VonMelanie Russschließen
Archäologen untersuchen 80 Jahre nach den ersten Ausgrabungen wieder die 5000 Jahre alte Moorsiedlung Hunte 1 am Dümmer und machen eine spektakuläre Entdeckung: Die Siedlung, ohne die größte erhaltene in Norddeutschland aus der Jungsteinzeit, war weitaus größer, als bislang angenommen.
Lembruch – Die Wiesen liegen unscheinbar beidseits der Hunte. Nur die rot-weißen Pflöcke und die Handvoll Menschen, die kleine ausgehobene Schächte akribisch untersuchen, deuten darauf hin, dass sich im Untergrund etwas Besonderes verbirgt. Dort, nördlich des Dümmers in Lembruch, unter dem heutigen Grünland befand sich vor rund 5000 Jahren die frühsteinzeitliche Siedlung Hunte 1. Gut 80 Jahre nach den ersten Ausgrabungen sind aktuell wieder Archäologen vor Ort – und haben eine in wissenschaftlicher Hinsicht spektakuläre Entdeckung gemacht: „Wir dürfen davon ausgehen, dass die Siedlung weitaus größer war, als bislang angenommen“, berichtet Ausgrabungsleiter Dr. Jan Piet Brozio.
Während der Ausgrabungen des Archäologen Hans Reinerth zwischen 1938 und 1940 wurden laut Dr. Marion Heumüller, Moorarchäologin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, auf einem rund 4200 Quadratmeter großen Areal Reste von 24 Häusern und einer sie umgebenden Palisade der zwischen 3300 und 2000 v. Chr. bestehenden Siedlung freigelegt. Im Rahmen des aktuellen Forschungsprojekts der Christian-Albrechts-Universität Kiel in Kooperation mit dem Landesamt entdeckten die Wissenschaftler um Brozio per Georadar in einigem Abstand weitere Holzstrukturen im Untergrund. Bei zwei Stichgrabungen legten sie Teile eines weiteren Palisadenrings frei, die den Verdacht einer deutlich größeren Siedlung bestätigen.
Das Forschungsprogramm der Uni, das neben Hunte 1 weitere Siedlungen umfasst, befasst sich speziell mit gesellschaftlichen Veränderungen und Transformationsprozessen in der Jungsteinzeit. Die Hunte-Siedlung eignet sich dafür besonders gut. Was sie so einzigartig macht, ist ihr Standort im Niedermoor. Denn nur dank des ständig wassergesättigten Bodens blieb organisches Material wie Holz und Knochen erhalten, das bei vielen anderen Fundstellen die Zeit nicht überdauerte. So existieren im Hunte-Dorf noch heute ein Teil der Bauhölzer und des Zauns und ermöglichen Rückschlüsse auf die Bauweise der Häuser. Ein originalgetreues Modell eines Hauses aus dieser Siedlung entsteht derzeit nur wenige Kilometer weiter neben dem Dümmer-Museum. Auch Essensreste, Feuerstellen und Pollen, die Erkenntnisse über den Pflanzenbestand liefern, blieben erhalten. Wie wichtig die feuchte Umgebung ist, merken die Archäologen, wenn sie einzelne Bereiche zur Untersuchung trocken legen. „Man kann buchstäblich sehen, wie sich das Holz zersetzt“, beschreibt es Jan Piet Brozio.
Zunächst ging es bei der neuerlichen Erforschung laut Dr. Brozio aber darum, die jungsteinzeitliche Siedlung überhaupt zu lokalisieren. Denn die Unterlagen der Reinerth-Ausgrabung gingen größtenteils verloren, außerdem war keineswegs sicher, dass die Siedlungsreste immer noch existieren. Entsprechend groß war die Freude, sie in einem noch immer exzellenten Zustand vorzufinden.
Unter denen, die sich am Dienstagnachmittag auf Einladung des Landesamtes über die Geschichte des Hunte-Dorfs und die aktuellen Ausgrabungen informieren ließen, waren auch Hermann und Dore Fenneker. Eine der beiden Flächen befindet sich seit elf Generationen im Besitz ihrer Familie. Für den 82-Jährigen sind die aktuellen Ausgrabungen eine Möglichkeit, mehr über die Geschichte dieses Fleckchens Erde zu erfahren. Denn das große Interesse seines Vaters für Archäologie teilte er nach eigener Aussage in jüngeren Jahren nicht. Und als er später Fragen hätte stellen wollen, gab es niemanden mehr, der sie hätte beantworten können. „Es hat uns gefreut, dass sie hier noch mal was tun“, sagt er zu den neuen Ausgrabungen.
In wenigen Tagen ist die Arbeit der Wissenschaftler vor Ort vorerst getan. Die gesammelten Fundstücke und Proben werden dann analysiert und neu datiert. Die Auswertung, die „Archäologie am Schreibtisch“, wie es Brozio nennt, nehme etwa dreimal so viel Zeit in Anspruch wie die Ausgrabung selbst, berichtet er. „Wir werden uns die Daten in Ruhe anschauen.“ Und anschließend kommen sie vielleicht zurück. Denn Brozios Hoffnung ist, auf dem Areal die Überreste eines von früheren Ausgrabungen noch unberührten Hauses zu finden, das die Archäologen nach heutigen wissenschaftlichen Standards freilegen können. Es würde ihnen ermöglichen, noch besser zu verstehen, wie die Menschen damals gelebt haben.
Moorsiedlung Hunte 1: Ein Hotspot der Besiedlung in der Jungsteinzeit
Die jungsteinzeitliche Moorsiedlung Hunte 1 nördlich des Dümmers in Lembruch ist ein in Fachkreisen berühmter Fundplatz, denn sie ist in ganz Norddeutschland die einzige erhaltene Siedlung dieser Größe. Während der Reinerth-Ausgrabung von 1938 bis 1940 entdeckten die Ausgräber neben den Holzstrukturen knapp 40.000 Fundobjekte aus dem täglichen Leben der Dorfbewohner, Geräte aus Feuer- und Felsgestein, mehrere tausend Keramikscherben, hunderte Knochen-, Geweihartefakte, Holzwerkzeuge und Schmuckstücke aus Bernstein. Die Uferzonen der Hunte, die den Dümmer von Süden nach Norden durchströmt, waren laut Moorarchäologin Dr. Marion Heumüller ein „Hotspot der Besiedlung“ – sowohl für die späten Jäger und Sammler der Mittelsteinzeit als auch für die frühen Bauern und Viehzüchter der Jungsteinzeit. Denn sie boten eine reizvolle Landschaft. Verschiedene Biotope – See, Seeufer mit Schilfzonen, Fluss und Bruchwald – grenzten aneinander und gewährten ein breites Nahrungsangebot.




