Studie zur Ursachenforschung und möglichen Sanierungsstrategie läuft

Woran der Otterstedter See krankt

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Wenn sich das Wasser grün trübt, wie auf diesem Bild vom Sommer 2021, ist Blaualgenalarm am Otterstedter See. Wegen der Massenentwicklung der giftigen Cyanobakterien warnt das Gesundheitsamt derzeit gerade wieder vor dem Baden im See.
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Otterstedt – „Was ist los? Was bedeutet das? Was kann man tun?“ Drei simpel klingende Fragen, auf die Landschaftsökologe Tim Epe derzeit ungleich kompliziertere Antworten sucht. Bestandsaufnahme, Bewertung und Maßnahmenentwicklung sind sein wissenschaftlicher Arbeitsauftrag. Am Ende sollen 2024 Erkenntnisse und bestenfalls Lösungen stehen, wie dem Otterstedter See zu helfen ist.

Der droht an seiner mutmaßlich weitestgehend menschengemachten Nährstoffüberlastung zu ersticken. Sichtbares Symptom: die mittlerweile allgegenwärtigen Blaualgen. Mit den bisher umfangreichsten Gewässeruntersuchungen will die Gemeinde den Ursachen nun richtig auf den Grund gehen.

Was und wie mit welchem Ziel untersucht wird, darüber informierten die Projektbeteiligten am Donnerstagabend interessierte An- und Einwohner in einer gut besuchten öffentlichen Veranstaltung im Saal vom „Haus am See“ in Otterstedt. Die Moderation übernahm Bürgermeister Tim Willy Weber.

Für die Entwicklung einer Seesanierungsstrategie hatte Ottersberg vor drei Jahren beim Niedersächsischen Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz einen Förderantrag gestellt und im Folgejahr mehr als 300 000 Euro Zuschuss – etwa 90 Prozent der Kosten – bewilligt bekommen. Mit der Projektsteuerung beauftragte die Gemeinde das auf Naturentwicklung spezialisierte Planungsbüro Haneg aus Bremen, mit den gewässerkundlichen Untersuchungen das Ottersberger Umweltanalytikinstitut Dr. Nowak.

Ingenieurin Kerstin Kunze vom Büro Haneg und Tim Epe, der im Institut Nowak das Ressort Limnologie (Süßwasserökologie) leitet, stellten den Interessierten im „Haus am See“ Ziel, Zeitplan und Methodik der gestarteten wissenschaftlichen Studie vor. Demnach wird chemisch, physikalisch und biologisch alles Erdenkliche beprobt, gezählt, vermessen, bilanziert und labortechnisch analysiert: das Seewasser mit seinen Stoffkonzentrationen in allen Tiefenschichten, das Sediment, das Grundwasser der Umgebung, Einträge von Oberflächenwasser und anderen externen Quellen, alles pflanzliche und tierische Leben – und wie das alles in seinen komplizierten Wechselwirkungen zusammenhängt.

In die Ursachenforschung, warum das Gewässer so krank ist, wird auch der Faktor Mensch an dem ringsum dicht besiedelten und als Freizeitstätte stark genutzten See einbezogen.

Die über fast zwei Jahre erhobenen und ausgewerteten Daten sollen fundierten Aufschluss über die Nährstoffbelastung des Gewässers, bedeutsame Belastungsfaktoren und Handlungsbedarfe geben. Im Frühjahr 2024 wollen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vorstellen und Maßnahmen zur Verbesserung des ökologischen Gewässerzustands vorschlagen. Eine Umsetzung läge danach in Händen der Gemeinde.

Die hatte mit vereinzelten Maßnahmen seit Beginn der 2000er-Jahre immer wieder versucht, den See zu entlasten. Unter anderem wurde das eiszeitliche Gewässer zweimal mit dem Phosphatbindemittel Bentophos, das den Algen die Nahrungsgrundlage entziehen soll, behandelt. Bei der letzten Applikation vor zweieinhalb Jahren versagte die Methode jedoch. Zeit also, die Problematik systematisch von Grund auf anzugehen. „Wir sind sehr froh, jetzt so umfangreiche Untersuchungen durchführen zu können“, sagte Tim Epe und bat auch die Anwohner um Mithilfe: Sie sollen zwecks Analytik Wasserproben von ihren Hausbrunnen einreichen.

Als Ziele der umfassenden Gewässerstudie hatte der Gemeinderat bei der Auftragsvergabe die Sanierung des Sees und den Erhalt als Badesee formuliert. „Zwei Ziele, die sich möglicherweise widersprechen“, wie Bürgermeister Weber einräumte, die „zumindest aber ein Spannungsfeld abbilden“. Den achtsamen Umgang mit dem See bezeichnete der Verwaltungschef – unabhängig von den Untersuchungsergebnissen und daraus möglicherweise folgenden Sanierungsmaßnahmen – als „Daueraufgabe“: Keine Enten füttern, vor dem Baden duschen, keine Hunde im See schwimmen lassen, Oberflächenwasser auf den Grundstücken zurückhalten ... – laut Weber habe jeder täglich die Möglichkeit, dem kranken See zu helfen.

Die Besucher nutzten den Infoabend, um Detailfragen zu stellen, eigene Einschätzungen vorzutragen oder auch die Gemeindeverwaltung zu bekritteln, was beispielsweise den Zustand der öffentlichen Toilette am Otterstedter See betrifft.

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