VonLia Stoikeschließen
Nachdem ein Wolf Tiere gerissen hatte, sieht sich ein Schafhalter nach 100 Jahren Tradition gezwungen, seine Herde abzugeben. Schuld an der Misere ist die Politik, meint er.
Update vom 5. Mai 2023, 17:20 Uhr: Kinder stehen vor einem Viehtransporter und winken. Es sind die Schafe von Christian Lohmeyer, die jetzt den Hof verlassen. Die Szenerie zeigt ein Facebook-Post am 4. Mai, den der Schafhalter auf seinem Profil teilt. „Ein letztes Winken, Tränen, nicht nur bei den Kleinen“, heißt es in der Bildunterschrift. „Die meisten Schafe sind jetzt weg“, sagt Lohmeyer gegenüber kreiszeitung.de. Von der Hauptherde hat er sich getrennt. Wenige Schafe verbleiben noch auf dem Hof. Sie dürfen nur noch tagsüber raus.
Nach Wolfsriss: Schafhalter gibt Herde auf und äußert heftige Vorwürfe – „Tierleid muss enden“
Seine Entscheidung stellt der Familienvater auch heute nicht infrage. Bestätigung findet er in den näher rückenden Einschlägen in puncto Wolf. „Wir haben neue Bilder bekommen“, sagt er. Auf diesen sei zu sehen, wie ein Wolf, nur drei Kilometer Luftlinie entfernt über einen Graben hinweg auf die Seite des Grabens gesprungen, auf der der Mensch stand – obwohl eigentlich zu erwarten gewesen wäre, dass das Tier wegläuft. „Der Wolf hat überhaupt keine Scheu gezeigt“, sagt Lohmeyer. Angst und Sorge sind stetiger Begleiter der Menschen vor Ort, so der Schafhalter. „Das wird es nicht gewesen sein.“
Statt Schafen grasen jetzt seine Pferde auf Deichen. „Das ist eine gefährliche Nummer.“ Die Deichabschnitte seien teilweise sehr steil. Insbesondere, wenn es nass ist, könne dies zur Rutschpartie werden. Die Tiere müssen sich zuerst daran gewöhnen. Dafür, dass der Deichschutz gefährdet ist, hat sich keiner interessiert, berichtet der Schafhalter. „Wir haben uns damit abgefunden und können es zeitgleich nicht fassen.“
Erstmeldung vom 19. April 2023, 16:06 Uhr: Niedersachsen – Dichter Nebel hängt noch über den Feldern am Weserdeich in Bücken (Landkreis Nienburg), als Christian Lohmeyer um fünf Uhr morgens in der vergangenen Woche einen letzten Blick auf seine Schafsherde am Weserdeich wirft. Kurz darauf lädt der Schafhalter die Tiere auf einen Anhänger und bringt sie in den Stall, um sie von dort aus zu verkaufen.
Nach Wolfsriss: Schafhalter gibt Herde auf nach 100 Jahren Familien-Tradition
Es ist ein denkwürdiger Tag in der Historie seiner Familiengeschichte. Weit mehr als 100 Jahre, in der 21. Generation, hält die Familie Schafe. Jetzt ist es vorbei. „Ich steige aus“, sagt Lohmeyer, Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes vom Landvolk Mittelweser, gegenüber kreiszeitung.de. 80 bis 90 Mutterschafe verlassen nun seinen Hof. „Das trifft unsere Familie hart.“
Grund hierfür sei die stetig wachsende Wolfspopulation und die Bedrohung durch das Raubtier. Einen Zaun zum Schutze seiner Tiere kann Lohmeyer entlang des Weserdeichs nicht aufstellen. Das ist verboten. Hunde würde die Schafe nicht davor bewahren, in Angst ins Wasser zu rennen. Zudem brauchen auch diese einen vollkommen umschlossenen Weidezaun. So ist seine Herde schutzlos ausgeliefert.
Der ehemalige Wolfsberater sagt niedergeschlagen: „Ich kann meine Tiere nicht vor dem Wolf schützen.“ Nur wenige Meter entfernt, auf der Nachbarweide, schlug der Wolf kürzlich bereits ein zweites Mal zu.
Video zeigt Ausmaß das Schaf-Schicksals: Wolf trieb die Tiere ins Wasser
Ein Video, das er auf seinem Facebook-Kanal teilt, zeigt das Ausmaß des Schicksals der Tiere: Schafe liegen tot am Wasser. Sie liefen aus Panik vor dem Wolf in den Kanal direkt am Deich, als der Wolf eines der Tiere fraß. „Sie ertranken erbärmlich.“ Durch reines Glück blieben Lohmeyers Schafe verschont. Das soll auch so bleiben. Dasselbe erleiden, sollen seine Tiere nicht. „Dieses Tierleid muss enden.“
Deshalb trennt sich Lohmeyer nun von ihnen. Ein Schritt, der auch aus Frustration über mangelnde Hilfe herrührt. „Der Wolf kommt immer näher – und die Politik schaut zu“, sagt Lohmeyer aufgebracht. Erst kürzlich lehnte das Umweltministerium den Antrag von mehreren norddeutschen Küstenjägerschaften ab, „wolfsrudelfreie Zonen“ zu errichten, um Deichschafe zu schützen.
