Mehr Berufsverkehr: Pendlerwelle rollt auf Verden und Achim zu

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Starkes Wachstum: Die Pendlerströme im Landkreis Verden.
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Inzwischen muss jeder zweite Berufstätige die Kreisgrenzen passieren. Starke Zuwächse verzeichnen vor allem die Städte im Landkreis Verden.

Verden – Gemütlich mit dem Fahrrad zur Arbeit, vielleicht eine der neuen Fahrradstraßen nutzen. Eine schöne heile Welt, die Klimaschützer und jene, die es werden wollen, beschreiben. Eine Tour innerhalb sozusagen des eigenen Wohnortes. Ein Idealzustand. Aber mit der Realität hat das wenig zu tun. Die Pendlerströme in die beiden Städte des Landkreises Verden haben massiv zugenommen.

Und das trotz Corona und Homeoffice. Innerhalb von nur drei Jahren legte die Stadt Achim um rund 2 200 Einpendler zu, die Stadt Verden um rund 1 600. Das belegt der aktuelle Pendleratlas der Arbeitsagentur.

Aber viele sind des Fahrens zur Arbeitsstelle müde, des Einreihens in die Blechlawine, die von Jahr zu Jahr wächst und wie berichtet zu immer neuen Rekorden führt. Offizielle Erhebungen gibt es nicht dazu, wohl aber beiläufige Aussagen. Es ging um die ersten Schritte zum neuen Borsteler Baugebiet. Auf dem Gelände der Gärtnerei Lienhop sollen den aktuellen Plänen zufolge irgendwann rund hundert Wohneinheiten entstehen. Die Menschen aus der Ortschaft selbst fassen das kommende Angebot schon ins Auge. Eine ideale Möglichkeit sei es, in kleinere vier Wände zu ziehen, ohne Borstel im Alter verlassen zu müssen. Diese Interessenten haben sich auf einen Wettbewerb einzustellen. „Wir dürfen die Menschen nicht vergessen, die in Verden in jüngster Zeit einen Arbeitsplatz gefunden haben, und nun ihren Lebensmittelpunkt in die Stadt verlagern wollen“, sagte Birgit Koröde, Leiterin des Fachbereichs Stadtentwicklung im Rathaus. Der Druck wachse.

Und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Betriebe der Allerstadt haben wie berichtet erstmals die Marke von 20 000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen überschritten. Und dann kommen rund 6 000 Beschäftigte in den Behörden dazu. Strecken wie die Bremer Straße mit 18 000 Fahrzeugen pro Tag und die Lindhooper Straße mit einer Blechlawine von mehr als 12 000 Autos innerhalb von 24 Stunden kommen nicht mehr zur Ruhe.

Ein Ende des Pendlerstromes, zumindest ein schwächer werdender Zuwachs, er ist nicht in Sicht. Trotz des massiven Anstiegs an Arbeitsplätzen im gesamten Landkreis Verden finden nicht alle Menschen aus dem Raum zwischen Ottersberg und Dörverden einen Job in ihrem Heimatlandkreis. Laut Arbeitsagentur leben in der Region Verden/Achim rund 57 100 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Ausgewiesen sind aber „nur“ 52 700 Arbeitsstätten. Heißt: Der rechnerische Pendlersaldo liegt bei minus 4400. Fast die Hälfte aller Arbeitnehmer aus dem Landkreis pendeln in eine andere Region, genaugenommen atemberaubende 49 Prozent. Als Einpendler in den Landkreis kristallisieren sich 44 Prozent der Beschäftigten heraus. Und drei Viertel davon, sagt die IHK, sind im Auto unterwegs.

Vor einigen Jahrzehnte noch war die Lage überschaubar. Gewohnt wurde in Achim, in Oyten, in einer der anderen Kommunen des Speckgürtels, und gearbeitet wurde in Bremen. Jetzt beginnt sich die Lage zu drehen. Zwar fahren immerhin noch rund 15 600 Beschäftigte in die Hansestadt, aber es sind bereits rund 7100 Kräfte, die die umgekehrte Strecke zurücklegen. Einer der großen Wegbereiter dieses neuen Trends war Amazon in Achim. Innerhalb kürzester Zeit mussten 2000 Stellen besetzt werden, ein Großteil pendelt seither von Bremen herüber.

Ungewöhnliche Dimensionen hat derweil die Einpendlerschar nach Verden gewonnen. Nicht weniger als 200 Herkunftsorte schlagen zu Buche. Pfaffenhofen an der Ilm? Die Arbeitsagentur hat in ihren Listen zehn Personen aufgespürt, die aus dem Münchener Norden anreisen, vielleicht nicht täglich, aber immerhin doch gelegentlich. Böblingen und Reichelsheim sind weitere Exoten. Gleichzeitig sind eine Reihe von Großstädten dabei. 70 Einpendler kommen aus Berlin, jeweils zehn aus München, Köln und Düsseldorf.

Von Heinrich Kracke

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