VonLucia Gefkenschließen
„New Work“ lautet der magische Begriff, der die Bedürfnisse der Mitarbeiter in den Vordergrund stellt. Dieses „neue Arbeiten“ geht nicht selten mit einer ausgewogenen Work-Life-Balance einher, welche unter anderem mit einer Vier-Tage-Woche erreicht werden soll.
Rotenburg – Vier Tage arbeiten, drei Tage frei – das klingt für viele Arbeitnehmer attraktiv, für Arbeitgeber oft eher nach Unproduktivität und Insolvenz – und für manch einen Arbeitsplatz scheint das Modell gänzlich utopisch zu sein, denn insbesondere der Fachkräftemangel macht eine Reduktion der Arbeitstage derzeit in vielen Branchen unrealistisch.
Weniger Arbeiten, gleicher Lohn
Trotzdem gibt es Vorreiter im Landkreis Rotenburg, die neue Wege gehen. Ein Unternehmen, das bereits seit 2022 diesen Pfad zu mehr Freizeit für die Mitarbeiter beschreitet und damit große mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, ist der Fahrzeugbauer Borco Höhns in Rotenburg. Im September 2022 startete das Unternehmen mit einer 4,5-Tage-Woche. Dazu wurde die reguläre Arbeitswoche im Schnitt von 37 Stunden auf 36,5 Stunden reduziert, bei vollem Lohnausgleich.
Die Angestellten – auch in der Produktion – arbeiten seither montags bis donnerstags 8,5 Stunden und haben jeden zweiten Freitag frei. Langes Arbeiten am Freitag fällt generell weg. „Durch den freien Tag wollten wir uns als Arbeitgeber attraktiver machen“, erklärt Geschäftsführer Gerrit Volger die Idee dahinter.
Kein abschließendes Fazit möglich
Auf die Frage, ob sich das Modell in den vergangenen zwei Jahren bewährt hat, möchte Volger weder positive noch negative Rückschlüsse ziehen. „Zwischendurch mussten wir Kurzarbeit anmelden, aber auch aufgrund von größeren Materiallieferungen kurzzeitig auf eine Fünf-Tage-Woche aufstocken, daher ist ein aussagekräftiges Fazit zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich“, fasst der 44-Jährige die turbulenten zwei Jahre zusammen.
„Mehr Bewerber und viel positives Feedback von Mitarbeitern konnten wir aber definitiv feststellen.“ Damit hat das Unternehmen mit der Einführung einer 4,5-Stunden-Woche das gewünschte Ziel erreicht: mehr Attraktivität. In Zeiten des Fachkräftemangels ein großer Vorteil.
Dass der Schritt zu weniger Arbeitsstunden oder -tagen nicht immer leicht ist, weiß Volger. Auch für Teilzeitkräfte muss bei einer Stundenreduzierung ein klares Modell gefunden werden. „Die Teilzeitkräfte bekamen anteilig mehr Gehalt, eine Reduzierung der Stunden machte bei den meisten keinen Sinn.“ Auch für Kundenrückfragen, die ja auch durchaus an Freitagen eintreffen können, mussten Lösungen gefunden werden. „In Abteilungen wie dem Kundendienst arbeiten wir in zwei Teams, die freitags dann versetzt Dienst haben“, erläutert Volger.
Hoher Krankenstand
Dass eine kürzere Arbeitswoche zu einer erhöhten Produktivität und weniger Krankentage führt, kann Volger indes nicht bestätigen. „Im Bereich Handwerk und Industrie sind die beworbenen Produktivitätseffekte meiner Meinung nach unerheblich. Das mag in anderen Bereichen wie Werbeagenturen vielleicht anders aussehen. Auch hatten wir in den letzten zwölf Monaten einen Krankenstand, der mindestens so hoch wie zu Coronazeiten war – wie viele andere Betriebe derzeit auch – also können wir eine bessere Produktivität und gesündere Mitarbeiter derzeit nicht ableiten.“ Dieser allgemein hohe Krankenstand spiegelt sich auch in Berichten der Krankenkasse DAK wider, die im ersten Halbjahr 2024 ein Rekordniveau verzeichnete.
Ein weiterer Fahrzeugbauer im Landkreis setzt ebenfalls auf einen freien Freitag, jedoch konsequent. Bei GIMA-tec aus Sottrum bleiben die Lichter freitags aus. „Aufgrund des Mitarbeitermangels und um unsere älteren Mitarbeiter zu entlasten, haben wir uns vor rund zwei Jahren für eine Vier-Tage-Woche entschieden“, erläutert Geschäftsführer Amir Mehdi Gharagozlou. Eine Reduzierung der 37 Arbeitsstunden habe nicht stattgefunden.