Spitzt sich die Lage in Norddeutschland zu? Wolfspopulation dürfte steigen
Herdenschutzhunde und Zäune, seien geeignete Maßnahmen, hieß es seitens des Ministeriums. Angesichts Lohmeyers Schilderungen nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein. Laut dem Schafhalter dürfte sich die Lage in Norddeutschland in den kommenden Jahren drastisch zuspitzen.
Eine modellbasierte Populations-Studie des Umweltministeriums über den Wolf in Niedersachsen (2022) belegt ein exponentielles Wachstum eines Faktors von 1,32. Mit einer Zunahme von 89,6 Prozent könnte bereits im Jahr 2030 die maximale Kapazitätsgrenze von 1408 Wolf-Territorien erreicht in Deutschland sein. „Wo soll das enden?“, fragt sich Lohmeyer.
Ehemaliger Wolfsberater übt Kritik: „Der Wolf verdrängt die Landwirte von ihren Flächen“
Am schlimmsten daran sei, das unendliche Leid der Herden- und Nutztiere, das durch Risse und Verletzungen entstehe. Nicht nur diese sind davon betroffen: Erst im Februar wurde unmittelbar in der Nähe eines Wohnhauses ein Pony gefressen. Für Lohmeyer steht fest: Der Wolf passt nicht in die landwirtschaftlich geprägte Region.
„Der Wolf verdrängt die Landwirte von ihren Flächen, weil sie diese nicht mehr nutzen können.“ Der ehemalige Wolfsberater meint, das sei Missbrauch von Naturschutz. Organisationen, wie der Nabu, seien an der Spitze rein vom Profit getrieben und betrieben unter anderem durch die Wolfspatenschaften ein lukratives Geschäft mit dem Wolf, unterstellt Lohmeyer.
Nabu weist „populistischen Vorwurf“ entschieden zurück – kaum Spendeneinnahmen durch Wolfspatenschaften
Das sei an den Haaren herbeigezogen, so der Naturschutzbund Niedersachsen (Nabu). „Diesen populistischen Vorwurf weisen wir klar ab“, sagt Mathias Freter, Nabu-Pressesprecher. Weder bereichere sich der Nabu am Thema „Wolf“, noch an anderen, die kontrovers diskutiert werden. „Dem Nabu geht es ausschließlich um Erhalt, Schutz und die Förderung der Biodiversität in Niedersachsen und Deutschland.“ Der Wolf sei ein selbstverständlicher Teil davon.
Nach der Ausrottung des Wolfs sei eine große Lücke im Ökosystem entstanden, die Wechselbeziehungen beeinträchtigt habe. „Nicht zu Unrecht wird der Wolf als ‚Gesundheitspolizei‘ des Waldes bezeichnet, da er häufig auch kranke und schwache Tiere frisst und somit den Bestand seiner Beutetiere ‚gesund‘ hält.“
Abgesehen davon, dass Wolfspatenschaften nicht mehr angeboten werden, betrugen die Einnahmen daraus im Jahr 2021 lediglich 3 Prozent der gesamten Spendeneinnahmen des Nabu Bundesverbandes. Für 2022 liege noch kein Bericht vor. In den genannten Jahren habe der Nabu Niedersachsen vom Bundesverband zudem überhaupt keine Gelder aus den genannten Patenschaften erhalten.
Wolf trotz riesiger landwirtschaftlicher Nutzungsflächen heimisch
„Demgegenüber investiert der NABU Niedersachsen jährlich aber erhebliche finanzielle Mittel in das Herdenschutzprojekt, um Weidetierhalter zu unterstützen“, sagt Freter. Ungefähr 2,6 Millionen Hektar Fläche werden in Niedersachsen landwirtschaftlich genutzt. Dennoch sei der Wolf als heimisches Wildtier Teil der Landschaft und habe hier einen positiven Einfluss. „Wölfe brauchen keine Wildnis: Sie haben wesentliche geringere Ansprüche an ihren Lebensraum als oft verbreitet wird.“ Die Raubtiere brauchen laut dem Nabu-Pressesprecher keine unberührten Wälder und kommen auch in Agrarlandschaften gut zurecht.
Kotproben ergeben: Wolf frisst hauptsächlich Wildtiere
Die Hauptnahrungsquelle des Wolfes in Deutschland sei zudem nachweisbar das Reh (50,9 Prozent), gefolgt von Wildschweinen (20,3 Prozent) und Rotwild (13,1 Prozent). Dies ergaben unter anderem Kotproben. Nur 1,6 Prozent der Beute sind Nutztierrisse. „Der Nabu fordert daher, die Zahlen mit Augenmaß zu betrachten und Verhältnismäßigkeit im Hinblick auf diese Zahlen walten zu lassen.“
Die Zahlen hingegen lindern jedoch nicht den Schmerz der gerissenen oder verletzten Tiere sowie das Mitleid der Halter. Eine Statistik der Landesjägerschaft über die Wolfsrisse zeigt zudem einen klaren Zuwachs der Angriffe zu erkennen. Der Nabu habe Verständnis für die Tierhalter und deren Herausforderungen. Freten sagt: „Aus diesem Grund fordert der Nabu schon immer konsequent eine adäquate fachliche sowie finanzielle Unterstützung der Nutztier- und Weidetierhaltungen in Sachen Herdenschutz.“



