Interview

Windkraftanlagen-Ausbau: „An der Küste gehören sie dazu“

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Der Bau von neuen Anlagen gehe zu langsam, meint Verbandschefin Heidebroek.
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Im Interview spricht Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands Windenergie, über den Ausbau der erneuerbaren Energie im Land.

Hannover – Macht Windkraft krank? Verbandschefin Bärbel Heidebroek glaubt nicht, dass bei gesundheitlichen Beschwerden wie etwa Kopfschmerzen die Anlagen selbst ursächlich dafür sind, sondern häufig eher eine extrem kritische Haltung zur Windkraft. Heidebroek ist Präsidentin des Bundesverbands Windenergie und Vorsitzende des Landesverbands Erneuerbare Energien Niedersachsen/Bremen. Gleichzeitig beklagt Heidebroek, dass die Genehmigung von Schwertransporten in Deutschland viel zu lange dauere.

Frau Heidebroek, welches ist aus Ihrer Sicht aktuell das größte Hemmnis für den Windkraft-Ausbau in Deutschland?

Ein ganz großes Problem ist nach wie vor, dass zu wenige Flächen zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die Dauer von Genehmigungen. Das wird eher schlechter als besser: Genehmigungen dauern immer länger. Im Schnitt dauert es ab Erteilung der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung mehr als 23 Monate, bis die genehmigte Anlage ans Netz geht.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit es schneller geht?

Man müsste die Genehmigungsprozesse verschlanken, indem sie man sie konsequent digitalisiert, standardisiert und vor allem auch vereinfacht.

Immer noch gibt es häufig Bürgerproteste gegen neue Windparks. Haben Sie Verständnis dafür?

Erst einmal habe ich das Gefühl, dass vielen Menschen seit dem Überfall auf die Ukraine bewusst geworden ist, dass wir die erneuerbaren Energien nicht nur aus Klimaschutzgründen brauchen, sondern auch, um unsere Energieversorgung sicherzustellen. Es gibt daher eine deutlich höhere Akzeptanz gegenüber den Erneuerbaren. Ich habe sicher auch Verständnis dafür, wenn jemand dagegen ist. Wenn allerdings damit argumentiert wird, dass möglichst alles so bleiben soll, wie es ist, nur damit sich vor meiner eigenen Haustür nichts verändert, ist das egoistisch und bringt uns nicht weiter.

Manche Menschen, die einen Windpark vor die Tür gesetzt bekommen haben, klagen über gesundheitliche Probleme. Es vibriere zwar nur leicht, aber ständig, sagen sie und berichten von Schlaflosigkeit und Wortfindungsstörungen. Das mache einen „verrückt“.

Wenn ein Windrad mich stört, ich es wirklich furchtbar finde und glaube, dass es meine Gesundheit negativ beeinflusst, dann kann mich allein dieser Gedanke krank machen. Es ist wie mit allen Dingen, von denen ich meine, dass sie mir schaden: Wenn ich nur fest genug daran glaube und mich da vielleicht auch hineinsteigere, dann kommt es auch so. Dann ist es aber in Wirklichkeit gar nicht das Windrad, das mich krank macht, sondern vielmehr die Tatsache, dass ich mich daran massiv störe.

Infraschall – manche sprechen von unhörbarem Lärm, der krank mache – gibt es bei Windkraftanlagen also gar nicht?

Das habe ich nicht gesagt, aber es gibt objektive Messungen, wonach bei einem Abstand von 700 Metern zu einem Windrad nicht mehr messbar ist, ob das Windrad sich dreht oder nicht. Zudem entsteht Infraschall auch aus natürlichen Quellen wie zum Beispiel dem Meeresrauschen.

Bärbel Heidebroek

Die AfD-Fraktion im Landtag von Niedersachsen will den Bau von Windrädern in Urlaubsgebieten verbieten lassen, um das Landschaftsbild nicht weiter zu beeinträchtigen. Halten Sie das für nachvollziehbar?

Nein. Dass Häuser durch Windräder weniger wert würden oder Urlaubsgebiete nicht mehr so stark frequentiert, halte ich für eine Scheindebatte. Durch Zahlen lässt sich diese Behauptung jedenfalls nicht erhärten. Gerade an der Küste gehören Windenergieanlagen zum Landschaftsbild mittlerweile dazu.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, in Regionen mit viel Windkraft die Gebühren für den Strom zu senken. Denn weil die Verbraucher nicht nur für den Strom zahlen, sondern in Form der Netzentgelte auch für Leitungen und Investitionen ins Netz, wird in Windkraftregionen deutlich mehr gezahlt als im Süden, wo man vom Windstrom aus dem Norden nur profitiert. Gehen Sie da mit?

Auf jeden Fall. Die Forderung nach bundeseinheitlichen Netzentgelten unterstütze ich ausdrücklich. Es kann nicht sein, dass die Regionen, die die Windkraft ausbauen und die Anlagen bei sich stehen haben, auch noch mit höheren Netzentgelten belastet werden. Das ist einfach ungerecht.

Kommen wir noch kurz zum Genehmigungsstau für Schwertransporte. Laut der Logistikbranche liegen derzeit rund 15.000 Anträge unbearbeitet allein bei der Autobahn GmbH für Nordwestdeutschland. Was sagen Sie dazu?

Ich habe gehört, dass es sich schon um 20.000 unbearbeitete Anträge handeln soll. Es dauert einfach unglaublich lange. Nur mal ein Beispiel: Wenn so ein Antragsverfahren für einen Transport gut läuft, reden wir bei uns über zwölf Wochen, in den Niederlanden sind es fünf Tage.

Macht Sie das nicht wütend?

Doch, denn das ist wirklich ein großes Problem. Wenn die Flügel nicht rechtzeitig geliefert werden, gerät der ganze Bau ins Stocken. Wir als Deutsche sind halt immer übergründlich und stehen uns dabei häufig im Weg. Es gibt bei einer Ablehnung eines Transports auch keine Begründung oder konkrete Ansprechpartner für Rückfragen, sondern nur Fahrverbote für bestimmte Brücken oder Bereiche. Serviceorientiert wäre doch, wenn die Behörde auch Lösungsansätze aufzeigen würde nach dem Motto „über folgende Route wäre der Transport genehmigungsfähig“. Aber davon sind wir leider weit entfernt und ich weiß gar nicht, wie das erst werden soll, wenn der Windkraftausbau so richtig in Fahrt kommt. Denn von unseren Ausbauzielen sind wir momentan noch meilenweit entfernt.

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