Mehr Zeit für Sport und Freizeit
Die Mitarbeiter arbeiten seit September 2022 montags bis donnerstags 9,25 Stunden. „Die Mitarbeiter sollen einen weiteren freien Tag für Sport und Erholung haben“, erläutert Gharagozlou und berichtet stolz: „Wir haben seit der Einführung definitiv weniger Krankheitstage im Unternehmen.“ Hier führt er den Erfolg aber teilweise auch auf eine Prämie für gesunde Mitarbeiter zurück. Die Produktivität habe sich laut seiner Aussage ebenfalls verbessert.
Die kurze Arbeitswoche wurde vor zwei Jahren mit dem gesamten Team beschlossen und seither jährlich neu zur Diskussion gestellt. Auch bei der letzten Abstimmung habe es unter den rund 26 Mitarbeitern lediglich eine Enthaltung und keine Gegenstimmen gegeben. Dass das 2011 gegründete Unternehmen durch die verkürzte Anwesenheit auch für potenzielle Arbeitnehmer attraktiver wirkt, kann der Geschäftsführer jedoch nicht bestätigen. GIMA-tec fehle es weiterhin an Bewerbern, wie Gharagozlou bedauernd mitteilt.
Komplett flexibel
Einen komplett flexiblen Ansatz verfolgt die Tischlerei Grimm aus Sottrum. Doch wie darf man sich das vorstellen? Wie funktioniert es im Handwerk, wenn die Kollegen am Freitag plötzlich nicht mehr mit zur Baustelle fahren, weil das ihr freier Tag ist?
„Gar keine Probleme“ sieht Geschäftsführer Stefan Warnke bei der Umsetzung. Hier würden Mitarbeiter schon seit vielen Jahren selbst entscheiden, wie viele Tage sie pro Woche arbeiten wollen. So gäbe es etwa Mitarbeiter, die montags und freitags frei hätten, ein Kollege hätte jeden zweiten Freitag frei und einige Angestellte haben eine reduzierte Stundenanzahl pro Tag. „Wir passen uns an die Bedürfnisse der einzelnen Mitarbeiter an“, erklärt er dieses bunte Modell, das er für selbstverständlich hält.
Da das Unternehmen komplett regional unterwegs ist, seien unterschiedliche Arbeitszeiten einzelner Mitarbeiter kein Problem. Wer früher Feierabend macht, fährt nicht im Team, sondern allein zum Kunden. Wer seine Stunden reduzieren möchte, kann dies machen – zum entsprechend angepassten Gehalt.
„Über eine Vier-Tage-Woche für alle haben wir mal nachgedacht, aber das würde im Endeffekt auf Neun-Stunden-Tage hinauslaufen und das wollen wir unseren körperlich arbeitenden Angestellten nicht zumuten. So wie es jetzt ist, sind wir maximal flexibel und die Mitarbeiter sind zufrieden.“ Auch über zu wenige Bewerber kann sich das Unternehmen nach eigenen Aussagen nicht beklagen.
Modelle in der Pflege
Der Ambulante Pflegedienst Rotenburg geht laut Aussage des Geschäftsführers Kai Leipnitz und dessen Sohn Mike ebenfalls auf die Bedürfnisse der Angestellten ein. Demnach erfolgt die Stundenaufteilung flexibel und liegt in der Regel zwischen 80 und 140 Stunden pro Monat. Auch auf Wunscharbeitstage wird laut Mike Leipnitz Rücksicht genommen, er betont aber, dass auch Wochenendarbeit zum Pflegedienst gehört, „schließlich müssen auch dann die Patienten versorgt werden“. Kai Leipnitz erklärt, dass die Anforderungen in der Pflege andere sind als zum Beispiel bei einem Malerbetrieb. Wenn dort Mitarbeiter ausfallen, würde der Kunde auf einen anderen Termin vertröstet. Das gehe mit kranken und pflegebedürftigen Patienten natürlich nicht, daher müsse er Teilzeitkräfte zeitweise auch mal stundentechnisch hochsetzen.
Eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich für die Angestellten, hält Leipnitz für seine Branche aktuell für unrealistisch. Bereits jetzt fehle es massiv an Fachkräften, und hohe Kosten führen zu Zeitmangel für die Patienten. Eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich würde seiner Meinung nach zulasten der Patienten gehen. „Der Fachkräftemangel, die hohen Anforderungen der Krankenkassen und der Zeitdruck machen unsere Arbeit schon jetzt sehr schwer, darunter haben Patienten und Mitarbeiter gleichermaßen zu leiden“, erklärt Leipnitz und betont: „Pflege lässt sich nicht schieben.“
