Syker Energie-Experte wünscht sich weniger Bürokratie beim Klimaschutz

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Ralf Borchers setzt sich für eine regenerative Energie-Planung ein, im privaten wie im öffentlichen Sektor.
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Ralf Borchers macht sich so seine Gedanken. Durchaus auch weit links und rechts seines eigentlichen Tätigkeitsfelds als Experte für klimaneutrales Bauen und Vorstand der Genossenschaft Bürgerenergie.

Syke – Vor fünf Jahren hatten wir in einem großen Artikel dargestellt, vor welchen Herausforderungen Borchers eine kleine Stadt wie Syke angesichts des Klimawandels sieht. Heute ziehen wir Zwischenbilanz: Was ist von seinen Erwartungen eingetreten? Was nicht? Und haben sich die Herausforderungen geändert?

Ralf Borchers ist Diplom-Ingenieur und Energiefachmann. Seit vielen Jahren setzt er sich für eine regenerative Energie-Planung ein, im privaten wie im öffentlichen Sektor. 2008 war er Mitbegründer der Genossenschaft Bürgerenergie, seit 2011 ist er Gutachter für energetische Sanierungen. Und als Bauträger plant, entwickelt und vermarktet er extrem energieeffiziente Wohnbauten. Und so macht er aus seiner Perspektive viele verschiedene Erfahrungen mit dem Klimaschutz in der Theorie und in der praktischen Umsetzung.

Größtes Hindernis zum Klimaschutz sind die Menschen

Größtes Hindernis zum Klimaschutz sind für Ralf Borchers damals wie heute die Menschen. Denn die reden zwar viel, tun aber nur wenig. „Wir hatten Fridays for Future, wir haben die Last Generation. Aber die ändern ja nichts. Ob ich nun mit 10 000 Menschen auf die Straße gehe oder nicht. Die können noch tausendmal demonstrieren, aber die verändern nichts an der Politik.“

Dafür fehlt es für Borchers schlichtweg allgemein an der Überzeugung. Ein Beispiel: „Ich habe damals davon gesprochen, dass wir in Richtung Autarkie gehen müssen.“ Heißt: Jedes Haus gewinnt die Energie, die es verbraucht weitestgehend selbst, und das möglichst aus regenerativen Quellen. „Durch die Katastrophe des Kriegs in der Ukraine und die daraus resultierenden hohen Energiepreise merken die Leute: Wie müssen was machen, und legen sich Photovoltaikanlagen aufs Dach. Aber das ist ja nicht durch den Klimawandel bedingt, sondern nur, weil sie es im Portemonnaie spüren.“

Dahinter steckt nur ein künstlich erzeugter plötzlicher Boom

Aber kann es ihm nicht egal sein, ob Leute Klimaschutz aus Überzeugung betreiben oder „nur“ aus wirtschaftlichen Erwägungen? Hauptsache, die Leute erzeugen regenerative Energie? – Nein, sagt Borchers. Weil dahinter keine gesunde langfristige Entwicklung steckt, sondern ein künstlich erzeugter plötzlicher Boom. Und der hat negative Folgen.

„Zum Beispiel sind PV-Anlagen heute deutlich teurer als vor einem Jahr“, sagt Borchers. „Und es tummeln sich zunehmend Firmen am Markt, die von der Sache gar keine Ahnung haben und nur auf Teufel-komm-raus verkaufen wollen. Früher habe ich mit Elektro-Ingenieuren gesprochen. Heute spreche ich mit Leuten, die zuletzt eine Shisha-Bar betrieben haben.“

Zweiter großer Hemmschuh: die behördliche Regelungswut

Zweiter großer Hemmschuh: die behördliche Regelungswut. „Wir haben es als Energie-Genossenschaft ja selbst erlebt“, sagt Borchers und erzählt: Die Genossenschaft hat ihre PV-Anlagen vorwiegend auf Dächern öffentlicher Einrichtungen gebaut. Konkret: Auf Dächern, die der Stadt gehören. Die Stadtverwaltung muss selbst aber immer neue bauliche Auflagen übergeordneter Behörden erfüllen, vor allem zum Thema Brandschutz. „Wir waren daher gezwungen, bestimmte Bauteile unserer Anlagen aus Brandschutzgründen einzuhausen. Damit war aber eine vernünftige Belüftung nicht mehr möglich. Die Teile sind überhitzt und kaputtgegangen.“ Bis die Genossenschaft die Reparaturkosten wieder drin hat, dürften fünf bis sechs Jahre vergehen, schätzt Borchers.

Generell ist Entbürokratisieren das, was Ralf Borchers’ Ansicht nach am dringendsten erforderlich ist. „Das Planverfahren für ein Windrad dauert im Durchschnitt acht Jahre“, sagt er. Und: „Die Unterlagen für die Baugenehmigung umfassen 18 Aktenordner.“ Das weiß Borchers aus eigener Erfahrung. Die Genossenschaft plant gerade, eins in Bruchhausen-Vilsen zu bauen.

Das sind laut Ralf Borchers die Unterlagen – in geforderter dreifacher Ausfertigung – für die Genehmigung eines einzigen Windrads.

Und dann wäre da noch das Thema Kosten: Durch Material- und Personalknappheit hat sich das Bauen ohnehin schon verteuert. Klimafreundlich oder gar klimaneutral bauen ist noch mal deutlich teurer als konventionelles Bauen – diese Mehrkosten kommen noch obendrauf. Folge: Das, was eigentlich passieren müsste, passiert nicht. Womit wir wieder beim Thema Energieautarkie wären.

Vor Corona hat Borchers am Steinkamp so ein energieautarkes Wohnhaus bauen wollen. „Das ist jetzt ein ganz normales KfW-40-Haus geworden. Weil autark nicht bezahlbar war und die Käufer etwas anderes wollten.“

In Kirchweyhe hat Borchers so einen Bau mit etwas anderem Konzept umgesetzt. Seine Erfahrung daraus: Völlig energieautark funktioniert noch nicht. „Es geht zu 70 Prozent“, sagt er. „Aber ich glaube, dass wir in den nächsten fünf Jahren auf 100 Prozent kommen.“

Klimaschutz ist ein Drama - Das Drama ist gelaufen

Wird er das noch aktiv mitgestalten? Immerhin ist Ralf Borchers inzwischen im Rentenalter. „Ja“, sagt er. Denn er hat noch Ziele. Mit der Bürgerenergie, vor allem. Die würde er gerne an den Stadtwerken beteiligen und damit an den Strom- und Gasnetzen. Die Idee dahinter: „Sich am Regel-Energiemarkt beteiligen, und am Ende kommt dann ein Gewinn für alle dabei raus.“

Für wie realistisch hält er das? Borchers schmunzelt. „Elon Musk sagt: Ich will zum Mars fliegen. Und Ralf Borchers sagt eben: Ich möchte die Netzbeteiligung.“

„Klimaschutz ist ein Drama“, hatte Borchers vor fünf Jahren gesagt. Und heute? „Das Drama ist gelaufen“, sagt er. „Der Klimawandel ist schon da. Die Veränderungen werden kommen und wir werden uns damit abfinden müssen.“ Das klingt nach Resignation. „Man kann ja trotzdem weiterkämpfen“, sagt Borchers und spricht von Don Quijote und den Windmühlen. „Wir können ja in fünf Jahren noch mal drüber sprechen.“

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