VonAndreas Hapkeschließen
In Sachen Hochwasser gibt die Gemeinde leichte Entwarnung: Sinkende Pegel und abnehmender Regen geben Anlass zu Optimismus.
Stuhr – Die Gemeinde gibt leichte Entwarnung für die vom Hochwasser betroffenen Gebiete in Stuhr: Rückläufige Pegelstände und weiterhin weniger Regenfälle würden die Situation entspannen, teilte Bürgermeister Stephan Korte am Mittwochnachmittag mit. Das am Wochenende eingerichtete und rund um die Uhr erreichbare Bürgertelefon sei wieder abgeschaltet.
„Das Wasser fließt kontinuierlich weiter ab“
Gleichwohl bleibe das Betretungsverbot für die Deiche und deichnahe Anlagen, das der Verwaltungschef per Allgemeinverfügung erlassen hatte, bestehen. Darüber hinaus bat Korte die Bewohner der Grünen Straße und der Straße Am Hexerdeich, wegen des dort überforderten Abwassersystems weiter die „15 bis 20 mobilen Behelfs-WCs“ zu nutzen.
Hohe Pegelstände habe es in Stuhr schon seit drei Wochen gegeben, sagte Rathausmitarbeiter Hayo Wilken. „Angefangen mit der Schneeschmelze, dann der einsetzende Regen.“ Nun seien die Pegel in Alt-Stuhr und Moordeich gefallen, sagte der Bürgermeister. Die Welle sei zwar durch, der Deich aber weiter gesättigt.
„Wir haben einen Pegelfall von gestern auf heute im Bachbereich von 20 Zentimetern“, fügte Wilken hinzu. „Das Wasser fließt kontinuierlich weiter ab.“ Davon, dass die Talsperren Wasser ablassen, sei die Weser betroffen, nicht Stuhr. Denn laut Korte wird das nicht zu einem Rückstau in der Ochtum führen. Nur das könnte die Gemeinde belasten.
Gegen die Hochwasserlage kommt „kein Pumpensystem der Welt“ an
Welche Flächen kommen infrage, um Wasser einzuleiten? Um den Druck und die Masse wegzunehmen? Um Varrel und Moordeich zu entlasten? Für die am Wochenende getroffenen Maßnahmen habe die Gemeinde aus den Erfahrungen beim Hochwasser 1998 gelernt, sagte Wilken. „Es hat alles so gewirkt, wie wir uns im Vorfeld Gedanken gemacht haben.“
Laut Korte hatte die Gemeinde das Wasser zunächst an zwei Stellen kontrolliert ins Überflutungsgebiet geleitet: am Ströhener Weg und „In den Barken“. Später wurde an der Moordeicher Landstraße (Zur Wisch) ein Entwässerungskanal aufgestaut, um Varrel zu entlasten. Die Sicherung der Deiche sei in Absprache mit Fachberatern des THW erfolgt. 150 Feuerwehrleute seien im Einsatz gewesen.
In Moordeich und Varrel konnte das Abwassser nicht mehr abgepumpt werden. Und das, obwohl die Pumpstationen am Limit arbeiteten, wie Korte berichtete. Die Station an der Grünen Straße etwa pumpe täglich 2 500 statt wie üblich 500 Kubikmeter Wasser. Doch gegen die Hochwasserlage komme „kein Pumpensystem der Welt“ an, sagte der Bürgermeister. „Dafür gibt es keine technische Auslegung.“ Dass die Pumpstationen durchgehalten hätten, sei schon gut, sagte Wilken.
Feuerwehr richtet Befehlsstelle in Stuhr ein
Mehrere Quadratkilometer der Gemeinde seien überflutet, sagte Korte. Das könne nicht ohne Folgen für private Haushalte bleiben, von denen viele nicht über Rückstauklappen oder Rückstauschleifen verfügten. Korte appellierte an die Eigentümer, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. In Bremen sei man dazu verpflichtet.
Nach Auskunft von Gemeindebrandmeister Michael Kalusche hat sich die Feuerwehr die Wassermengen bei der ersten Alarmierung zur Grünen Straße nicht erklären können. Erst der Einsatz von Drohnen der Kreisfeuerwehrbereitschaft Nord habe Licht ins Dunkel gebracht. „Als die Lage immer mehr eskalierte, haben wir eine Befehlsstelle in Stuhr eingerichtet, um die Leitstelle zu entlasten.“
Außerdem habe die Feuerwehr zwei Brandmeister vom Dienst eingesetzt, die sich Überflutungen bei privaten Haushalten angesehen hätten. „Oft können wir aber nicht viel machen, wenn das Wasser aus dem Kanal zurückgeschickt wird“, erklärte Kalusche. Bis auf die Brinkumer Feuerwehr, die für den Grundschutz zurückgehalten worden sei, seien alle Truppen im Einsatz gewesen.
Insgesamt 15000 Sandsäcke befüllt und eingesetzt
Die gute Nachricht: Verletzte hat es laut Kalusche nicht gegeben. „Außer den Partnern, die alleine vor dem Gänsebraten saßen.“ Dass der Bauhof und die Heiligenroder Firma Hackfeld die Feuerwehr mit der Lieferung von Sandsäcken unterstützten, sei eine große Hilfe gewesen, sagte Kalusche. Insgesamt seien 15 000 Sandsäcke befüllt und eingesetzt worden. Traktoren von Feuerwehrmitgliedern oder deren Verwandten und Bekannten hätten die Säcke die letzten 250 Meter zu den Schadstellen gebracht.
Ob eine zügigere Umsetzung der Maßnahmen zum Hochwasserschutz in Heiligenrode die Situation am Wochenende entspannt hätte, wollte Korte nicht kommentieren: „Ich bereite nicht die Vergangenheit auf. Das ist nicht meine Aufgabe. Als ich als Bürgermeister angefangen habe, sind wir das angegangen.“ Der Landkreis habe jetzt den Planfeststellungsbeschluss gefasst. „Es kann losgehen. Im kommenden Jahr werden wir die Planungsaufgaben erfüllen, spätestens 2025 mit den Baumaßnahmen beginnen.“
Für Kalusche ist das aktuelle Hochwasser eine „außergewöhnliche Lage. Ich kann mich auf alles vorbereiten, doch beim nächsten Mal läuft es wieder völlig anders. Die Hochwassersituation haben wir glücklicherweise ohne größere Schäden abarbeiten können.“
Bei Bewohnern, deren Hilfsangebote die Feuerwehr abgelehnt hatte, bat Korte um Verständnis: „Dafür müsste der Landkreis den Katastrophenfall ausrufen. Erst wenn er das tut, können wir Privatpersonen zur Unterstützung rekrutieren. Das war nicht der Fall.“
Rubriklistenbild: © Rainer Jysch

