„Rennfahrer“ auf Überholspur

306 PS mit Totalschaden: mehr illegale Autorennen in Hamm

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306 PS mit Totalschaden: Ein 20-jähriger fuhr bei einem illegalen Kfz-Rennen mit Papas Mercedes E-Klasse an der Otto-Brenner-Straße im September 2022 gegen eine Brückenwand. Das Verfahren läuft noch. Schrottfahrzeug und Führerschein wurden eingezogen. Ob der Fall vor Gericht geht, ist offen.
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„Rennfahrer“ auf Überholspur: In Hamm nimmt die Zahl illegaler Autorennen zu. Vor Gericht landet allerdings kaum jemand der Verantwortlichen.

Hamm – Zwölf Menschen verloren 2022 in Nordrhein-Westfalen ihr Leben in Folge von illegalen Autorennen, rund 2000 vermeintliche Rennen wurden von der Polizei zur Anzeige gebracht. Die Zahlen, die NRW-Innenminister Reul in der vergangenen Woche in der Verkehrsunfallstatistik vorstellte, sind alarmierend. In Hamm hat sich die Zahl der bekannt gewordenen Fälle seit 2019 mehr als verdoppelt (siehe Infokasten unten). Die Polizei setze alle zur Verfügung stehenden Mittel gegen „Rennfahrer“ ein, sagte Behördensprecher Hendrik Heine.

25 Rennen im vergangenen Jahr, davon 14 Verfolgungsfahrten mit der Polizei: Was lange Zeit in Hamm kaum ein Thema schien, hat seit 2019 kontinuierlich Fahrt aufgenommen. 2022 blieb es in Hamm bei einem Leichtverletzten und teils teuren Blechschäden, doch manch einen oder eine scheint das nicht abzuschrecken.

Vor einem Richter musste sich bei den abgeschlossenen Verfahren 2022 niemand in Hamm verantworten. „Die Teilnahme an einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen ist in vielen Fällen nicht so einfach nachweisbar“, sagt Henner Kruse, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund. Dabei ist bereits der Versuch strafbar, ein Rennen auszurichten oder daran teilzunehmen.

Illegale Kfz-Rennen in Hamm: Freiheitsstrafen nicht verhängt

Von einem Anfangsverdacht bis zum Nachweis sei es mitunter ein weiter Weg. Die Zahlung von ein bis zwei Monatsgehältern (netto) und Führerscheinentzug für ein Jahr, die ein Richter bei einem nachweislich begangenen Verstoß als mögliches Strafmaß aussprechen könnte, kamen in Hamm nicht zur Anwendung. Geschweige denn Freiheitsstrafen.

Ohne Sanktionen blieben Rennen allerdings nicht – wenn auch auf vergleichsweise milde Art. Eine Art rechtlicher Kompromiss ohne Vorstrafe oder Eintrag im Führungszeugnis. Ein Beispiel:

Illegale Kfz-Rennen in Hamm: Duell im Sternstraße/Nordstraße

Am 11. September 2022 „duellierten“ sich im Bereich Sternstraße/Nordstraße über eine Strecke von ungefähr 400 Metern ein 19-jähriger Mann und einer 18-jährige Frau aus Hamm. Sie fuhren die Autos ihrer Eltern, eine Mercedes E-Klasse und einen BMW 530d. Beide Pkw sowie die Mobiltelefone wurden zur Beweissicherung sichergestellt, die Führerscheine eingezogen.

Für den Weg vors Gericht reichte es am Ende nicht: Das Verfahren wurde nach zwei Monaten eingestellt. Die Auflage: Zahlen mussten beide je 600 Euro. Führerscheine, Autos und Mobiltelefone erhielten sie zurück. Kein ungewöhnlicher Ausgang, wie Kruse weiß. Da war zwar etwas, aber doch nicht ausreichend für eine Verurteilung.

Illegale Kfz-Rennen in Hamm: Crash auf der Otto-Brenner-Straße

Ein Verfahren nach einem Rennen in Hamm mit Unfallfolge läuft noch: Ebenfalls im September 2022 nahmen zwei 20-Jährige mit zwei Mercedes-Kfz an einem Rennen teil. Sie fuhren im Hammer Westen über die Banningstraße und bogen nach rechts in die Otto-Brenner-Straße ab. Der Fahrer einer 306 PS starken E-Klasse – Halter war der Vater – verlor die Kontrolle über das Fahrzeug und krachte gegen eine nahe gelegene Brückenwand. Alle Beteiligten blieben unverletzt, die E-Klasse hatte einen Totalschaden und wurde sichergestellt, ebenso die Führerscheine der Fahrer.

Statistik und Strafmaß in Hamm

Die Anzahl von verbotenen Kfz-Rennen auf Hammer Straßen ist im Trend in vier Vergleichsjahren deutlich steigend. 2019 verzeichnet die Polizeistatistik elf Rennen, 2022 waren es 25 (2020: 15; 2021: 21).

Sieben Unfälle ereigneten sich 2022 bei den PS-Duellen, eine beteiligte Person wurde leicht verletzt, der 16-jährige Fahrer eines getunten Rollers. Auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle touchierte er eine Laterne und stürzte.

Geregelt sind Verbotene Kraftfahrzeugrennen in § 315d Strafgesetzbuch. Geld- oder Freiheitsstrafen von zwei bis zu zehn Jahren (bei Todesfolge) sind möglich.

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