Eine kleine Band als Nachbar von Punk-Legenden, ein Axtwerfer mit Feingefühl, ein Traum vom Königsthron und eine gepfefferte Ohrfeige – es sind Geschichten von Bands und vom Battlefield, die auf dem „Reload“ in Sulingen fernab der Musik geschrieben werden.
Sulingen – Es waren die Minuten an der Schwelle von Donnerstagnacht zu Freitagmorgen, als das Reload-Festival 2023 seinen ersten Höhepunkt erlebte. „Pennywise“, die Punklegenden aus Kalifornien, hatten ihren Auftritt. Gratis und für alle war die Band zu sehen und zu hören - eine Besonderheit des „Reload“, das am ersten Festivalabend zwar noch den Hauptplatz und die Mainstage geschlossen hält, dafür alle Fans, die auf dem Vorplatz, der Festival-Plaza, Platz finden, in den Genuss solcher Bands wie Pennywise kommen lässt.
Reload-Debüt mit Punk-Legenden: „Twinns“ spielten beim Reloas 2023 das erste Mal auf einem großen Festival
Bewundert werden die dann nicht nur von den Gästen, sondern auch von Kollegen, die vorher noch selbst ihren Auftritt hatten. Wie „Twinns“, einer aus Stuhr und Bremen stammenden Band. Mit ihnen auf der Breakstage und „Grailknights“ auf der Plaza-Stage hatte das Reload am Donnerstag begonnen.
Das Reload ist gestartet – hier gibt‘s die ersten Bilder!
Pennywise ist auch für den Bremer Cajonspieler Timo Seggermann und für den Gitarristen Lars Schneider aus Stuhr ein großer Name. Die „Twinns“ waren so etwas wie die Vor-Vor-Vor-Band. Sie spielten das erste Mal auf einem großen Festival und fanden es total „unwirklich“, dass sie, erstens, ihr eigenes Backstage-Zelt hatten und, zweitens, das auch noch direkt gegenüber von dem Pennywise-Zelt. „Eigentlich sind wir hier ja nur die Witzfiguren“, sagt Seggermann amüsiert. „Aber für einen eigenen Kühlschrank voll Bier ist man doch gerne die Witzfigur.“
Wie viele der mehrere tausend Fans auf dem Vorplatz für „Twinns“ gekommen waren, ließ sich nicht eruieren. Deutlich mehr dürften aber von Pennywise angelockt worden sein. Jan aus Herne zählt die Kalifornien-Punker zu seinen Lieblingsbands – neben Powerwolf, Sepultura, In Flames, Agnostic Front, Mr. Hurley und die Pulveraffen und J.B.O., die aber erst in den kommenden beiden Tagen auftreten werden.
Axtwerfen und Armbrustschießen: Reload 2023 lockt auch mit Rahmenprogramm
Für Alexandra „Püppi“ Lensker und Marcel „Otto“ Engelmann (beide aus Vreden im Münsterland) kommt die große Stunde in Sulingen am heutigen Freitag. Dann tritt deren Lieblingsband Landmvarks beim „Reload“ auf.
Doch es sind auch Leute auf dem Festival-Gelände, die mit Metal-Klängen gar nichts anfangen können: Simje stammt direkt aus Sulingen und hat ihren fünfjährigen Sohn Niel im Schlepptau. „Wenn in Sulingen etwas los ist, gehe ich da natürlich hin“, sagt sie. Denn der vordere Bereich, die Festival Plaza, steht allen offen. Welche Musik sie gerne hört, könne sie gar nicht so genau sagen, nur: „Diese Musik ist mir zu krass.“ Aber dank diverser Getränke- und Essensbuden und dem „Air Race“-Karussell lohnte sich ein Besuch für die beiden trotzdem.
Am anderen Ende der Festival Plaza laden Hans und Justus die Gäste dazu ein, sich im Axtwerfen und Armbrustschießen auszuprobieren. „Kraft ist nicht alles“, ist Hans’ Tipp für einen gelungenen Versuch mit der doppelseitigen Wurfaxt. „Man muss die Axt mit einem steifen Handgelenk werfen.“ Aha!
Mit der Armbrust ist es noch tückischer: „Sie funktioniert ein wenig wie ein Gewehr“, sagt Hans. „Die Armbrust schießt aber nicht automatisch geradeaus. Man braucht einen Probeschuss und erst dann kann man genau zielen. Mithilfe einer Armbrust kann jeder Bauer selbst einen Ritter erlegen. Dafür wurde sie erfunden. Die Armbrust ist leicht zu erlernen und eine sehr effektive Kriegswaffe. Erst später wurde sie dann auch zur Jagd genutzt.“
Karla Krokowski aus dem sauerländischen Menden probiert sie aus. Und tatsächlich: Für den zweiten Schuss kassiert sie Applaus der umstehenden Leute. Anfängerglück? „Vielleicht, aber ich bin in Lürbke bei den Jungschützen“, sagt die 20-Jährige. Im nächsten Jahr wollen ihre Freundin und sie das erste gleichgeschlechtliche Königspaar werden. Reload-Geschichten fernab der Musik.
Viele Metal-Fans treten gerne in T-Shirts mit martialischen Schriftzügen und Motiven auf. Aber nach dem Motto „Ihr werdet’s nicht vermuten – wir sind die Guten“ haben sie auch einen weichen Kern, wie dieser Flirt am Bierstand offenbart: Sie: „Ist hier das Ende der Schlange?“ – Er: „Egal, was du willst, ich tue alles für dich.“ – Sie: „Okay, dann hätte ich gerne ein Bier.“ – „Oh. Ein Bier habe ich jetzt nicht zur Hand.“ – Sie: „Na, gut, dann stelle ich mich jetzt hier an und kaufe eins.“ – Er: „Soll ich es dir bezahlen?“ – Sie: „Ernsthaft? Nicht, dass das mein Freund falsch versteht. Der ist auch hier und hat sooo ein Kreuz und ist sooo groß.“ Trotzdem bezahlt der Mann in der Schlange das Bier und sagt: „So, jetzt muss auch dein Freund kommen und mir eine runterhauen.“ Sie deutet mit den Händen realistische Maße an: „Der hat ehrlich gesagt nur so ein Kreuz und ist so groß.“ – Er: „Dann musst du mir jetzt eine runterhauen.“ Sie scheuert ihm eine und nimmt ihn sofort in den Arm, um sich zu entschuldigen. Aber er ist zufrieden: „Wow, danke! Die war geil!“