglied im Umweltausschuss, sondern im Sportausschuss. Er hat Erfahrungen als Fechter im TuS und Fußballer des RSV und ist überzeugt, dass Sport wichtiger Bestandteil für Jugendliche ist, und Anlaufstellen in Rotenburg vorhanden sein müssen. Da die Sportanlage In der Ahe städtisches Eigentum ist, meint Nitz, sich dort am besten einbringen zu können. „Ich werde viele Punkte weiterverfolgen, die Alex und ich in unserem Wahlprogramm hatten.“
Gridin sagt von sich, er sei eher ein idealistischer Typ, habe in seinen eineinhalb Jahren im Rat aber gemerkt, dass man auch pragmatisch sein müsse. So habe er versucht, Pragmatismus und Idealismus zu vereinbaren. Dabei habe es geholfen, sich vorab Gedanken über die eigenen Ziele gemacht zu haben und sein Programm als „Instrumentenkasten“ im Blick zu behalten.
Sein politisches Interesse habe sich durch die Arbeit im Stadtrat verstärkt, was sich nun im neuen Job niederschlage und damit paradoxerweise im Abschied aus der Kommunalpolitik. Bislang war Gridin Sachbearbeiter im Jobcenter Bremen und wohl das einzige Ratsmitglied, das seine Sitzungsgelder spendete. „Durch meine Verbeamtung bin ich privilegiert, auf das Geld nicht angewiesen zu sein, und eine goldene Nase verdient man sich als Stadtrat ohnehin nicht“, erklärt er. Und es habe Spaß gemacht im Rat, bei Höhen und Tiefen. Trotz Haushaltsverzögerungen habe er seine Inhalte recht flott eingebracht.
Nitz hat angesichts des zu erwartenden zeitlichen Aufwands erstmal seinen Chef gefragt, der hatte aber nichts gegen das politische Engagement seines Angestellten. Die ersten beiden Ratssitzungen hat der Neue schon hinter sich, die nächsten Ausschüsse stehen erst im November an. Bis dahin will Nitz über alle aktuellen Themen Gespräche führen, unter anderem mit den neuen Fraktionskollegen.
