VonJudith Tausendfreundschließen
Das bundesweite Stromtrassenprojekt „SuedLink“ geht in die nächste Phase. Das Anhörungsverfahren läuft, Bürger und Träger öffentlicher Belange können sich bei der Bundesnetzagentur melden. Möglicherweise gibt es jedoch wenig Einwände, denn zahlreiche Vorab-Gespräche wurden bereits geführt.
Scheeßel – Es ist soweit: In Sachen „SuedLink“ hat das Unternehmen Tennet die Planfeststellungsunterlagen eingereicht. Und das bedeutet, die Bundesnetzagentur veröffentlicht ab sofort das Anhörungsverfahren. Bis Dezember stehen die Antragsunterlagen öffentlich im Internet. Und bis zur Einwendungsfrist am 22. Dezember können Betroffene – also etwa Scheeßeler Einwohner – Bedenken und Verbesserungsvorschläge in das Verfahren einbringen.
In Sachen Beteiligung der Bürger geht es jetzt praktisch um alles: Wer sich noch Änderungen beim Großprojekt wünscht, sollte sich diese Fristen notieren. Zu finden sind die Unterlagen auf der Seite www.netzausbau.de und dort unter der Begrifflichkeit „Öffentlichkeitsbeteiligung zu den Planunterlagen für Vorhaben 3 und 4 (SuedLink), Abschnitt B1“.
„Es ist der letzte formale Schritt, zuvor gab es jedoch schon viele kleine Schritte, die das Vorhaben vorbereiten sollten“, berichtet Dirk Schulte, Tennet-Bürgerreferent im Heidekreis und im Landkreis Rotenburg. Alleine im Landkreis Rotenburg liegen etwa 70 Kilometer der insgesamt 700 Kilometer lang geplanten Stromtrasse.
Ab 2025 wird gebaut, schon 2024 beginnen konkrete Vorbereitungen
Das gesamte Planfeststellungsverfahren wird nun etwa ein Jahr laufen. Im vierten Quartal 2024 rechnen die Beteiligten mit einem Planfeststellungsbeschluss. „Ab dem ersten Quartal 2025 werden wir dann hier bauen“, so Schulte. „Hier“: Das meint den Bereich Scheeßel und umzu. Im Landkreis Rotenburg generell geht es dagegen schon im April oder Mai 2024 los. Dann entsteht, so Schulte, eine erste Baustelle in Heeslingen.
Zunächst entstehen Baustellenzufahrten und Einrichtungsflächen, erst später dann die Horizontalbohrungen. Mit Blick auf das Gebiet zwischen dem Hurricane-Gelände und dem noch entstehendem Gewerbepark Ost wird deutlich, wie viele Interessen rund um die Planung des Großprojekts berücksichtigt werden müssen. In diesem Fall sind es vier Parteien, deren Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen. Da geht es einmal um das generelle öffentliche Interesse am Bau der Stromtrasse. Dann geht es um die Interessen der Gemeinde Scheeßel, die den Gewerbepark Ost vermarkten will. Weiter geht es um die Organisatoren des Hurricane-Festival, die weiter auf dem Gelände feiern wollen. Und nicht zuletzt sind die Landwirte betroffen, die ihre Flächen zwar einmal jährlich an die Festival-Macher verpachten, den Rest des Jahres aber den ganz „normalen“ Anbau von Pflanzen.
Doch nicht nur diese Interessen müssen koordiniert werden, sondern auch viele technische Gerätschaften. 40 Kabelabschnitte, 83 Horizontalbohrungen, 90 Baustellenzufahrten, 40 Muffengruben wollen geplant werden. Daneben gilt es, die passende Kabelanlieferung aus den Zwischenlagern in Zeven und Berkhof zu koordinieren.
Informelles Verfahren sorgt für viel Input aus der Bevölkerung
„Noch vor dem eigentlichen Verfahren haben wir ein sogenanntes informelles Verfahren initiiert“, erläutert Schulte das bisherige Vorgehen. Zunächst wurde hierzu ein 1 000 Kilometer breiter Korridor festgelegt, anschließend in diesem die Mittelachse genommen. Etwa hier sollte die eigentliche Trasse verlegt werden – jedoch wurde in zahlreichen Gesprächen und Veranstaltungen vorab die eigentliche Fläche immer wieder angepasst.
„So haben wir dann nach und nach den finalen Verlauf festgelegt“. Im Heidekreis und im Landkreis Rotenburg wurden bisher zusammengefasst 2 300 Hinweise von Bürgern berücksichtigt. An etwa 50 Stellen wurden Verlegungen um mehr als 100 Meter untersucht. 16 umgesetzte Änderungen gehen übrigens direkt auf Bürgervorschläge zurück.
Konkret rund um Scheeßel gab es Gespräche der Gemeinde, die zum Ziel hatten, das avisierte Gewerbegebiet intakt zu belassen – daher wird „SuedLink“ an dieser Stelle sehr nah an den Waldrand rücken. „Wir haben das Maximale für die Gemeinde herausgeholt“, meint Schulte. Auch mit den Hurrican-Betreiber, FKP Scorpio, erfolgten Gespräche. „Wir haben die Bauzeiten so angepasst, dass wir uns zeitlich nicht ins Gehege kommen.“ Und noch eine Besonderheit wird umgesetzt: Rund um das Festival-Gelände erfolgt die Bohrung deutlich tiefer als an anderen Stellen. Auch wird die Bohrung horizontal aufgefächert.
Festivalgelände wird unterbohrt
„Das ganze Festivalgelände wird unterbohrt“, erklärt Tennet-Mann Schulte. Und zwar besonders tief, damit Besucher, die sich Erdkühlschränke graben, auf gar keinen Fall bis zum Kabel graben können. Zudem werden die Bohrungen hier noch mit Betonplatten geschützt – sicher ist sicher.
Die zahlreichen Gespräche im Vorfeld haben sich gelohnt. Referent Schulte weiß, dass es im Bereich A4 – der von der Landkreisgrenze Stade über Rotenburg bis nach Helvesiek und Scheeßel verläuft – keinen Erörterungstermin geben wird, da es zu wenig Einwände gab. Der Abschnitt B1 beginnt nordöstlich von Scheeßel und verläuft durch Bothel, Visselhövede, Walsrode und bis an die Landesgrenze nach Hannover. Einige Besonderheiten werden hier berücksichtigt. Etwa die Tatsache, dass Flüsse wie die Vissel prägend sind – um die Stromtrasse unter Fließgewässer zu verlegen, nutzen die Ingenieure horizontale Spülbohrungen.

