Unterbringung Geflüchteter ‒ Sind Turnhallen noch zu vermeiden?

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Das ehemalige DRK-Altenheim in Bruchhausen-Vilsen fungiert derzeit als Sammelunterkunft. Noch biete es Platz für weitere Personen.
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    Frank Jaursch

Mehr Geflüchtete und knapper Wohnraum stellen Kommunen vor Probleme. Sammelunterkünfte in Turnhallen wollen aber alle Verwaltungen vermeiden.

Landkreis Diepholz – Im Krieg in der Ukraine hat die russische Armee zuletzt verstärkt zivile Ziele ins Visier genommen. Weiterhin fliehen Menschen vor dem Krieg in Osteuropa – aber auch vor anderen Konflikten. Einige von ihnen finden – ob direkt oder über Umwege – ihren Weg in den Landkreis Diepholz.

Bis zu 2071 Schutzsuchende sollen in den kommenden 6 Monaten aufgenommen werden

Die Unterbringung von Flüchtlingen bringt einige Kommunen in Deutschland an ihre Grenzen. Mitunter müssen Schutzsuchende in Turnhallen und Dorfgemeinschaftshäusern unterkommen. Auch in Niedersachsen gibt es Beispiele dafür.

Auf derartige Notunterkünfte mussten die Städte und Gemeinden im Landkreis Diepholz bislang nicht zurückgreifen. Gleichwohl steige „die Wahrscheinlichkeit der Unterbringung in Sammelunterkünften“ aufgrund der schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt täglich, berichtet Landkreis-Sprecherin Anne-Katrin Beimforde. Dem knappen Wohnraum stehe die Zahl 2 071 gegenüber. Mit so vielen Schutzsuchenden verschiedener Nationalitäten müsse der Landkreis laut Landesaufnahmebehörde im kommenden halben Jahr rechnen.

Laut Kreisverwaltung ist anzunehmen, dass Sammelunterkünfte zunächst in den urbanisierten Bereichen erforderlich werden können. Dort dürfte zusammenkommen, dass die Aufnahme-Quoten sich nach der Einwohnerzahl der Städte und Gemeinden richten – und dass Wohnraum gerade im Nordkreis rar und teuer ist.

Sykes Bürgermeisterin Suse Laue spricht für ihre Kommune von einer „recht hohen“ Quote für das Frühjahr – und wird konkret: „Wir sollen Unterkünfte für weitere 224 Menschen bereithalten.“

Wohnungsmangel insbesondere im Nordkreis ein Problem

Derzeit sei die Lage noch zu bewältigen, so Laue. Durch die Möglichkeit, Geflüchtete in Wessels Hotel (im Eigentum der Stadt) unterzubringen, und das Anmieten einer Reihe von Wohnungen stünden im Augenblick rund 60 Plätze zur Verfügung. „Wir sind dabei, weiteren Wohnraum anzumieten“, so Laue. Alles mit dem Ziel, eines zu vermeiden: die Unterbringung in Turnhallen. „Das“, so ist sich die Syker Verwaltungschefin sicher, „ist für alle furchtbar.“

Die Unterkünfte seien „nicht feudal“ und müssten zum Teil von der Verwaltung mit Möbeln bestückt werden. Für die Aufgabe hat die Stadt Syke ihr Personal aufgestockt – mit einer Hausmeisterstelle und aufgestockten Wochenstunden weiterer Mitarbeiterinnen.

Die Unterbringung in Turnhallen zu vermeiden ist auch das Ziel der Gemeinde Weyhe: Sie setze alles daran, dass der „Weyher Weg“ mit dezentraler Unterbringung Geflüchteter in eigenen Wohnungen weiter beschritten werden könne, teilt Gemeindesprecher Sebastian Kelm mit. Er schränkt aber ein: „Auszuschließen ist dieses Szenario jedoch nicht.“

Nach Beginn des Kriegs waren die meisten Geflüchteten zunächst privat untergekommen. In Weyhe hat sich dieser Trend umgekehrt. „Der Anteil der in kommunalen Räumlichkeiten untergebrachten Ukrainerinnen und Ukrainer liegt mittlerweile bei 55 Prozent, Tendenz steigend“, teilt Kelm mit. Damit sei aber zu rechnen gewesen.

Gespräche über die Einrichtung einer größeren Notunterkunft in Stuhr laufen

In der Nachbargemeinde Stuhr sehe die Situation kaum anders aus, erklärt Gemeinderätin Bettina Scharrelmann: „Es gibt leider nur wenig frei werdende Wohnungen und wir finden auf dem Wohnungsmarkt kaum anmietbare Wohnungen.“ Dass es bislang mit der angemessenen Unterbringung der Geflüchteten geklappt habe, sei nur dem „herausragenden Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger“ zu verdanken.

Derzeit verfüge Stuhr noch über etwa 80 Plätze, die in den kommenden zwei Monaten hergerichtet werden könnten. Außerdem ist die Gemeinde laut Scharrelmann „aktuell im Austausch mit dem Landkreis, eine größere Notunterkunft in der Gemeinde Stuhr zu errichten“. Auf eine Anfrage an Gewerbetreibende, ob sie freie Flächen zur Verfügung stellen könnten, habe es Rückmeldungen gegeben. Ziel Stuhrs sei es aber weiterhin, gemeindeeigene Grundstücke zu verwenden. Hauseigentümer und Makler bittet Scharrelmann, sich mit der Gemeinde in Verbindung zu setzen, wenn sie helfen können.

