VonAnke Seidelschließen
Das Neun-Euro-Ticket kann man noch bis Ende August nutzen - und dann?
Landkreis Diepholz – Auto war gestern – das gilt zumindest für die Verkehrsteilnehmer, für die das Neun-Euro-Ticket ein echte Alternative ist. Das sind nicht wenige: Michael Groitzsch, Verkehrsplaner im Vechtaer Omnibusunternehmen Wilmering, berichtet von steigenden Fahrgastzahlen im Landkreis Diepholz – insbesondere im Bereich um Bremen. „Aber überfüllt waren unsere Busse nie“, stellt er fest.
Wie stark die Fahrgastzahlen auf der Schiene gestiegen sind, beweist eine Maßnahme der Nordwestbahn: Bis einschließlich Sonntag ist die Mitnahme von Fahrrädern und Bollerwagen auf der Linie RS 2 untersagt, weil jeder nur denkbare Platz für Fahrgäste gebraucht wird. Noch bis Ende August gilt der Neun-Euro-Ticket-Superpreis. Nachfolgeregelungen sind in der Diskussion, aber noch gibt es keine konkrete Lösung.
Dabei ist genau die für den Flächenlandkreis Diepholz, in dem der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) eine tragende Säule ist, absolut wichtig. Was halten Landrat Cord Bockhop und Erster Kreisrat Wolfram van Lessen, der die Interessen des Landkreises im Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen vertritt, für notwendig, möglich und machbar?
Über Tarifzonen hinweg
„Es ist toll, mit einem Ticket über Tarifzonen hinweg durchrauschen zu können“, beschreibt Landrat Cord Bockhop den großen Vorteil des Neun-Euro-Tickets. Den Wunsch nach Fortsetzung über den 31. August hinaus kann er gut verstehen – verweist aber auch auf unabdingbare Notwendigkeiten: „Es muss auch finanzierbar sein!“ Ohne Bund und Land sei das nicht möglich.
Hintergrund: 2,5 Milliarden Euro Zuschuss zahlt der Bund allein für das Neun-Euro-Ticket für drei Monate: macht rund 833 Millionen Euro in nur einem Monat.
Für das „Weitergedachte“ und Realistische hält Landrat Cord Bockhop ein 365-Euro-Ticket. Will heißen: Jeder Bus- und Bahnfahrer würde damit für einen Euro am Tag fahren. Das könnte sich der Landrat gut vorstellen.
Ohnehin ist ein ähnliches Ticket für Jugendliche schon Realität: Erster Kreisrat Wolfram van Lessen erinnert an das Jugendticket, das am 1. August startet. Für 360 Euro können Schüler, Auszubildende oder Freiwilligendienstleistende im gesamten Gebiet des Verkehrsverbunds Bremen/Niedersachsen zu einem Jahrespreis von 360 Euro alle Busse und Bahnen im Nahverkehr nutzen – auch in den Ferien.
Weil dieses Ticket günstiger ist als die üblichen Fahrkarten im Schülerverkehr, erhalten die rund 9 000 Fahrschüler im Landkreis Diepholz künftig auch das Jugendticket, betont Erster Kreisrat Wolfram van Lessen. Anspruch auf kostenlose Schülerbeförderung besteht bis einschließlich Klasse zehn. Durch das neue Jugendticket wird es aber auch für die Schüler ab Klasse elf, also für die Selbstzahler, günstiger.
Strukturen im ÖPNV müssen verbessert werden
Das Land Niedersachsen zahlt den ÖPNV-Aufgabenträgern – wie dem Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen – dafür eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 25 Millionen Euro allein in diesem Jahr. Künftig sollen es 30 Millionen Euro jährlich sein.
Landrat Cord Bockhop weiß: „Das Ticket allein ist es noch nicht. Es nutzt mir nichts, wenn bei mir kein Bus fährt.“ Deshalb müssten die Strukturen im ÖPNV deutlich verbessert werden. Ganz bewusst blickt der Landrat zurück auf die Expo 2000 in Hannover: Diese Weltausstellung stand unter dem Motto „Mensch, Natur und Technik – Eine neue Welt entsteht“ und hatte etwa 18 Millionen Besucher. Schon im Vorfeld war der Öffentliche Personennahverkehr in der Landeshauptstadt dafür deutlich ausgebaut und verbessert worden.
„Wir brauchen autonomes Fahren!“
„Jetzt ist die Expo vorbei“, betont Cord Bockhop. Jetzt sei es an der Zeit, genauso in den ländlichen Raum zu investieren. Beim weiteren Ausbau des ÖPNV müsse man genau dort beginnen, wo das stärkste Defizit festzustellen sei. „Wir versorgen nicht nur viele Menschen, sondern auch viel Fläche“, so der Landrat zu den Strukturen im Flächenlandkreis Diepholz. Wenn man in Niedersachsen gleiche Lebensverhältnisse schaffen wolle, „dann muss man auch etwas dafür tun!“
Doch es gibt ein weiteres Problem, das Schatten auf den ÖPNV wirft: „Es gibt nicht genügend Busfahrer“, stellt der Landrat fest. Die Konsequenz aus diesem Personalmangel: „Wir brauchen autonomes Fahren!“ Darüber müsse jetzt nachgedacht werden. Für Cord Bockhop ist es wichtig, „aus den Erfahrungen der letzten Wochen zu lernen“. Nun müssten Projekte entwickelt werden, die zunächst eine Laufzeit von zwei oder drei Jahren hätten: „Dann entwickeln wir das weiter.“
