Borco Höhns auf dem Weg zur Vier-Tage-Woche

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Andreas Elsässer (l.) und Gerrit Volger von Borco Höhns in Rotenburg glauben, dass mit dem neuen Arbeitszeitmodell alle Beteiligten profitieren.
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Der Rotenburger Fahrzeugbauer Borco Höhns möchte perspektivisch die Vier-Tage-Woche einführen. Als ersten Schritt hat die Belegschaft ab September jeden zweiten Freitag frei. Laut Gewerkschaft hat das Vorhaben bundesweit Leuchtturmcharakter für Produktionsbetriebe.

Rotenburg – Ob man nicht genug zu tun hätte? Diese Frage hat Andreas Elsässer eigenen Worten nach in den vergangenen Tagen häufiger beantworten müssen. Der Geschäftsführer von Borco Höhns lehnt sich zurück und lächelt. Sein Kaufmännischer Leiter Gerrit Volger springt ein: Im Gegenteil, die Auftragsbücher beim Rotenburger Hersteller von Verkaufsfahrzeugen seien mehr als ein Jahr im Voraus voll.

Dennoch möchte der Betrieb, immerhin Marktführer, neue Wege bei Arbeitszeitmodellen gehen. Ab September haben die rund 230 Mitarbeiter jeden zweiten Freitag frei, wenn es gut läuft, möchte man die Vier-Tage-Woche einführen. Für einen Produktionsbetrieb wie Borco Höhns ist das bundesweit Neuland. Das sagt auch die Gewerkschaft IG Metall, die die Firma auf dem Weg begleitet.

Viele offene Fragen geklärt

„Natürlich haben wir das nicht neu erfunden“, sagt Elsässer. In anderen europäischen Ländern wie Belgien oder den Niederlanden sei die Vier-Tage-Woche etablierter. Er selbst sei auf das Thema gekommen, nachdem er von der Vier-Tage-Woche bei einem Internetgiganten gelesen hatte. Er sei schnell interessiert gewesen. Aber: „Im Büro geht das ja einfach umzusetzen. Aber wie kann das in einem Produktionsbetrieb funktionieren?“ Darüber habe man intern erstmal eine Weile diskutiert, ehe man beschloss, es einfach auszuprobieren, sich ranzutasten.

Einfacher Gedanke, aber die Umsetzung sei dann doch etwas komplizierter gewesen. Schließlich müsse der Kundensupport an den freien Tagen gewährleistet sein, nennt Volger ein Beispiel. Zudem mussten arbeitsrechtliche Fragen beantwortet und die Arbeitszeit irgendwie ausgeglichen werden. Volger spricht daher „ehrlicherweise von einer Umverteilung“.

Das ist Borco Höhns

Im Jahr 1954 als Fabrik für Agrar- und Pkw-Anhänger gegründet, ist Borco Höhns eigener Darstellung nach Marktführer im mobilen Verkauf in Deutschland. Rund 10 000 Kunden hat das Unternehmen demnach aktuell in Deutschland. Am Sitz in Rotenburg werden die Verkaufsfahrzeuge- und anhänger im eigenen Fahrzeugwerk komplett konzipiert und gefertigt. Rund 230 Mitarbeiter sind bei Borco Höhns beschäftigt. Man sei in den vergangenen drei Jahren von Umsätzen von etwa 30 Millionen auf zuletzt knapp 40 Millionen Euro gewachsen, teilt der Betrieb mit. In den vergangenen beiden Jahren habe man in Rotenburg rund drei Millionen Euro in ein neues Holzbearbeitungszentrum, in die Digitalisierung und in die Fortbildung seiner Mitarbeiter investiert.

Noch im April 2019 musste das Fahrzeugwerk beim zuständigen Amtsgericht in Walsrode ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragen. Ein Jahr später war die unternehmerische Schieflage allerdings wieder abgewendet.

Aber im Grunde ist in Zusammenarbeit mit der IG Metall dann Folgendes herausgekommen: Man startet mit einer 4,5-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich, die Mitarbeiter bekommen in allen ungeraden Wochen freitags frei, arbeiten dafür montags bis donnerstags eine halbe Stunde länger. Dazu gibt es seit diesem Monat fünf Prozent mehr Lohn. Das probiert man erstmal ein Jahr lang aus. „Wir brauchen etwas Zeit und werden auch Fehler machen“, sagt Geschäftsführer Elsässer, glaubt aber trotzdem an einen Erfolg.

Anstrengender Job sorgt für Herausforderungen

Danach könnte es theoretisch mit der Vier-Tage-Woche losgehen. Doch „da liegt die Krux“, wie Volger es nennt. Bleibt es bei der Umverteilung, könne es von der Kraft her bei den Mitarbeitern kritisch werden, selbst wenn man an Wochenenden einen Tag mehr zur Erholung hat. Immerhin hätten die meisten bei Borco Höhns einen körperlich anstrengenden Job, zudem gebe es einen relativ hohen Altersschnitt von etwa 50 Jahren.

Hier liegt der Grund, warum sich Borco Höhns überhaupt auf diesen Weg macht. „Es wäre gelogen, wenn wir sagen, dass wir uns nichts davon versprechen“, sagt der Kaufmännische Leiter Volger. Nicht nur, dass zufriedenere Arbeiter produktiver seien, man suche händeringend nach Personal. Der Fachkräftemangel sei auch in dieser Branche ein Problem, und der hohe Altersschnitt deute es bereits an: In nächster Zeit gehen beim Rotenburger Fahrzeugbauer viele in Rente, Elsässer spricht von etwa 30 in den kommenden fünf Jahren.

Das neue Arbeitszeitmodell sei dabei neuer Bestandteil eines Gesamtpakets an Leistungen, mit dem man neue Mitarbeiter gewinnen möchte. Volgers Formel: „Wir bauen die besten Fahrzeuge, dafür brauchen wir die besten Mitarbeiter, und für sie brauchen wir die besten Argumente.“ Konkurrenz um die besten Arbeitskräfte in der Branche gibt es nicht nur in Rotenburg selbst, sondern auch in Bremen bei Mercedes-Benz.

Gewerkschaft spricht von „Leuchtturm“

Bei der Gewerkschaft IG Metall spricht man bei Borco Höhns nun über einen „Leuchtturm“. „Die Arbeitgeberseite ist aktiv auf unsere Seite zugegangen und hat den Dialog über einen Weg in die Vier-Tage-Woche gesucht“, so Stefanie Gebhardt, Gewerkschaftssekretärin in Bremen. Der neue Tarifvertrag sei zukunftsweisend. „Mit dieser Regelung zur Arbeitszeit betreten wir gemeinsam tarif- und betriebspolitisches Neuland.“ Borco Höhns lässt diesen Probelauf wissenschaftlich begleiten – unter anderem von der International Labour Organisation in Genf.

Einen ersten kleinen Erfolg hat Borco Höhns schon verbuchen können. Das Vorhaben spreche sich laut Volger rum, genieße eine gewisse Medienaufmerksamkeit, und auch unter der Hand werde man darauf angesprochen. Das Ergebnis: in einer Woche drei neue Bewerber.

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