Auch die Stadt Bassum sucht händeringend Wohnraum. Bürgermeister Christian Porsch: „Wer noch Wohnraum zu vermieten hat, kann sich gerne an uns wenden. Unter 04241/8431 oder unter abelt@bassum.de nehmen wir Angebote an. Es ist dringend.“

Bassum hat die bisherige Quote zu 97 Prozent erfüllt. „Das bedeutet konkret, dass wir 260 Personen aufnehmen müssen. 252 Menschen haben bereits in Bassum eine Unterkunft gefunden. Acht Personen kommen noch“, führt Porsch aus. 205 der Geflüchteten kämen aus der Ukraine, 47 Personen aus diversen anderen Ländern.

Bis März 2023 müssen wir nach dem neuesten Verteilungsplan noch 145 weiteren Geflüchteten Wohnraum bieten. Für diese Menschen haben wir noch keine Wohnungen.

Christian Porsch, Bürgermeister in Bassum

„Bis März 2023 müssen wir nach dem neuesten Verteilungsplan noch 145 weiteren Geflüchteten Wohnraum bieten. Für diese Menschen haben wir noch keine Wohnungen“, macht Porsch den Ernst der Lage klar. Deshalb werde der Gedanke durchgespielt, Betroffene zum Beispiel in Turnhallen oder größeren Einrichtungen wie in Bruchhausen-Vilsen unterzubringen.

Porsch tut sich mit dem Gedanken an Hallen allerdings schwer. „Es kommen hauptsächlich Frauen und Kinder.“ Den Kleinen sei das eigentlich nicht zuzumuten.

Weiteres Problem bei der Hallenlösung: „Sie brauchen einen Caterer und einen Sicherheitsdienst, auch Unterstützung professioneller Unternehmen, wie zum Beispiel DRK. Dazu stehen wir auch mit unseren Nachbarkommunen in Verbindung“, sagt Porsch.

Als große Lösung käme in Bassum die Sporthalle des Landkreises am Hallenbad in Betracht. Porsch wünscht sich allerdings, dass der Landkreis wie in Bruchhausen-Vilsen Sammelunterkünfte einrichtet, um die Last auf mehrere Schultern zu verteilen.

Kommunen betonen vertrauensvolles Miteinander untereinander und mit dem Landkreis

In der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen sind Stand 21. Oktober 371 Flüchtlinge untergebracht, 315 von ihnen stammen aus der Ukraine. 140 Ukrainer haben privat Unterschlupf gefunden. Zwei Drittel aller Flüchtlinge beherbergt die Samtgemeinde. „Die Anmietung von geeignetem Wohnraum ist derzeit Hauptaufgabe unseres Fachbereichs Ordnung“, erklärt Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann. Durch die intensive Akquise sei es gelungen, weitere Wohnungen anzumieten. Darunter seien auch größere Einheiten, die aber nicht den Charakter einer Turnhalle hätten. „Wir haben immer noch den Anspruch, die Menschen dezentral unterzubringen“, sagt Bormann.

Die Ukrainer, die in der Gemeinschaftsunterkunft (siehe Kasten) wohnen, werden auf die Quote angerechnet, die das Land bindend vorgibt. Daher rechne die Samtgemeinde Stand heute bis März 2023 „nur“ mit weiteren 74 Zuweisungen. „Für diese Entwicklung sind wir gewappnet“, so Bormann. Die Samtgemeinde sei „deutlich“ davon entfernt, Flüchtlinge in Sporthallen oder größeren öffentlichen Gebäuden unterbringen zu müssen.

Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen DRK-Altenheim in Bruchhausen-Vilsen

Die Gemeinschaftsunterkunft in Bruchhausen-Vilsen ist ein in Regie des Deutschen Roten Kreuzes betriebenes ehemaliges Altenheim. Dort ist Platz für 80 Personen. Derzeit ist das Haus zu etwa 70 Prozent belegt. Kommen Familien, können die Zimmer mit bis zu vier Personen belegt und die Kapazitäten damit weitgehend ausgeschöpft werden. Noch könne man auf verwandtschaftliche Verhältnisse Rücksicht nehmen und zum Beispiel zwei zusammengehörende Personen wie Mutter und Tochter allein in einem Zimmer unterbringen, erklärt DRK-Kreisgeschäftsführerin Ulrike Hirth-Schiller auf Anfrage. Daher seien die meisten Zimmer, nicht aber alle Betten belegt. Diese Situation könne sich bei einem deutlich ansteigenden Zulauf jedoch ändern. 

Die Aufnahme der Flüchtlinge bezeichnet Bormann als „Riesenaufgabe, die die Kommunen und der Landkreis nur im Schulterschluss hinkriegen.“ Er erinnert an die „vor Jahren“ getroffene Absprache, dass der Landkreis die Unterbringung an seine Kommunen delegiert: „Das ist gewollt und richtig und läuft wirklich gut.“

Dass sie ihre Aufnahmequoten erfüllen können, diesbezüglich ist die Sulinger Stadtverwaltung derzeit positiv eingestellt, berichtet Birgit Dullin, Leiterin des Fachbereichs I – Allgemeines und Soziales: „Aktuell konnten wir sogar ein größeres Wohngebäude anmieten, sodass wir zumindest in naher Zukunft genügend freie Kapazitäten haben.“

Ähnliches ist aus der Kreisstadt zu hören. Diepholz verfüge in angemieteten Wohnungen, Häusern oder auch Gemeinschaftsunterkünften derzeit noch über etwa 30 freie Plätze. Sollte das nicht ausreichen, gebe es einen Notfallplan.

Und insgesamt wisse man sich aufgrund des vertrauensvollen Miteinanders zwischen Kreis und Kommunen nicht allein mit den Herausforderungen.

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