Wie die Pflegebranche in Vechta gemeinsam für eine Zukunft kämpft

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Ambulante Pflegedienste helfen Menschen dabei, ihren Alltag im eigenen Zuhause aufrechtzuerhalten.
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Mit einem gemeinsamen Verein versuchen Pflegeeinrichtungen, Kliniken und Berufsschulen in Vechta, mehr Nachwuchs und Fachkräfte für die Pflege zu gewinnen. Erfolg haben sie schon, wollen aber mehr.

Vechta – Lena Fuchs wünscht sich einen Bus. Einen großen, damit alle reinpassen für die Fahrt nach Hannover. Das Ziel: die Staatskanzlei, in der Ministerpräsident Stephan Weil sein Büro hat. Und dann soll er sich mit ihnen unterhalten, über die Situation der Pflegekräfte und der Pflege insgesamt. Denn die ist miserabel – mit einigem Potenzial, noch miserabler zu werden.

Das Wichtigste an diesem Wunsch ist: Fuchs hätte den Bus mit genug Menschen füllen können, die hinter ihr stehen. Denn die Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes Pro Vita in Vechta ist Mitglied im Verein „Perspektive Pflege!“, der 32 Akteure aus der Pflegebranche im Landkreis Vechta zusammenbringt. Bislang hat der Verein keinen Bus gechartert – und stattdessen eine Ehrung der besten Fachpflegepersonen finanziert.

„Perspektive: Pflege!“ ist etwas Besonderes, weil dort Vertreterinnen und Vertreter von Einrichtungen zusammenkommen, die andernorts harte Konkurrenzkämpfe ausfechten: ambulante und stationäre Pflegedienste, Krankenhäuser und Trägerverbände. Ihnen allen mangelt es an Fachpersonal, und sie sind froh über jeden Arbeitsvertrag, den sie abschließen können. Auch Berufsbildende Schulen und der Landkreis sind Teil des Netzwerks, das 2016 entstanden ist.

Pflegebranche: Kaum geeignetes Personal für freie Jobs

Mittlerweile setzen Verein und Landkreis das vierte Projekt zu Perspektiven in der Pflege um, gefördert unter anderem mit EU-Mitteln. Die seit 2017 laufende Projektarbeit zielt darauf ab, neue Fachkräfte für die Branche zu gewinnen, das bestehende Personal zu halten und das Image der Pflegeberufe zu verbessern.

Wie nötig dieser Aufwand ist, zeigen die Zahlen: Altenpflege und die Gesundheits- und Krankenpflege führten 2021 die Liste der Berufe mit den meisten fehlenden Fachkräften in Niedersachsen an, zeigt eine Auswertung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung. Erschwerend kommt hinzu, dass es in der Altenpflege für 100 freie Stellen rechnerisch nur zehn passend qualifizierte Arbeitslose gab. Kaum besser sah es bei der Gesundheits- und Krankenpflege mit 14 verfügbaren, adäquat ausgebildeten Personen aus. Dieser Befund gilt mit leichten Abweichungen auch bundesweit.

Auch der Landkreis Vechta ist kein gallisches Dorf, wenn es um Pflegefachkräfte geht. Die Azubizahlen seien seit 2020 stark zurückgegangen, berichtet Volker Wördemann, Vorsitzender des Vereins. Die Vereinsgründung sei ein Versuch gewesen, aus den Betrieben heraus aktiv zu werden. „Jede Fachkraft, die wir gewinnen können, ist eine Entlastung für alle.“

So sieht es auch Pflegedienst-Geschäftsführerin Fuchs: „Das große Ziel, Leute für die Ausbildung zu gewinnen, haben wir alle.“ Das Netzwerk bietet die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen – zum Beispiel darüber, wie es gelingen kann, Personal aus dem Ausland anzuwerben. Ob das eine nachhaltige Lösung ist, ist offen. Manche Vorhaben scheitern, aber auch das kommt unter den Vereinsmitgliedern zur Sprache. „Der Mut, über Negativbeispiele zu berichten, kommt auch daher, dass man merkt: Es ist eigentlich schon zu spät“, meint Fuchs. „Verzweiflung eröffnet Perspektiven.“

Denn natürlich ist es eine Hürde, gegenüber der Konkurrenz zuzugeben: Das hat nicht geklappt. Vielleicht aber hilft es, das große Bild im Kopf zu haben. Da ist der demografische Wandel, der viele ältere Arbeitskräfte ausscheiden und jüngere nur in geringerer Zahl nachkommen lässt. Da ist die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen. Da sind die steigenden Pflegekosten, die für mehr Nachfrage im ambulanten Bereich sorgen. Und, nicht zuletzt, das oft schlechte Image des Pflegeberufs.

„Da ist Pflege, komm, wir gehen weiter“ – das habe sie immer mal wieder auf Berufsmessen für Schülerinnen und Schüler gehört, erzählt Fuchs. Es sei wichtig, gerade die Elterngeneration über die positiven Möglichkeiten des Berufs aufzuklären. Für den Verein ist mittlerweile Projektkoordinator Gil Werner regelmäßig auf solchen Veranstaltungen und kann dabei – ein weiterer Vorteil des Zusammenschlusses – über verschiedene Ausbildungs- und Einsatzorte informieren.

In die Pflege? Nein danke, sagen viele

Aber auch bei den Kundinnen und Kunden sei das Bewusstsein für den Wert der Dienstleistung Pflege teilweise gering ausgeprägt, meint Fuchs. Das zeigten Vorfälle aus dem Arbeitsalltag: Menschen, die ihren Zahnarzttermin genau auf die Zeit legen, in der normalerweise der Pflegedienst kommt, und dann verlangen, dass nach ihren Wünschen umgeplant wird. Oder ein Zettel an der Tür: „Habe mich schon selbst versorgt“ – und später dann die Empörung, wenn ein Ausfallhonorar berechnet wird. Auch das sei Teil des Imageproblems, das die Pflege habe, sagt Fuchs: dass sie am besten nichts kosten darf.

Für das Vechtaer Netzwerk gibt es noch viele Ideen, wie eine engere Kooperation funktionieren könnte. Teilweise werden sie bereits erprobt: Zum Beispiel interne Absprachen zwischen Berufsschule und Pflegeeinrichtung, wenn ein Schüler noch einen Ausbildungsplatz braucht. Oder wenn es darum geht, welche Forderungen Bewerberinnen und Bewerber stellen können.

Und darüber hinaus? Braucht es einen Bus nach Hannover, oder gleich nach Berlin. „Politisch ist es wichtig, ein Sprachrohr zu sein“, sagt Fuchs über den Verein. Denn: „Pflege geht nicht unbedingt auf die Straße.“ Aber, meint Pflegedienstlerin Fuchs: Sie sollte.

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